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Digitaler Lesetext, Auswahl

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Digitaler Lesetext, MoE

Der digitale Lesetext


Was ist der Lesetext?

Der Lesetext ist der für die Lektüre bestimmte, aus den Textzeugen abgeleitete, emendierte, in der Schreibnorm vereinheitlichte und dadurch besser automatisch absuchbare edierte Text.
Angeordnet sind die Lesetexte in zwanzig Bänden, damit bereits einer künftigen Buchausgabe den Weg weisend. Die Gliederung erfolgt nach publikationsgeschichtlichen und nach Gattungskriterien. Die Bände gehören drei Gruppen an: Band 1-4 umfasst den "Mann ohne Eigenschaften", sowohl den zu Lebzeiten publizierten als den Nachlassteil, letzterer auf der Grundlage des neuen entstehungsgeschichtlichen Wissensstands grundsätzlich anders organisiert als in den bisherigen Buchausgaben. Band 5-13 versammeln die zu Lebzeiten veröffentlichten Werke, zuerst die Bücher, dann die unselbstständigen Publikationen. Sonderfälle bilden hier die Reden (Band 9), zu den auch die im Nachlass erhaltenen hinzu genommen sind, und die "Kleine Prosa" in Band 11, in den auch die anonymen bzw. Musil zugeschriebenen Brünner Veröffentlichungen und Artikel aus der Soldatenzeitung aufgenommen sind. Band 14-20 enthalten die zu Lebzeiten Musils nicht gedruckten Texte, Selbstkommentare, Fragmente, Tagebücher, Briefe, wobei Band 14 insofern einen Sonderfall darstellt, als in ihn auch die wenigen zu Lebzeiten Musils veröffentlichten Gedichte und Aphorismen eingegangen sind.
In diesem Sinn bildet der Band den Übergang zwischen den aus Drucken und den aus Manuskripten hergestellten Lesetexten. 'Lesetext Druck' und 'Lesetext Manuskript' unterscheiden sich hinsichtlich der Layout-Gestaltung und hinsichtlich der Emendationsprinzipien. Im 'Lesetext Druck' sind Druckvarianten (als Popups) verzeichnet, für den 'Lesetext Manuskript' bilden handschriftliche Entwürfe die Grundlage, es gibt keine Varianten-Markierung im Text, Vorstufenfassungen und Varianten sind in einer Überblicktabelle im Werkkommentar nachgewiesen.

Die Bandeinteilung

Band 1: Der Mann ohne Eigenschaften - Erstes Buch Erster Teil: Eine Art Einleitung Zweiter Teil: Seinesgleichen geschieht

Band 2: Der Mann ohne Eigenschaften - Zweites Buch Dritter Teil: Ins Tausendjährige Reich (Die Verbrecher)

Band 3: Der Mann ohne Eigenschaften - Fortsetzung Fortsetzungsreihen 1932-1936 Zwischenfortsetzung 1937-1939 Genfer Ersetzungsreihen 1939-1942

Band 4: Der Mann ohne Eigenschaften - Vorstufen Zu Lebzeiten Publiziertes Aus dem Nachlaß Ediertes: Vorarbeit zum Roman - Die Romanprojekte 1918-1926 - Der Mann ohne Eigenschaften 1926-1929

Band 5: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Band 6: Novellen Das verzauberte Haus Vereinigungen Drei Frauen

Band 7: Dramen

Band 8: Nachlaß zu Lebzeiten Einzelveröffentlichungen (1913-1931) Buchveröffentlichung (1935/36)

Band 9: Reden Gedruckte Reden Vortragsmanuskripte aus dem Nachlass

Band 10: Wissenschaftliche Veröffentlichungen Dissertation Wissenschaftliche Beiträge Wissenschaftliches Feuilleton

Band 11: Kleine Prosa Erzählungen 1923-1932 Glossen 1921-1932 Brünner Veröffentlichungen 1898-1902 Veröffentlichungen in der Soldatenzeitung 1916-1917

Band 12: Essays 1908-1914 1918-1926 1926-1931

Band 13: Kritiken Buchrezensionen Theaterkritiken Kunstkritiken Kulturberichte Glossen Antworten auf Umfragen

Band 14:
Gedichte, Aphorismen, Selbstkommentare Gedichte Gedichte aus dem Nachlass Aphorismen Aphorismen aus dem Nachlaß Selbstkommentare Selbstkommentare aus dem Nachlass Widmungen

Band 15: Fragmente aus dem Nachlaß Erzählerische Fragmente Dramatische Fragmente Essayistische Fragmente Kritische Fragmente Nachgelassene Glossen

