Die Nachlass-CD (1992)
Vorgeschichte
Zu der Ansicht, dass Musil mittels Computer ediert werden müsste, gelangte
bereits die zentrale Persönlichkeit der Musil-Philologie, Adolf Frisé, nach dem
Abschluss seiner Buchausgabenserien 1976–1980.
Er bezog die Einsicht allerdings
auf den Nachlass, dieser sei "als eigene[r] Werkteil zu verstehen, als eine in
sich geschlossene Werkeinheit, die auch als solche zu präsentieren sei«; der
Nachlass habe "Systemcharakter […], sei der intellektuelle Spielraum, in dem
Musil sich bewegt, ohne zu einer Fortsetzung kommen zu können oder zu wollen"
(Protokoll 1978; S. 13) und "Musils systematische Arbeitsweise" dränge "förmlich
hin zu einer Erschließung, wie sie heute durch die elektronische
Datenverarbeitung ermöglicht wird" (S. 14).
Frisé ging eine Kooperation mit den
Germanisten Karl Eibl (Universität Trier, später Universität München) und
Friedbert Aspetsberger (Universität Klagenfurt) ein, 1984–1990 wurde der
Musilsche Nachlass (insgesamt 12.000 Manuskriptseiten) in Trier und in
Klagenfurt transkribiert und die Transkription als letzte Konsequenz der
zitierten Friséschen Einsicht 1992 als CD-ROM-Edition veröffentlicht.
Charakteristik
Die CD-Ausgabe von 1992 bricht aufs Entschiedenste mit dem historisch-kritischen
Anspruch auf Werkrekonstruktion, der Nachlass ist das Werk, geboten wird das
transkribierte Textkorpus in zwei Formaten, WCView und PEP, in einer automatisch
absuchbaren Form.
Die Transkription bedient sich zur Textauszeichnung
diakritischer Zeichen und erklärender Anmerkungen. Das Transkriptionssystem war
1974–1980 in einem Pilotprojekt an der Universität Klagenfurt von Friedbert
Aspetsberger und Elisabeth Castex entwickelt worden, aus diesem stammen auch die
Daten zur Beschreibung der Manuskripte, welche der PEP-Version der CD-Ausgabe
1992 als kombiniert abfragbare Datensätze beigegeben sind. Die prä- indizierte
WCView-Version ermöglicht die rasche und einfache Wortsuche im Korpus. Das
entscheidende Merkmal dieser elektronischen Ausgabe ist die flache Editionsform,
der Verzicht auf Hierarchisierungen: es gibt keinen editierten Text im
eigentlichen Sinn des Worts, es werden keine Vorstufen und Endfassungen heraus
präpariert, auch aus den beigegebenen Metatexten lassen sich Werkgrenzen und
chronologische Konturen nicht (vollständig und eindeutig) ablesen oder in die
automatisierte Recherche einbeziehen.
Die Idee war es vielmehr, dass das
elektronische Korpus der Transkription, die den Nachlass in seiner mehr oder
minder zufällig überlieferten Anlage abbildet, die Basis für textgenetische
Untersuchungen am Material zum Mann ohne Eigenschaften liefern und einer
künftigen historisch-kritischen Erschließung das geeignete Instrumentarium
bieten könnte beziehungsweise als Prototyp zu betrachten wäre, aus dem aus
unterschiedlichen editorischen Intentionen, Ansätzen und Perspektiven
beziehungsweise Zugängen jeweils unterschiedliche editorische (Teil-)Lösungen
generiert werden würden – was dann durch die Bücher von De Angelis und die davon
abweichenden Lösungen im Lesetext der Klagenfurter Ausgabe ja tatsächlich
geschehen ist.
Im Extremfall könnte aus dem Rohmaterial der Transkription des
Nachlasses jede/r Benutzer/in seinen/ihren eigenen editierten Text formen. Ob
dies nun in allen Fällen sinnvoll oder realistisch sein mochte, die
Voraussetzung für die Offenheit als das eigentlich Innovative der Nachlass-CD
von 1992 stellt zweifellos die elektronische Form dar.
Wirkung
Der Nachlass-CD von 1992 war nur ein mäßiger Erfolg beschieden. Das lag
möglicherweise am hohen Verkaufspreis des Rowohlt-Verlags (700 Euro), aber
mitentscheidend wurde auch die schwerfällige Handhabung des Text-Retrievals;
beide Programme, WCView und PEP, operieren auf der Grundlage des Betriebssystems
DOS, das PC-Nutzer ab 1995 im Allgemeinen durch die diversen Windows-Versionen
ersetzten, wodurch die Nachlass-CD bereits wenige Jahre nach ihrem Erscheinen
technisch hoffnungslos veraltet war.
Als Textbasis für neue interpretatorische
Zugänge zum Mann ohne Eigenschaften erwies sich die Nachlass-CD als wenig
attraktiv, da die flache Editionsweise mit wenig metatextlicher Information die
Orientierung im Textkorpus der Nachlasstranskription wesentlich erschwerte. Das
Gebot der Stunde lautete nun, die textgenetischen Zusammenhänge im Korpus
endlich endgültig aufzuklären, Musils Chiffren und Verweissiglen aufzulösen und
eine praktikable Form zur hypertextuellen Darstellung der oben angeführten
Relationen zu finden.
Nach dem Rückzug der Transkriptions-CD-Herausgeber
Friedbert Aspetsberger und Karl Eibl und mit Billigung des dritten Herausgebers
Adolf Frisé, der bis zu seinem Tod im Mai 2002 Anteil an der Weiterentwicklung
der Edition nahm, gingen die Agenden der historisch-kritischen Musil-Ausgabe
1999 an das 1998 neu gegründete Robert-Musil-Institut für Literaturforschung der
Universität Klagenfurt über.


