1978
Frisés MoE, 1978

Die Buchlösungen


Bei der Lösung der Aufgabe, die apokryphen Teile von Musils Oeuvre der Leseröffentlichkeit zu vermitteln, lassen sich drei Etappen feststellen.

Martha Musil 1943 | Adolf Frisé 1952 | Adolf Frisé 1976 - 1981

Martha Musil 1943

Den ersten Versuch nahm unmittelbar nach dem Tod Robert Musils seine Witwe von Genf aus in Angriff. In einem Brief an Robert Lejeune teilte sie mit, sie wolle wie die Frau Dostojewskis "die Bücher ihres Mannes im Selbstverlag herausgeben".
Bis zu ihrem Tod 1949 ließ sie, von Genf, von Philadelphia und zuletzt von Rom aus, das große Ziel der Verwirklichung einer Gesamtausgabe unter Berücksichtigung des zu Lebzeiten Gedruckten und großer Teile des Nachlasses nicht aus den Augen.
Als Motiv für die Drucklegung erscheint in der Korrespondenz, die Manuskripte so zu sichern. Doch so lange sie noch in Genf weilte, schien nur ein Teilziel realistisch, ein Fortsetzungsband des "Mann ohne Eigenschaften" aus dem Nachlass.

Pfarrer Lejeune, einen der letzten Förderer ihres Mannes, bat sie um Unterstützung bei der Suche nach Subskribenten für eine Ausgabe "als Luxusdruck" und "nur für die Freunde des Autors". Dabei dachte sie vorerst bloß an die ersten sechs Kapitel der Druckfahnen und an "jene Kapitel, die mein Mann handschriftlich zur Reinschrift vorbereitet hat" , also die letzte Entwurfsmappe mit den Kapiteln 47-52.
In einem nicht datierten Brief an die Wiener Freunde Valerie und Franz Zeis ist dann auch von verschiedenen Kapiteln "des Schlußteils" die Rede, "die nur in erster Niederschrift vorhanden sind, schon vor vielen Jahren geschrieben, und so frisch, kraftvoll und dabei romanhaft, daß auch diese nicht verlorengehen dürften".
Ob eine erste Nachlassausgabe für "Freunde, die gern einige Fortsetzungskapitel lesen möchten", solche Schlussteil-Kapitel tatsächlich auch enthalten sollten, ist sich Martha Musil vorerst noch unsicher, zuletzt entschließt sie sich zu einer umfangreicheren Ausgabe, die mehr enthält als nur das, was Musil zur direkten Fortführung des Romans seit der Teilpublikation von 1932 in den Bereich greifbarer Fertigstellung geführt hatte.

1943 wurde diese Ausgabe in einer Auflage von 1000 Stück in Lausanne gedruckt; sie erschien unter der Angabe Band 3 und mit bei 1 beginnender Kapitelnummerierung.
Der Text stützt sich auf: Kapitel 1-8 = Druckfahnen 39-46; Kapitel 9-14 = Reinschriftmappe 47-52, Kapitel 15-24 = Druckfahnen 49-56. Die Neueinführung der Bandzahl 3, die Änderung der Kapitelzählung, das Weglassen der Fahnenkapitel 47-48 bei gleichzeitiger Beibehaltung der Fahnenkapitel 49-56 stellen über die Autor-Autorisierung hinausführende Herausgeber-Schritte dar. Besonders trifft dies aber bei den unter "Ausgewählte Kapitel aus dem Manuskript des Schlußteils anschließenden weiteren 16 Nachlaßtexten zu".

Martha Musil versucht mit dieser Auswahl erst gar nicht, anhand von Texten aus dem letzten Stadium der Produktion eine bestimmte dominante oder letztgültige Intention des Autors bezüglich des Romanschlusses zu demonstrieren. Mit ihrer Zusammenstellung von Entwürfen bietet sie primär handlungsorientierte, leserfreundliche Ausschnitte aus einem breiten Panoptikum von Textentwürfen aus dem Nachlass, ohne einen Überblick zu verschaffen oder eine bestimmte Richtung anzugeben, in die sich der Schlussteil des Romans entwickelt hätte. Zum prägnanten Merkmal ihrer Ausgabe wird, dass sie sich deren provisorischen, nur für begrenzte Zeit und auf begrenztem Raum wirksamen und gültigen Charakters bewusst ist.