Band 16: Frühe Tagebuchhefte 1899-1926 I. Brünn / Stuttgart / Berlin (1899-1908) II. Berlin / Wien / Berlin (1907-1914) III. Erster Weltkrieg (1914-1918) IV. Wien (1918-1926)

Band 17: Späte Tagebuchhefte 1928-1942 I. Wien / Berlin (1927-1939) II. Schweiz (1938-1942)

Band 18: Vorkriegs- und Kriegskorrespondenz 1895-1918 1895-1914 1914-1918

Band 19: Wiener und Berliner Korrespondenz 1919-38 1919-1924 1925-1932 1933-1938

Band 20: Schweizer Korrespondenz 1938-1942

Der optionale Lesetext Manuskript

Der generierte Text ist stets nur eine Option – es bestehen immer mehrere Optionen, aus den Dokumenten Lesetexte zu generieren. Das Prinzip von Musils Möglichkeitssinn lässt sich hier anwenden: das Fragment enthält uneingelöste Potentiale, die von unterschiedlichen Generatoren zu potentiell unendlich vielen unterschiedlichen lesbaren Texten verwirklicht werden. Wer sind die Generatoren? In der Antwort liegt der Nachweis für den eigentlichen Vorzug der digitalen Editionsmethode. An der Generierung des möglichen vervollständigten Texts sind die Rezipienten beteiligt, insofern sich Leser für einen aus mehreren möglichen Lesetexten eines oder mehrerer Editoren entscheiden, oder indem die Generierung der Lesetexte aus den Dokumenten über eine Programmierung erfolgt, auf die der Benutzer Einfluss hat, oder in deren Parameter er zumindest Einblick hat.
Das Programm für die Generierung der Lesetexte dient zur Verwirklichung des dynamischen Prinzips im Verhältnis zwischen Dokumenten und Lesetexten. Jede Veränderung im Korpus der Textbasis (Transkription) wirkt sich über die Generierung automatisch auf den Lesetext aus. Die Parameter der dynamischen Generierung regeln die Textauswahl und Textanordnung im Lesetext und in welcher Weise Textauszeichnungen in der Transkription im Lesetext umgesetzt werden. Es liegt auf der Hand, dass die beiden Prinzipien – Optionalität und dynamische Generierung – ausschließlich im digitalen Medium funktionieren beziehungsweise ihre Transparenz entfalten können.

In der Klagenfurter Ausgabe wird mit der hyperlink-verknüpften Trias Dokumente/Lesetext/Metadaten eine Maximalvariante geboten. Die Lesetexte sind nicht durch eine Programmierungsautomatik generiert, das wäre auf Grund der komplexen Manuskriptsituation in Musils Nachlass nicht möglich, sondern sie sind das Ergebnis textgenetischen Studiums.
Durch Stemma-Tabellen im Kommentar, die mit Hyperlinks zu Transkription und Lesetext wie Relais funktionieren, erfolgt eine lückenlose Aufklärung über die textgenetische Situation und die Darstellung aller Generierungsschritte des jeweiligen Lesetexts.

