Übergabe der Grafschaft Tirol an die Herzöge von Österreich durch Gräfin Margarete (Maultasch) von Tirol, 1363 Januar 26

Übergabe der Grafschaft Tirol an die Herzöge von Österreich durch Gräfin Margarete (Maultasch) von Tirol, 1363 Januar 26

In: Ostarrîchi - Österreich 996-1996. Menschen, Mythen, Meilensteine. Katalog der Österreichischen Länderausstellung in Neuhofen an der Ybbs und St. Pölten. Herausgegeben von Ernst Bruckmüller und Peter Urbanitsch. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 388. – Horn: Berger 1996. XXIV, 736. 4°. Objekt-Nr.: 17.08, S. 656.

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Leihgeber: Haus-, Hof- und Staatsarchiv (Wien), AUR 1363 I 26/2
Übergabe der Grafschaft Tirol an die Herzöge von Österreich durch Gräfin Margarete (Maultasch) von Tirol, 1363 Januar 26

© Fotostudio Otto, Wien


Original, Pergament, 52 x 70 cm
Rotes und dreizehn grüne Wachssiegel in naturfarbenen Wachsschalen an rot-grünen Seidenfäden, Durchmesser 7,3 und 6-7 cm

Die Erwerbung Tirols für das Haus Habsburg durch Rudolf IV. zählt zu den bekanntesten Ereignissen des späten Mittelalters in unserem Geschichtsbewußtsein. Und tatsächlich bringt der Ablauf des Geschehens eine Reihe von dramatischen Effekten, die ein spannendes Theaterstück bereichern könnten: Die Figur der schutzlosen gräflichen Witwe, deren einziger Sohn in jugendlichem Alter stirbt und die Mutter bedrängt von ehrgeizigen, besitzgierigen Räten zurückläßt,– und dann in letzter Minute der "Retter", der in einem Parforceritt über die winterlichen Alpen die Situation aplaniert, bei Wahrung aller Rücksicht auf die Gräfin allerdings zu seinen Gunsten! Als Pikanterie am Rande: Der Vater des "Helden" hatte 18 Jahre vorher das Herzogtum des Vaters Margaretes, Kärnten, erlangen können.
Aber auch abgesehen von solchen fast marktschreierischen Höhepunkten ist es richtig, die Relevanz dieses habsburgischen Machtzuwachses als das entscheidende Element für den Vorstoß in den Westen zu betonen. Die einzige gesunde Tochter des letzten meinhardinischen Grafen von Tirol, Margarete Maultasch – der Beiname ist nicht zeitgenössisch –, war den Habsburgern, die sich erfolgreich für die Bereinigung ihrer Eheaffäre eingesetzt hatten, zu Dank verpflichtet. Zur engen Verwandtschaft – Margarete und Herzog Albrecht II. waren Kusin und Kusine – kam noch die Verschwägerung durch die Vermählung der Schwester Rudolfs IV. mit Margaretes Sohn Meinhard III. Sicher war der Habsburger über die labile Gesundheit des Schwagers unterrichtet, denn als Meinhard III. am 13. Januar 1363 starb, war Rudolf bereits auf dem Weg nach Tirol in der richtigen Annahme, daß Schnelligkeit des Handelns und persönliche Anwesenheit dringend geraten waren, um bayerische Initiativen zu vereiteln. Gemeinsam mit seinem Kanzler Johann von Platzheim, Bischof von Gurk, verließ Rudolf kurz nach dem 5. Januar Wien, um über den Semmering, die Obersteiermark, den Pinzgau, den Krimmler Tauern und Taufers am 18. Januar in Rodenegg (zwischen Bozen und Bruneck) einzutreffen. Möglicherweise war Margarete seine Ankunft nicht unlieb, denn als Regentin war sie dem Ansturm ihrer Räte nicht gewachsen, denen sie konzedieren mußte, nichts ohne deren Wissen und Willen zu tun. Eine völlige Abhängigkeit von dieser zum eigenen Nutzen operierenden Clique hätte die Gefahr einer Aufsplitterung des Landes in adelige Herrschaften gebracht.
Es gelang Rudolf in kürzester Zeit, mit allen Betroffenen in Bozen zusammenzukommen und Margarete zur Übergabe ihrer Grafschaft zu bewegen. Sein diplomatisches Geschick bewies er nicht zuletzt durch Verzicht auf zu starken Druck gegenüber der Gräfin, indem er ihren Wunsch, lebenslang an Stelle und im Namen der habsburgischen Brüder Tirol "innen(zu)haben", respektierte. Die Zurückhaltung machte sich bezahlt. Margarete muß sich den Schwierigkeiten nicht gewachsen gefühlt haben, und als Rudolf IV. im August 1363 wieder in Tirol erschien, war sie bereit, auch ihre "Statthalterschaft" niederzulegen: Der Weg war frei für die Huldigung, die Rudolf im Namen der Herzöge von Österreich entgegennahm. Die Übertragung vom 26. Januar wurde in drei Exemplaren ausgestellt. Aus konservatorischen Gründen muß hier auf die zweite Ausfertigung des Haus-, Hof- und Staatsarchivs zurückgegriffen werden, bei der das prachtvolle Siegel Margaretes – eine stehende schlanke Frauengestalt unter einem gotischen Baldachin – fehlt. Der Ersatz, ein Wachsabguß vom Original, läßt jedoch die zierliche Schönheit des Siegelbildes deutlich erkennen.
Auffallend oft hebt Margarete in der weitschweifigen, aber durch mehrere Wiederholungen umso einprägsameren Textierung hervor, daß die Brüder Rudolf IV., Albrecht III. als "vattermage, lidmag und gesippe" die nächsten Erben mit der größten Berechtigung auf dieses Erbe seien. Ihre Entscheidung fällt sie im Einvernehmen mit den Mitsieglern, die stellvertretend für alle anderen und "des landes gemeinlich" zustimmen (interessanterweise sind darunter jene Adeligen, die sich knapp zuvor bei der schwachen Regentin die meisten Vorteile zu sichern gewußt hatten). Mit der Gültigkeit dieser Urkunde sind alle vorangegangenen null und nichtig. Bei ihrer "furstlichen wirdichait" gelobt sie, in Zukunft zu diesem ihrem Entschluß zu stehen und die Habsburger zu fördern, solange sie lebe. Alle Einwohner werden aufgefordert, den "rechten erben", den "herczogen von Osterreich und irn erben" zu huldigen. Wer bei diesem Rechtsakt nicht anwesend ist, hat seinen Eid schriftlich und mit seinem Siegel versehen, zu leisten. In einem eigenen Nachsatz, beginnend mit "wir, die vorgenanten lantherren und ratgeben, ritter und knecht", bekräftigen die Mitsiegier ihr Einverständnis.
Mit reichen Einkünften ausgestattet übersiedelt Margarete nach Wien, wo sie am 3. Oktober 1369 stirbt.


Christiane Thomas


Literatur: Abbildungen des 1. Wiener Exemplars und des 3., des Innsbrucker Exemplars: 1100 Jahre Österreichische und europäische Geschichte in Urkunden und Dokumenten des Haus-, Hof- und Staatsarchivs, hg. Leo Santifaller (Wien 1949) Tafel 21 und Eines Fürsten Traum. Meinhard II. - Das Werden Tirols, Tiroler Landesausstellung Schloß Tirol-Stift Stamms (1995) 144; Druck und Lit.: 1100 Jahre (wie oben) 29-33; Josef Riedmann, Das entscheidende Jahrhundert in der Geschichte Tirols (1259-1363). In: Eines Fürsten Traum (wie oben) 27-57, 164.