Dem "Band 3" war keine große Wirkung beschieden, die Kriegs- und Nachkriegszeiten ließen das nicht zu. Martha Musil kommt dennoch allergrößte Bedeutung zu, weil sie, mit Sorgfalt und Akribie ausgeführt, editionsgeschichtlich den Weg wiesen, wie der Witwe ja allein durch die Bewahrung des Nachlasses in äußerst schwierigen Zeiten und in einer schwierigen Lebenssituation sowie durch die erste Inventarisierung ein großes Verdienst zukommt.
Als dem Autor am nächsten stehender Mensch besaß sie intime Kenntnisse seines Schreibens; in einigen wenigen Fällen erlaubte sie sich Eingriffe in die Manuskriptstruktur, so auch, als sie aus zwei Heften Texte, die ihre Ehe betrafen, herausschnitt und in ihren Mantel einnähte. Die Papiere wurden 1980 am seinerzeitigen Robert-Musil-Archiv in Klagenfurt entdeckt und sind mittlerweile wieder Teil des Nachlasses. Für das Fehlen weiterer Manuskriptbestände, die Musil ursprünglich registriert hatte und auf die er verweist, wie das Konvolut Bonadea und die Hefte 12, 13 und 14, die möglicherweise ebenfalls kompromittierendes Material enthielten, steht die Beteiligung Martha Musils nicht fest.
In Summe überwiegt bei der Frau, die Musil einmal als seine Mitautorin bezeichnet hatte (in einem Brief an Toni Cassirer vom 17.11.1933: "wenn ich das ganz unverblümt sagen darf, so geht es nur noch einige Wochen weiter mit dem Roman und seinen zwei Autoren") die Hingabe an das zu erhaltende und zu überliefernde Werk gegenüber der Tendenz zur gelegentlichen Diskretion.

Seitenanfang


Adolf Frisé 1952

Der zweite Versuch, das Projekt Lese-Ausgabe zu verwirklichen, ist schon mit dem Namen Adolf Frisé verbunden.
Frisé, der 1931 mit Musil korrespondierte, ihn im Januar 1933, knapp vor Hitlers Machtergreifung und Musils Rückkehr nach Wien, für ein Interview persönlich in Berlin aufsuchte und in den Dreißigerjahren drei Rezensionen über den Mann ohne Eigenschaften veröffentlichte, nahm nach dem Zweiten Weltkrieg, während er sich journalistisch für die Wiedererweckung öffentlicher Aufmerksamkeit am Werk Musils einsetzte, brieflichen Kontakt mit Musils Witwe in Philadelphia und Rom auf, den er ab 1949, nach ihrem Tod, mit dem in Rom lebenden urheberrechtlichen Erben und Nachlassverwalter, Musils Stiefsohn Gaetano Marcovaldi, aufrecht erhielt.
1951 nahm Frisé das erste Mal Einsicht in den Nachlass, 1952 wurde er nach einer Einigung zwischen Marcovaldi und dem Rowohlt-Verlag mit der Veröffentlichung der Fortsetzung des "Mann ohne Eigenschaften" aus dem Nachlass betraut.

Adolf Frisé brachte im Dezember 1952 bei Rowohlt den Gesamtroman einschließlich der 1930 bzw. 1932 bereits veröffentlichten Teile heraus. Das Konzept einer Gesamtausgabe bestimmte die Struktur dieser Ausgabe von Nachlassteilen, welche als organische Fortführung der zu Lebzeiten Musils gedruckten Romanteile erscheinen sollen.
Noch aus der retroperspektiven Erinnerung an den ersten Eindruck, den er im Mai 1951 von den Manuskripten in Rom empfangen hat, geht Frisés Grundgedanke hervor: "In ihnen Skizzen, Entwürfe, Materialien zu Skizzen, Entwürfen, schon gleichsam druckreife, noch handgeschriebene, auch bereits getippte Texte, die nur noch auf ihren Platz im Roman zu warten schienen. Ein Gedanke der ersten Stunden, der ersten Tage: Eine solche Systematik wird folgerecht alsbald transparent werden; wie in einem Magnetfeld werden die Grundlinien sich gemäß der sie bestimmenden Methodik deutlich abzeichnen, die Masse dessen, was Musil skizziert, vorentworfen hinterließ, wird seine innere Ordnung, die Zuordnung der Blätter untereinander schnell erkennen lassen."