Der optionale Charakter des Lesetexts ergibt sich aus dem Verhältnis von klassifizierten Textzeugen (transkribierten Manuskripten) als Grundreservoir an harten Fakten und möglichen Lektüren als optionalen Teilmengen. Um die Vorgangsweise bei der Lesetextgenerierung zu demonstrieren, nehmen wir die komplexe Manuskriptlage bei der Fortsetzung des Mann ohne Eigenschaften zur Anschauung.
Zunächst gilt es, die Gesamtmenge von mehr als 6.000 Manuskripten in zwei Gruppen zu teilen, nämlich Manuskripte, die bis 1932 entstanden sind und daher als Vorstufen des zu Lebzeiten Musils gedruckten Mann ohne Eigenschaften (1930 das erste Buch, 1932 der erste Teil des zweiten Buchs) gelten müssen und Manuskripten, die ab 1933 entstanden sind und zur Fortsetzung des zweiten Buchs zu rechnen sind. Hier ist sogleich darauf hinzuweisen, dass ein beträchtlicher Teil der Manuskripte der ersten Gruppe insofern der Fortsetzung zuzurechnen sind, als sie deren Vorstufen repräsentieren, was die Erzählsubstanz betrifft. Doch um erst noch bei der Fortsetzung zu bleiben, diese zerfällt in durch klare Zäsuren abgegrenzte Produktionsabschnitte: 1933–1936 arbeitete Musil an zwei Fortsetzungsreihen des zweiten Buchs, 1936–1939 an der Zwischenfortsetzung des zweiten Buchs; 1939–1942 an den Genfer Ersetzungsreihen der Zwischenfortsetzung. Daraus ergeben sich Kapitelkomplexe für die Lesetextanordnung, eine Gliederung in Teilbände für die zusammenhängende Lektüre von produktionsgeschichtlich zusammenhängenden Textbereichen.
Innerhalb der Kapitelkomplexe stellt sich die Aufgabe, die auf zahlreiche Mappen aufgeteilten Manuskripte Kapitelprojekten zuzuordnen. Als Lesetext ediert werden im Prinzip die jeweils letzten Entwurfsfassungen eines jeden Kapitelprojekts. Die Kapitelkomplex- und Kapitelprojekt-Zuordnung – im Kommentar der Edition realisiert als Stemma-Tabelle – liefert eine Matrix für die Lesetext-Generierung. Die optionale Anordnung der Kapitel und die Emendationen, welche unter anderem die Auflösung der Abkürzungen und Chiffrierungen Musils bringen, stellen die Lesbarkeit der Romanfortsetzung aus dem Nachlass her. Zu einigen Kapitelprojekten fehlen fertige Entwurfsfassungen, einige sind überhaupt nur durch Studien- oder Schmierblätter (Musils Terminologie) vertreten. In diesen Fällen erstellte Musil selbst eine Matrix für Kapitel, die er aus unterschiedlichen Gründen nie ausschrieb.
Die Studien- und Schmierblatt-Matrix ist für Laien schwer zu entziffern, Chiffren verweisen auf Entwürfe unter Umständen wesentlich früheren Datums, die Musil in den neuen Kapitelentwurf einzubauen gedachte, und nicht immer sofort ausdeutbare Anmerkungen und Anweisungen regeln die Art und Weise, wie der Einbau zu geschehen hätte, der dann ausblieb oder zumindest nicht vollständig ausgeführt wurde. Die Lesetexte zu solchen Kapiteln in der Klagenfurter Ausgabe verstehen sich als der Vollzug der Anweisungen in der Musil’schen Matrix; auf solche Art erweist sich der Akt der Lesetext-Generierung als optionale Lösung der Aufgabe, die Musil sich zwar vorgenommen, die er aber nicht mehr ausgeführt hat, nämlich ein geplantes oder begonnenes Kapitel auszuschreiben.
Ein zweites optionales Anwendungsgebiet der Lesetext-Generierung betrifft das Herauspräparieren von Lesetexten aus den für Musil so typischen zahllosen Überarbeitungsstufen. Das Prinzip, die Endstufe eines Kapitelprojekts als Lesetext zu edieren, kann ergänzt werden, durch das Generieren von Lesetexten aus der Grundstufe oder aus Zwischenstufen.

Den vielleicht größten Zugewinn für textgenetische Lektüren durch das Verfahren optionaler Lesetext-Emendation erfahren die Benutzer der Klagenfurter Ausgabe wohl im Feld der Vorstufen des Mann ohne Eigenschaften.
In den frühen Phasen seiner Arbeit an dem großen Zeitroman verfolgte Musil Projekte unter den Titeln Der Spion, Der Erlöser und Die Zwillingsschwester, die in der Klagenfurter Ausgabe nicht wie bei Frisé in Auszügen an den Nachlass-Fortsetzungsteil des Mann ohne Eigenschaften gepfropft sind, sondern in einem eigenen Band innerhalb der Zwanzig-Bände-Gliederung (Band 4) jeweils als Lesetext rekonstruiert sind.
An den Vorstufen-Projekten sind nicht nur die tiefgreifenden Veränderungen bis zur späteren gedruckten Endfassung des Romans abzulesen, sondern sie stellen für sich jeweils Romanfragmente eigenständigen narrativen und stilistischen Zuschnitts dar, deren Lektüre vom späteren Groß-Essay-Roman völlig unabhängig betrachtet seine ästhetischen Wirkungen entfaltet. Allerdings sind diese Frühstufen im Nachlass Musils bloß fragmentarisch enthalten und durch die späteren Arbeitsschritte entstellt.
Die erste der Urfassungen des Romans stammt wohl von 1903–1905, sie findet sich in einem der Hefte, Nr. 4, die Frisé als Tagebücher herausgegeben hat. Die Klagenfurter Ausgabe bringt Lesetext-Rekonstruktionen von insgesamt acht deutlich voneinander abgrenzbaren Vorstufen-Projekten des Mann ohne Eigenschaften, ohne dass man sagen könnte, dass damit alle Optionen zur Vorstufen-Rekonstruktion ausgeschöpft sind. Das optionale Prinzip durchdringt über den Mann ohne Eigenschaften hinaus alle Bereiche des Nachlasses, aus denen Lestexte generiert worden sind, und umfasst etwa auch die Hefte, die nicht nur als Tagebücher abzudrucken sind, die Manuskripte der öffentlichen Reden Musils und essayistische Fragmente und die Aphoristik.

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