DIE GEHEIMNISSE VON CASTELRAIMONDO  

 

Die Wunder der Hügel

 

Der Hügel von Castelraimondo (italienische Übersetzung des lokalen Ortsnamens

Zuc ‘Scjaramont) beherrscht die Mündung des Flusses Arzino in den Tagliamento,

gegenüber dem Felsen von Ragogna.

Die erhöhte, strategische Position erlaubte es in der Antike wie heute, einen sehr

weiten Horizont der friaulischen Ebene, von Osoppo bis zum Meer bei Aquileia sowie

den letzten Abschnitt des engen Tales des Arzino zu kontrollieren, das durch Karnien zu

den Alpenpässen aufsteigt, die in das heutigen Österreich, dem römische Noricum

führen.

Darin liegt wahrscheinlich die lange Siedlungskontinuität am Hügel begründet, der

wenigstens vom 4. Jahrhundert vor Christus bis zum 10. Jahrhundert nach Christus

sowie im Spätmittelalter vom Ende des 13. Jhdts. bis zur Hälfte des 14. Jahrhunderts

besiedelt war.

Bereits aus dem 19. Jahrhundert gibt es Hinweise auf archäologische Funde auf dem

Hügel, fast alle nicht überprüfbar, jedoch genau beschrieben und dokumentiert von

Monsignore Biasutti in seinem gelehrten Werk über Forgaria: Griechische und römische

Silbermünzen, Aschenurnen, “Steinkugeln, Lanzen- und Pfeilspitzen, Messer, Knochen

großer Menschen”, von denen schriftliche Quellen aus dem 19. Jahrhundert, die uns

nicht erhalten geblieben sind und mündliche Tüberlieferung erzählen. Einige

Entdeckungen hingegen wie jene vor 50 Jahren noch sichtbaren Stukturen scheinen mit

jenen übereinzustimmen, die durch neuere Grabungen ans Licht gebracht wurden: der

“Brunnen” von Planc de la Fontana könnte der Turm des Sektors IV sein und die Ruinen

am Fuße des Hügels auf der Pustota könnten die römischen Mauern des Gebäudes im

Sektor V sein. Das von diesen Funden ausgelöste große Interesse war teils im

Nationalismus des 19. Jahrhunderts begründet, der durch Bezugnahme auf die Römerzeit

die Zugehörigkeit Friauls zu Italien unterstreichen wollte und teils in der Resonanz auf

die mit der Antike in Verbindung stehenden neu entstandenen wissenschaftlichen

Disziplinen.

In jüngerer Zeit wurde das Interesse an der antiken Geschichte Forgarias durch die

Veröffentlichung des Werkes von Biasutti neu geweckt. Der Verlust des traditionellen

Ortsbildes durch das zerstörerische Erdbeben von 1976 hat ebenso die Suche nach den

eigenen Wurzeln angeregt. Die Neugierde hinsichtlich der Antike und faszinierender

Legenden, wie jene des goldenen Kalbes, das unter einem Baum auf dem Hügel

begraben worden sein soll oder in den Arzino geworfen, hat einige Einheimische zu

heimlichen Grabungen angeregt die Konstruktionen und Materialien zum Vorschein

gebracht haben: Die ersteren wurden dadurch an der Oberfläche und in ihrer Struktur

beschädigt, die zweiten wurden zum Teil rückerstattet aber aus ihrem Kontext gerissen,

mit ungewissen unverlässlichen und widersprüchlichen Hinweisen auf ihre Herkunft.

Zahlreiche Möglichkeiten und Kenntnisse sind auf diesem Wege verloren gegangen.

Die Entdeckungen, die ihren Niederschlag in der lokalen Presse fanden, haben

jedoch die Aufmerksamkeit der friaulischen Sektion des Italiensichen Institutes für

Burgen und des Institutes für Geschichte der Universität Udine geweckt, die die ersten

Grabungen durchgeführt haben. Die systematische Erforschung wurde dann dem

Institut für Archäologie der Universität Bologna anvertraut.

 

Vorrömische Zeit

 

Nach einer Zeit sporadischer Frequenz wahrscheinlich während des Neolithikums,

entsteht im 4. Jahrhundert v. Chr. eine befestigte Siedlung in der späten Eisenzeit, die den

Transport der Waffen und Materialien aus Eisen kontrollierten, die von den Alpen in das

Gebiet der oberen Adria gebracht wurden; einige eisenverarbeitenden Tätigkeiten er-folgten

innerhalb der Ansiedlung.

