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Heft 37, S. 74-75

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Heft 37, S. 72-73

Rekonstruktion für ein breites Publikum


Jenes Drittel des literarischen Nachlasses, welches nicht direkt dem "Mann ohne Eigenschaften" zuzurechnen ist, bildet mit den anderen beiden Dritteln dennoch eine integrale Einheit: die Hefte mit den so genannten Tagebüchern und eine ansehnliche Zahl von Fragment gebliebenen Werkprojekten in zwei umfangreichen Mappen.

Diese Materialien sind auf die Romanarbeit bezogen, indem Musil sie nicht nur mit sich führte und von Zeit zu Zeit Überlegungen zur Verwirklichung dieser Projekte anstellte, auch zur Selbstherausgabe seiner Hefte; er vernetzte außerdem mit einem System von Verweissiglen alle seine Manuskripte miteinander und schuf so ein System kommunizierender Gefäße. Die Anlage erweckt den Eindruck, als diene sie weniger der Vorbereitung von Veröffentlichungen, sondern mehr als literarisches Experimentierfeld und zugleich als philosophisches Laboratorium, als Reflexionsraum für Gedankenexperimente des Autors. In ihm existiert die Kategorie "fertiger Text" nicht.
Dies erklärt vielleicht das Paradoxe des Einfalls, den Musil notierte, als er in Genf den Jean-Paul-Herausgeber Berend kennen lernte: "Ich bin der einzige Dichter, der keinen Nachlaß haben wird. Wüßte nicht wie." Martha Musil jedenfalls fühlte sich angesichts der Werkfragmente im Nachlass mit enormen Schwierigkeiten konfrontiert, als die Materialien nach dem Tod ihres Mannes für eine Werkausgabe sichtete "Das Schmerzlichste ist aber", schrieb sie an Otto Pächt, "daß ein ungeheures Material von Entwürfen, Notizen, Aphorismen, Romankapiteln, Tagebüchern zurückgeblieben ist - aus denen nur er etwas machen konnte."

Aus dem Sachverhalt ergeben sich zwei weitere Postulate für die Edition: Aufbauend auf mehr als sechzig Jahren Erschließungs- und Editionsgeschichte mag doch der Versuch unternommen werden, die Werke aus den Fragmenten in einem präzisen, strikt quellenorientierten Emendationsverfahren für ein breiteres Lesepublikum zu rekonstruieren. Und es müsste möglich sein, auf der Basis einer umfassenden Klassifizierung aller Manuskripte die Genese der einzelnen Texte darzustellen und das Verweissiglensystem Musils am Computer durch Sprungverknüpfungen nachzuvollziehen.

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