Zeitzeugnisse
Musils Werk, das zu Lebzeiten veröffentlichte und die nachgelassenen Schriften und Briefe, ist ein Dokument seiner Zeit. Biographische, historische und soziokulturelle Kontexte haben ihm ihren Stempel aufgedrückt.
Seismographisch bilden die literarischen Texte, Essays und Kritiken die Erschütterungen ihrer Zeit ab. "So ist nun wirklich zuweilen von Schatten, von einem Leben die Rede, das nicht mehr ist", schreibt Musil in der "Vorbemerkung" zu seinem Buch "Nachlass zu Lebzeiten" (1935), in dem er seine Kurzprosa aus Zeitungsveröffentlichungen der Jahre 1913-1931 zusammenfasste, um, wie er voller Ironie anmerkt, die Herausgabe seines Nachlasses "zu verhindern, ehe es soweit kommt, daß ich das nicht mehr tun kann".
In diesem Sinn ist die historisch-kritische Edition des Gesamtwerks nichts anderes als die Vervollständigung der Tätigkeit, die der Autor zu seinen Lebzeiten schon begonnen hat: nämlich die zu Lebzeiten veröffentlichten Schriften, die Nachlassschriften und die Briefe und damit nun wirklich alle öffentlichen und persönlichen Äußerungen zusammen zu tragen und auch von den gedruckten Quellen kritische Texte zu erzeugen, in denen die Druckvarianten verzeichnet sind.
Kritische Ausgaben pflegen komplizierte Apparate zu haben; die Komplexität und die Fülle der Bezüge würden im Falle Musils eine besonders aufwändige, schwer zu benützende Apparatgestaltung und Kommentierung befürchten lassen. Es geht unter anderem ja auch darum, die Intertextualität im Werk dieses Autors, der erwiesenermaßen ein poeta doctus war, und die Rezeption, die er erfahren hat, zu Lebzeiten und posthum, zu dokumentieren.
Nachdem die Verwirklichung der Aufgabe, den Nachlass in einer Faksimile-Edition zu präsentieren, die digitale Form verlangt, darf bei der Organisation des Apparats nichts anderes erwartet werden als ein Hypertextsystem, welches Texte und Kontexte miteinander in Beziehung setzt und die Navigation und die Suche im Text und im Kommentar in möglichst einfacher Form gewährleistet.