Frisé gesteht in dieser späten Schilderung aus einer Zeit, in der er sich mancher Irrtümer längst bewusst ist, dass er ursprünglich an Musils Nachlass mit der Vorstellung herangegangen sei, es müsse sich in ihm die Ordnungsstruktur eines geschlossenen Systems verbergen.
1951/52 fand er "bereits fertig getippte Texte, die nur noch auf ihren Platz zu warten schienen" und erklärte sie ohne Umschweife zu Teilen einer Fortsetzung des Romans. Dabei bestimmte er innerhalb einer möglichst großen Menge heranzuziehender Manuskripte eine Reihenfolge nach der Logik eines wahrscheinlichen bzw. möglichen Vorher und Nachher im fiktionalen Romangeschehen.
Tatsächlich suggerierte er mit seiner Editionsweise einen Erzählungsverlauf, der quer zu den Stufungen und Schichtungen steht, welche sich aus einer genetischen Betrachtung des Nachlasses ergeben. Es scheint auf den ersten Blick so, als könnte sich Frisé mit seiner Ausgabe von 1952 auf Martha Musil berufen. Doch während Martha Musils Dritter Band zwischen der Fortsetzung des Romans - auf der Grundlage der Druckfahnenkapitel und Kapitelfolge R 47-52 - und der Auswahl von Schlussteil-Manuskripten eine Trennlinie zieht, gehen in Frisés Ausgabe von 1952 die Fortsetzungsteile nahtlos in den Schlussteil über und der Herausgeber erschloß eine Erzählanordnung, für die sich aus Musils Notizen und aus der Anlage des Hinterlassenen kaum ausreichende Anhaltspunkte ergeben.
Der Rekonstruktionscharakter kommt darin zum Ausdruck, dass Frisé im Schluss des dritten Teils und vierten Teil aus dem Nachlass für jedes Kapitel, teilweise aus eigener Schaffenskraft, einen Titel bereithält, im Inhaltsverzeichnis nur darauf verweist, daß "die mit * gekennzeichneten Kapitel bisher unveröffentlicht" waren und in einem Anhang "Nachgelassene Fragmente" ankündigt, woraus der Eindruck entsteht, die 128 Kapitel wären gesicherte Romanfortsetzung und nur das im Anhang folgende Fragment.

Die deklarierte Zielsetzung der Ausgabe von 1952 habe darin bestanden, Musils Roman nach dem Zweiten Weltkrieg einem großen Leserpublikum in Erinnerung zu rufen - und zwar möglichst komplett. Dazu sei es notwendig gewesen, ein Maximum von im Nachlass bereitliegenden Entwürfen in einer leserfreundlichen Form, also ohne editorische Raffinessen, in das Buch aufzunehmen.
Angesichts dieser Zielsetzungen erübrigt sich eine Kritik an der ersten Ausgabe Frisés aus einem engen editionsphilologischen Blickwinkel. Heute bleibt nur mehr, die Gestalt des "Mann ohne Eigenschaften" in der Ausgabe von 1952 als eine wichtige Station am Weg der Vermittlung und Rezeption der apokryphen Teile des Romans anzuerkennen. Außerdem bietet sie Anstoß zur grundsätzlichen Reflexion der Schwierigkeiten und Probleme im Zusammenhang mit Fragen der Erzählanordnung im apokryphen Roman.

Seitenanfang


Adolf Frisé 1976 - 1981

Adolf Frisé verfolgte seine Aufgabe weiter, die Werke Robert Musils bei Rowohlt herauszugeben.
Als Teile einer mit "Gesammelte Werke in Einzelausgaben" titulierten Ausgabe erschienen 1955 "Tagebücher, Aphorismen, Reden" und 1957 "Prosa, Dramen, Späte Briefe". Für Nachlassteil des "Mann ohne Eigenschaften" traf der Herausgeber in der 5. Auflage 1960 neue Dispositionen, ohne aber den Grundansatz von 1952 über Bord zu werfen.
Eine "Einführung in das Werk" (1962) von Ernst Kaiser und Eithne Wilkins, in der massive philologische Einwände gegen Frisés Edition im Ganzen und im Detail erhoben wurden, und "Studien zu einer historisch-kritischen Ausgabe" von Wilhelm Bausinger im Rahmen einer Dissertation bei Beißner in Tübingen (1964 als Buch bei Rowohlt erschienen) mit einem letztlich unverwirklichbaren bzw. Buchlesern nicht zumutbaren Konzept einer Edition des "Mann ohne Eigenschaften" nach Beißners Stufenmodell ließen die Frisé-Ausgabe unter den Druck philologischer Prämissen geraten.

