Die Kommentierung
Die Abschnitte
In der Klagenfurter Ausgabe sind die Werke, Briefe und nachgelassenen Schriften
Musils entstehungsgeschichtlich umfassend kommentiert, textkritisch dokumentiert
und durch Apparate und Register erschlossen. Das geschieht durch
Sprungverknüpfungen zwischen Texten, Kommentaren und Registern. Der Bereich der
"Kommentare und Apparate" ist folgendermaßen gegliedert:
I. WERKKOMMENTARE
zu den 20 Bänden des Lesetexts
II. NACHLASS-APPARATE
Mappen und Hefte: Charakterisierung einschließlich einer tabellarischen
Gliederungsübersicht
Seitendokumentation: Datensätze zu jeder einzelnen Nachlassseite
Siglen: Charakterisierung der Musilschen Siglen einschließlich einer
tabellarischen Übersicht
Figuren: Textgenetische Charakterisierung der Figuren des "Mann ohne
Eigenschaften" einschließlich des Nachweises, in welchen Kapiteln sie vorkommen
Materialien: Verzeichnisse der im Nachlass vorhandenen Materialien (Exzerpte,
Zeitungs- und Zeitschriftenausschnitte, Drucke und Vordrucke, Fremdtexte,
Dokumente, usw.)
III. REGISTER
Glossar: Auflösung von Abkürzungen im Nachlass und Erläuterungen zu
Sachbegriffen
Personen: Kommentiertes Register der im Korpus repräsentierten Personenamen
Institutionen & Organe: Kommentiertes Register der im Korpus repräsentierten
Bezeichnungen für Institutionen und Organe
Orte: Kommentiertes Register der Ortsnamen
Autoren und Werke: Nachweis der Intertextualität (der im Korpus zitierten Werke
anderer Autoren)
IV. KONTEXTE
Zeitleiste: Synopse in Jahrestabellen (Itinerar, biographische Daten,
Publikationsdaten, Korrespondenzdaten, Nachlassdaten)
Zeitgenössische Rezeption: Volltext der im Nachlass Musils in der
Österreichischen Nationalbibliothek überlieferten Rezensionen-Sammlung
Auskünfte: Für den Kommentar der Buchausgaben von Adolf Frisé und für die
Biografie von Karl Corino eingeholte briefliche Informationen
Dokumente: Sammlung von Dokumenten zur Biografie un
d Werkgeschichte, die nicht
zu den Nachlass- bzw. Autografenbeständen gehören
Bibliographie: Primärliteratur, Rezensionen, posthume Druckausgaben und
Sekundärliteratur, in Datensätzen organisiert
Der Hyperlink-Kommentar
Kommentar bedeutet im Fall der Klagenfurter Ausgabe nicht einfach Metatext. Die
Realisierung der fünf Relationen bei der editorischen Arbeit ist nur als
Hyperlinkkommentar, damit als Hypertext, nur als Edition im digitalen Medium
denkbar.
Hier ist nicht länger die Rede von den textgenetischen und
editionstechnischen Apparaten. Der Kommentar im engeren Sinn, die Erläuterung
von erläuterungsbedürftigen Stellen im Textkorpus durch Metatext, gehorcht
wieder dem optionalen Prinzip und entspricht durch den Einsatz von Hyperlinks
und dynamischen Elementen dem Grundsatz der Offenheit. Vor der Einrichtung jedes
Kommentierungssystems stellt sich die Frage, was zu kommentieren sei. Indem
literarische Quellen so wie alle Texte historisch werden und die Tendenz zu
wachsendem Erläuterungsbedarf von Generation zu Generation besteht, droht die
Gefahr der Überkommentierung, um der drohenden Unterkommentierung für künftige
Benutzer zu entgehen. Bei Musils ästhetisch geformten, von ihm selbst für den
Druck autorisierten Texten enthält sich die Klagenfurter Ausgabe darum des
Kommentars, Metatext unter dem Vorwand der Kommentierung wäre in jedem Fall
nichts anderes als Ausdeutung, und Interpretationen zu geben ist nicht die
Aufgabe der Editoren.
Während die vollendeten und autorisierten Texte also
unangetastet bleiben, das heißt informationstechnisch: im Textfluss nicht durch
Anmerkungen unterbrochen, es sei den, um Druckvarianten (durch Popups)
darzustellen, ist das gesamte Korpus der zu Lebzeiten unveröffentlichten
Schriften kommentiert, das heißt informationstechnisch: vervollständigt durch
Verknüpfung mit Texten und Kontexten und Metainformation.
Die Struktur wirkt Redundanzen vermeidend, indem Informationen zu einer
unbegrenzten Zahl sich wiederholender erläuterungsbedürftiger Phänomene im
Korpus nur einmal geboten werden müssen. Anstatt einzelne Textstellen zu
kommentieren, funktioniert der Kommentar als Hyperlink-Verknüpfung zwischen
einer beliebigen Anzahl von Textstellen im Korpus und einer beliebigen Anzahl
von Kontexten beziehungsweise Metatext-Informationen. Die Kommentar-Information
setzt sich grundsätzlich aus zwei Teilen zusammen, aus allgemein verfügbarem
Wissen und aus Wissen, das am Werk Robert Musils orientiert ist. Das allgemein
verfügbare Wissen stammt aus enzyklopädischen Nachschlagewerken. Die am
Musil’schen Textkorpus orientierten Informationen sind zum Teil biographischer
Natur, zum Teil Kondensate aus der Erschließungs- und Erforschungsarbeit am
Korpus. Im Kommentar wird auf die Referenzstellen im Korpus rückverwiesen
beziehungsweise zur entsprechenden Abfrage-Automatik gelenkt.
Die aus der Kommentierungsarbeit erwachsenen Register bilden für sich eine
kleine Enzyklopädie der Lebens-, Lese- und Schreibwelt Robert Musils.
Die
Benutzer der Edition bewegen sich in der Zeitleiste zwischen biografischen und
Publikationsdaten, um von dort aus in die Lesetexte entweder einer
Tagebucheintragung oder einer zeitgleichen Veröffentlichung zu springen. Oder sie
navigieren im Kosmos der Musilschen Intertextualität, die aus Stellenkommentaren zu seinen Essays und aus dem Quellennachweis zu seinen Exzerpten im Register der
Autoren und Werke erschlossen ist; oder im literarischen Leben seiner Zeit im
Personen- und Institutionenregister. Oder sie bewegen sich auf den Bahnen seiner
Schreibprozesse über die Netzlinien der Nachlassapparate, die Inventare, die
Siglen-Kommentare, das kommentierte Figurenregister zum "Mann ohne
Eigenschaften", oder von den Relaisstationen, welche die Tabellen in den Werk-
und Kapitelkommentaren darstellen, in Entstehungsbahnen von Stufe zu Stufe. Die
Datensätze der Seitendokumentation bilden ein Herzstück der Erschließungsarbeit
am Nachlass während der Vorbereitung der Edition. In ihnen sind die Ergebnisse
der möglichst exakten Klassifizierung jeder einzelnen Manuskriptseite des
Nachlasses enthalten, nach kodikologischen, archivalischen, philologischen und
werkgenetischen Kriterien. Ihre Abfragelust führt die Benutzer zu Trefferlisten,
Handschriftenfaksimiles und deren Transkriptionen, mit denen sie ihr eigenes
Textspiel treiben können, aus deren Schnittmengen sie einen eigenen 'Lesetext' bauen mögen, wie er ihrer Anschauung entspräche.