Die Charakteristik entspricht jener der befestigten Lager und Ansiedlungen der

vorrömischen Zeit, wie sie auf beiden Seiten des Ostalpenbogens ans Licht gebracht wur-den.

Wir finden sowohl die Mauern (sogenannte Grundmauer aus unbehauten Steinen

unterschiedlicher Größe, und ohne Verwendung von Mörtel; die Mauern verliefen mehr

oder weniger kreisförmig um den höchsten Teil der Erhebung), als auch künstlich ange-legte

Terrassen mit Mauern in Trockenbauweise.

Die Wohnungen sind halb in der Erde versenkt, die in dieser Art auch im Alpenvor-land

in der Gegen von Verona und Vicenza sowie im Bereich des frühen Veneto und

Rätiens auftauchen: In den Felsen gehauen, mit rechteckigem oder quadratischem Grun-driß,

mit einem Korridor als Zugang. Sie weisen Trockenmauern auf, die von einigen

großen Steinen als Fundament erstellt wurden, auf das die mit einem Holzdach versehe-nen

Seitenwände aufbauten.

Die Dächer dürften mit pflanzlichem Material (Stroh oder Zweigen) gedeckt gewe-sen

sein. Es handelte sich durchwegs um Einfamilienhäuser.

Das Gebäude im Sektor V, Nord-Süd ausgerichtet mit drei Wohnräumen, erweckt

besonderes Interesse aufgrund seiner ungewohnten Größe und wegen der Reste eines

Gründungsritus, der unter einem Fußboden gefunden wurde: Zwei tangierende Kreise

aus Steinen, die auf einer genau Ost-West ausgerichteten Linie angeordnet, befinden sich

innerhalb eines zweiten größeren Kreises auf gleichem Niveau. Darin wurde ein Gegen-stand

aus dem mystischen rituellen Bereich gefunden: Ein bearbeiteter Schafsknochen

mit zwei Löchern; wahrscheinlich handelt es sich um ein Musikinstrument (Rassel, Win-dorgel

oder ein Gerät zum Auffinden von Geistern). Ein Haus in dieser besonderen Aus-führung

gehörte wahrscheinlich einer für die kleine Gemeinde besonders wichtigen Per-son,

dem Oberhaupt oder dem Schamanen, wenn auch die Verwendung als Kultstätte

nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann. Skelettreste von Föten und Neugeborenen

wurden unter der eiförmigen Feuerstelle im nördlichen Bereich gefunden, die vermutlich

in vorrömischer Zeit entsprechend dem im Alpenraum üblichen Ritus bestattet worden

waren.

Ein weiteres Haus, kleiner aber von der gleichen Art, wurde im Sektor IV gefunden,

ein Bereich der auf Basis des Fundmaterials Standort handwerklicher und produktiver

Tätigkeiten war.

Zwischen dem 2. und dem 1. Jahrhundert v. Chr. wurde die Anlage mit neuen Befe-102

stigungswerken keltischer Form ausgestattet: eine starke murus gallicus die auf einer Län-ge

von rund 20 m im Sektor IV freigelegt wurde, die sich jedoch nur auf eine Höhe von

30 cm erhalten hat, was dem Niveau der Grundmauern entspricht. Sie ist aus einem äuße-ren

Teil aus kleinen und großen Steinen ein Trockenbauweise errichtet, ausgefüllt mit Er-de

und Steinen und einer inneren Struktur in Holz errichtet, die mit den natürlichen

Geländevorsprüngen verbunden ist. In der Holzstruktur blieben zahlreiche Löcher in die

senkrecht Pfeiler eingebunden waren. Diese im keltischen Europa für Mauern verbreite-te

Bauweise ist im Detail in Caesar De bello Gallico (VII, 23) anläßlich der Belagerung

von Avaricum beschrieben worden und ist derzeit das einzige Beispiel, das im italieni-schen

Alpenbereich gefunden wurde.

Im 2. Jahrhundert v. Chr. war die Entwicklung der Siedlung an den Handel mit Mi-neralien

im Alpenraum gebunden, an deren Verarbeitung und vor allem an deren Trans-port

in Richtung der zentralen Bereiche des Veneto gebunden, wobei das Tal des Arzino

eine Abkürzung darstellte oder vielleicht einen sichereren Weg weitab von den gefährli-chen

Niederungen des Tagliamento.

Der Ausbau des Castelraimondo erscheint als Folge der Gründung der römischen

Kolonie von Aquileia (181 v. Chr.) und an des damit verbundenen Impulses für die Wirt-schaft

nicht nur für die angrenzenden Gebiete, sondern auch für die inneralpinen Berei-che.

