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Aufs Ganze gesehen bleiben Erziehung Bildung in
Rom enger, beschränkter und nüchterner als im klassischen Griechenland.
Die Ordnung des römischen Imperiums war fest im Bauerntum verwurzelt,
in dem Familie und Sippe weit größere Bedeutung hatten als in den griechischen
Stadtstaaten. Die römische Erziehung war weit mehr eine Angelegenheit
der Familie, sogar so sehr, daß es zunächst kaum Schulen gab. Die Frauen
Roms hatten größeren Einfluss als etwa die Athenerinnen, obwohl sie am
politischen Leben ebenso wenig teilnahmen wie jene. Die Erziehung der
Mädchen lag ganz in ihren Händen. Für die Söhne ist das Beispiel des Vaters,
vor allem im praktischen Bereich (Auftreten, Teilnahme am öffentlichen
Leben, Verhalten zu Sklaven, zu Klienten, zu Bürgern gleichen, höheren
oder niederen Standes), stets der entscheidende Bildungsfaktor geblieben.
Der Knabe lernt beim Elementarlehrer Rechnen, Schreiben und laut Lesen
nach streng formalistischen Methoden. Schon im Elementarunterricht lernte
jeder Römer das überlieferte Recht (Zwölftafelgesetz) auswendig, denn
der gesamte Unterricht war auf die Praxis in der Öffentlichkeit hin ausgerichtet.
Die meisten Römer erlernten nach dem Elementarunterricht einen Beruf,
in der Regel den väterlichen. Der Unterricht musste dem Privatlehrer bezahlt
werden, daher konnten sich nur die Wohlhabenderen die weitere Ausbildung
leisten. Während der Zeit der späten Republik und der Kaiser nahm der
griechische Einfluss merklich zu, und die Einseitigkeit des eigenen überlieferten
Bildungswesens wurde erkannt. Bedeutende konservative Politiker versuchten
allerdings, den nach ihrer Meinung schädlichen Einfluss aus Griechenland
einzudämmen. Aber selbst einer der bedeutendsten unter ihnen, der ältere
Cato, lernte im Alter von einem Sklaven noch die griechische Sprache.
Entsprechend der zweisprachigen Kultur unterrichtete der Grammaticus (Abb.
S. 83) Latein und Griechisch, hauptsächlich an Hand der Dichter (Homer,
Ennius, Vergil), von denen große Partien auswendig gelernt wurden, dazu
Grundkenntnisse in Geschichte, Geographie, Physik und Astronomie. Dagegen
gab es, anders als bei den Griechen, weder gymnastische Erziehung noch
musische Bildung. Die Söhne der Großkaufleute, Großbankiers - sie gehörten
wie die senatorischen Schichten zur Gesellschaft', die ständisch streng
nach Rittern und Senatsfamilien getrennt ist - und der Oberbeamten besuchten
nach dem Grammaticus noch als dritte Stufe den Unterricht des Rhetor,
der praktische Redegewandtheit lehrte; denn die Kunst der freien öffentlichen
Rede wurde außerordentlich hoch geschätzt. So hatte selbst Cicero, einer
der bedeutendsten Redner Roms, griechische Rhetorik studiert, und seine
Reden wurden zum Vorbild der römischen Politiker und blieben durch Jahrhunderte
mustergültiges Bildungsgut. War schon in der Frühzeit Roms der Zugang
zu den öffentlichen Ämtern von der Redegewandtheit abhängig, so wurde
sie schließlich zur unumgänglichen Voraussetzung. Die Schüler der Rhetoren
mussten sich in Gerichtsreden (controversiae) und politischen Übungsreden
(suasoriae) erproben. Selbstverständlich gab es eine umfängliche Übungsliteratur.
Die Rednerlehre des Quintilian (gest. 96 n. Chr.) wurde noch nach Jahrhunderten,
besonders in der Renaissancezeit, als das beste Vorbild für die Jugenderziehung
gewertet. Sie enthielt genaue Unterrichtsanweisungen und forderte die
Einrichtung von öffentlichen Schulen, um den Missständen des Hauslehrertums
entgegenzuwirken. 67 Zur Abrundung der Bildung, bei der Philosophie noch
völlig fehlte, gehörte mindestens für die senatorischen Kreise eine Bildungsreise
nach Griechenland von oft mehr als Jahresdauer; man besuchte klassische
Stätten und folgte zeitweise dem Unterricht eines griechischen Philosophen
oder Rhetors. Die Menge der jungen Leute senatorischen Standes ging dann
über den Waffendienst in die Politik; für das Fortkommen dort waren Fähigkeiten
entscheidend, die nicht in der Schule erlernbar sind. Nur wenige spezialisierten
sich weiter, indem sie bei den besten Juristen der Zeit, die ja der eigenen
Gesellschaftsschicht angehörten, sich theoretische Kenntnisse und praktische
Erfahrungen erwarben und so selber iuris consulti, Rechtskundige, wurden,
was selbst in der Kaiserzeit noch für die politische Laufbahn von großem
Nutzen war. An der Spitze der römischen Bildung stand also die praktische
Rechtswissenschaft, die zum dauerhaftesten Kulturerbe Roms werden sollte.
Philosophie und andere Geisteswissenschaften haben in Roms führender Gesellschaft
eine Nebenrolle gespielt, aber die beim Rhetor erworbenen literarischen
Fähigkeiten sind auch für den Mann der Praxis von Bedeutung geworden,
denn ein guter Teil der römischen Geschichtsschreibung lag traditionell
in den Händen der Senatoren - es genügt, an den älteren Cato, an Cäsar
und Tacitus zu erinnern. Die gleichen Kreise pflegten einen vielseitigen,
oft literarisch anspruchsvollen Briefwechsel mit Standesgenossen, für
den wieder senatorische Literaten, die in der Ämterlaufbahn bis zum Konsulat
aufgestiegen sind, die Muster geliefert haben: bei Cicero, dem jüngeren
Plinius und Symmachus haben Mit- und Nachwelt eleganten Korrespondenzstil
für jede Situation gelernt. Viele Werte der griechischen Bildung und Wissenschaft
blieben den praktisch orientierten Römern stets fragwürdig und gar uninteressant,
fanden aber andere Wege des Überstehens und gelangten über Ostrom, Byzanz
und Ägypten bis zu den Arabern und Mauren, um erst bei der Begegnung mit
dem Islam wieder ins Bewusstsein des Abendlandes zu treten. Waren auch
die beiden Bildungsbereiche der Antike in ihren Zielen und Wegen sehr
verschieden, aus beiden zusammen ergab sich das Bildungsideal des in sich
vollkommenen Menschen, das späteren Zeitaltern immer wieder erstrebenswert
schien und vor allem im Humanismus, am Beginn eines neuen Zeitalters,
zum Ziel der Menschenbildung gesetzt wurde.
| Vgl. H. Boekhoff und F. Winzer, Kulturgeschichte
der Welt - Abendland. Braunschweig 1963. S. 67 |
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