Aus diesen Gründen entstanden neue Verteidigungswerke und die Verbesserung der

Bauwerke innerhalb der Ansiedlung von Castelraimondo, als Werk von Völkern, die von

Tradition und Kultur nicht römisch waren aber immer stärker an die römische Welt gebunden

wurden und am Ende dieser Periodo ausgesprochen offen dem Handel mit den

Römern gegenüberstanden, wie Amphoren, schwarze Sigillata und graue Keramik aus

der Poebene.

 

Römische Zeit

 

Die Militarisierung Friauls erfolgt durch Julius Caesar zwischen 58 und 51 v. Chr.

nach der Plünderung von Tergeste (Triest) durch die Gepiden (De bello Gallico I, 10).

Zum Zwecke der ständigen Überwachung wurden in dieses Gebiet wenigsten vier Legionen

verlegt und es erfolgte die Errichtung von mehreren befestigten Zentren: Die Kastelle

und Siedlungen von Tricesimo, Osoppo und Gemona sowie die Stadt Iulium Car-nicum

(Zuglio).

In weiterer Folge, während der Kämpfe an der Donau zur Zeit des Augustus wurde

dieses Gebiet nie zur Gänze entmilitarisiert, trotz des Umstandes, daß die Julischen Alpen

in jener Epoche ein ziemlich friedliches Gebiet darstellten. Die militärische Kontrolle

der Alpentäler wurde deshalb beibehalten bzw. verstärkt, um neben der Kontrolle der

Heerstraßen auch ein gutes Funktionieren des cursus publicus (militärischer Postdienst),

der von Augustus eingeführt wurde, um die Heere in Germanien von Aquileia aus lenken

zu können und um dem Unwesen der Wegelagerer Einhalt gebieten zu können, die

für Reisende, Händler, und Hirten eine Gefahr darstellten. Die Wachtürme und Signaltürme

stellten Sichtverbindung zwischen den militärischen Abteilungen her.

In diesen allgemeinen Kontext fügt sich der quadratische Turm des Sektors IV ein,

der zwischen dem Ende des 1. Jhdts. v. Chr. und dem Beginn des 1. Jhdts. n. Chr. errichtet

wurde. Dadurch wird die Bedeutung Castelraimondos in der Hierarchie der ro-manisierten

einheimischen Ortschaften ersichtlich. Die Bautechnik der neuen Befesti-103

gung unterscheidet sich grundsätzlich von der vorrömischen lokalen Bauweise durch den

Gebrauch eines hervorragenden Mörtels, die Außenwände waren verputzt - wie bei anderen

vergleichbaren Türmen entlang des limes (Grenze) des Reiches - und die Dächer

mit Ziegel gedeckt.

Der Turm hatte neben seiner Funktion hinsichtlich Verteidigung, Kontrolle und Sig-nalstelle

auch einen erheblichen Wert als Zeichen der römischen Macht und daher als

psychologische Abschreckung gegenüber der einheimischen Bevölkerung, die an diese

Art von Bauwerken nicht gewohnt war.

Im Sektor V hat das große Gebäude eine Reihe von baulichen Verbesserungen erfah-ren

- Dach wurde mit Ziegeln gedeckt und andere Veränderungen, die auf römische Bau-weise

hindeuten.

Nördlich des Gebäudes wurde ein weiterer quadratischer Aussichtsturm errichtet, in

einer beherrschenden Position über den Tälern des Arzino und des Tagliamento.

Bis zum Jahr 270 n. Chr., als die Dächer der Gebäude in den Sektoren IV und V ein-stürzten,

gab es keine wesentlichen baulichen Veränderungen in der Struktur und Funk-tion

der Ansiedlung.

Die strategische Bedeutung des Ortes wird durch die sofortigen Maßnahmen hin-sichtlich

Wiederaufbau und Restaurierung der Strukturen verdeutlicht, die in der Phase

4a der Siedlung erfolgten.

Im Sektor V wurde das große Gebäude durch neue Mauern vergrößert, bei deren Errichtung

Mörtel verwendet worden war. Das Innere des Gebäudes wurde sorgfältig verputzt.

Die zutage getretenen Materialien weisen auf einen nunmehr völlig militärischen

Charakter des Ortes hin.

Die Befestigungsanlage blieb während des gesamten IV Jahrhunderts militärisch aktiv

und war somit Teil der römischen Verteidigungsanlagen, die auf einem doppelten Be-festigungsring

basierten: Einer am limes an Rhein und Donau, ein zweiter in den alpinen

Regionen.

Um das Jahr 430 n. Chr. zerstörte ein gewaltiges kriegerisches Ereignis die Siedlung:

im Sektor V zerstörte ein Brand das Gebäude, während im Sektor IV alle Häuser und der

Turm gründlich zerstört wurden.

Auf diese Weise ging die letzte Phase römischen Lebens auf dem Hügel zu Ende.

 

Nachrömische Zeit und Mittelalter

 

Nach der Zerstörung in der Mitte des 5. Jhdts. n. Chr. wurde auch Castelraimondo

für mehrere Jahrzehnte verlassen. In diese Zeit fällt auch die Zerstörung von Emona

(Ljubljana) und Iulium Carnicum und die schwere Krise von Aquileia sowie das Verlas-sen

den Villen auf der oberen friaulischen Ebene - es waren die Jahre fortschreitenden

Zerfalls des Weströmischen Reiches.

Die Strukturen des Sektors V, befreit von losen Steinen und ohne Verputz, wurden

im nördlichen, geschützteren Bereich wieder benutzt - unter Verwendung noch stehen-der

Mauern, auf die einfache Holzhäuser gebaut wurden.Tiere und Menschen bewohn-ten

jetzt die gleichen Räume, wobei sie eine archäologische Schichte sehr dunkler Erde

produzierten (“dark earth”), die reich an Keramikresten und Speiseresten sind, bedingt

durch die fehlende Kontrolle der Wohnbedingungen und der Abfallbeseitigung. Dies

wird als Hinweis auf einen beträchtlichen Rückgang der Lebensqualität in der Ansied-lung

gedeutet. Keiner der Keramik- oder Metallfunde ist nichtrömischen Kulturen wie

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Germanen oder Langobarden zuordenbar, die in dieses Gebiet einfielen und die in na-hen

Anduins belegt sind. Die Siedlung von Castelraimondo, Zufluchtstätte für Hirten

und arme Leute bestand weiter bis zum Ende des VII n. Chr. als ein Erdbeben die rest-lichen

Mauern des Sektors V zum Einsturz brachten und ein neues, lange andauerndes

Verlassen der Ansiedlung bewirkte und damit die Phase 5a der Besiedelung abschloß.

Auf dem Boden der über ein Jahrhundert als Weideland benutzt worden war, wurde

im 9. Jhdt. ein neues Gebäude aus Holz errichtet, ein Teil davon war sicherlich ein Heu-stadel

(belegt durch Analysen der archäologischen Botanik von Pollen blühender Pflan-zen).

Zwischen dem Ende des 9. und dem Beginn des 10. Jhdts. wurde der noch stehen-de

Rest des Turmes im Sektor IV als zeitweise Zuflucht oder bescheiden Wohnung ge-nutzt.

In jener Zeit kam es zu einer Erholung in Hinblick auf Wirtschaft und Bevölkerung

in Friaul bedingt durch klimatische Verbesserungen und trotz schrecklicher Einfälle der

Ungarn.

In den folgenden Jahrhunderten wurde der Gipfel des Hügels ausschließlich land-wirtschaftlich

als Weideland genutzt.

Im westlichsten Hügel wurde in den Sektoren II und III in den nach den Raubgra-bungen

erfolgten wissenschaftlichen Grabungen Keramik- und Metallfunde entdeckt, die

dem 13. und 14. Jhdt. zuzuordnen sind und teilweise mit jenen der vorhergehenden Jahr-hunderte

vermischt waren. Freigelege Mauern und ein Brunnen stammen aus verschie-denen

Epochen.

Wahrscheinlich lag die mittelalterliche Burg, Schauplatz dunkler Geschehnisse im

Kampf zwischen dem Patriarchen von Aquileia und dem Herzog von Görz, und aussch-ließlich

in den von Biasutti gesammelten Chroniken dokumentiert, auf diesem Teil des

Hügels.

Zur gleichen Zeit entstand im 13. Jhdt. am Fuße des Hügels in der Ortschaft Sintig-nella

(Sektor VI) ca. 300 m östlich der römischen Siedlung die kleine Kirche St. Agnes,

die um 1609 zerstört wurde. Nach Osten ausgerichtet, mit einem Schiff, rechteckigem

Grundriß und fast quadratischer Absis, aus behautem Stein erbaut. Das sakrale Bauwerk

war an die Entwicklung der unteren Ortschaften von Forgaria gebunden, die der Neuzeit

zuzuordnen sind - in dieser Zeit erfolgte die endgültige Aufgabe des Hügels als Sied-lungsraum.

Deutsche Übersetzung von Dieter Malle