Auf das verstärkte Echo, das Musil mittlerweile gefunden hatte, sowie auf die Forderungen der Germanistik nach kritischen Texten reagierte Adolf Frisé, indem er während der 1970-er Jahre der Textbasis nach wesentlich erweiterte Musil-Ausgaben mit deutlichen textkritischen Akzenten vorbereitete und schließlich auf den Markt brachte: eine kommentierte Studienausgabe der "Tagebücher" (1976), "Gesammelte Werke" (1978) in zwei Bänden (bzw. in einer neunbändigen Taschenbuchausgabe) und die "Briefe" in einer kommentierten zweibändigen Ausgabe.
Die Frisé-Editionen von 1976, 1978 und 1981 stellen, sofern sie nicht vergriffen sind, die heute gültigen Buchausgaben dar. Von den "Gesammelten Werken" sind zahlreiche Auflagen - sämtliche seitenident - nachgedruckt worden, darunter Sonderausgaben des "Mann ohne Eigenschaften".
Der Textkorpus der Klagenfurter Ausgabe wurde zwar auf der Basis der Quellen neu konstituiert und um von Frisé nicht Publiziertes ergänzt, doch sind die Erträgnisse der Kommentierungsarbeit Adolf Frisés für die "Tagebücher" und "Briefe" alle in die KA eingeflossen; außerdem bietet die digitale Edition eine lückenlose Konkordanz mit den Musil-Texten der Frisé-Ausgaben.

Die Nachlassfortsetzung des "Mann ohne Eigenschaften" ist nunmehr entstehungsgeschichtlich organisiert, erst in zwei Blöcken jeweils letzter Fassung, den sogenannten Druckfahnen von 1937/38 zu den Kapiteln 39–58 des zweiten Bands, und sechs Kapiteln mit den letzten Genfer Varianten zu Kapitel 47–52 von 1941/42.
Anschließend verfolgt Frisés Anordnung das Prinzip einer verkehrten Chronologie, nach der sie Kapitelkomplex um Kapitelkomplex und Produktionsphase um Produktionsphase bis zu den frühen Vorstufen zurückläuft, als der Roman noch gar nicht "Der Mann ohne Eigenschaften" heißen sollte, sondern Die Zwillingsschwester, Der Erlöser oder Der Spion;
der Endpunkt des Romans fällt schließlich in einer merkwürdigen Weise mit dem entstehungsgeschichtlichen Anfangspunkt 1918/1919 zusammen.

Frisés Ausgabe von 1978 trägt der Kritik von Philologen an seiner ersten Ausgabe Rechnung, sie setzt textkritische Akzente, vor allem bietet sie keinen emendierten Text, sondern fußt auf einer Transkription der Manuskripte, die Frisé als zum Roman gehörig identifiziert und ausgewählt hat.
Die Ausgabe von 1978 bringt einen wesentlich größeren Anteil des Nachlasskorpus als die Ausgabe von 1952, nicht nur das Entwurfs-, sondern auch umfangreiches Notizmaterial. Vor allem berücksichtigt sie aber das textgenetische Prinzip, unterscheidet in der Anordnung zwischen abgestuften Autorisierungs- beziehungsweise Elaborierungsgraden. Ihre Raffinesse hat einer Rezeption zugearbeitet, die auf ein erzählerisches Kontinuum weniger Wert legt als auf eine Überfülle an zitierbaren Stellen. Allerdings sind die Nachteile dieser Ausgabe nicht zu übersehen, sie hat erst so recht den zweifelhaften Ruf des "Mann ohne Eigenschaften" begründet, ein Roman zu sein, den nie jemand zu Ende gelesen habe.

Die Lesbarkeit ist durch die fehlende Information über den Status der Texte schwer beeinträchtigt, die Leser wundern sich über Wiederholungen, sie werden über Vorstufen- und Variantenbeziehungen nicht ausreichend aufgeklärt.
Die Kriterien für seine Textauswahl hat Frisé nicht offen gelegt, die Leser erfahren nicht, was weggelassen wurde. Die Textkonstitution ist aus dem Apparat nicht zur Gänze nachvollziehbar, teilweise kontaminierte der Herausgeber aus mehreren Fassungen, es gibt keinen exakten Stellennachweis. Mit anderen Worten, die aktuelle Buchausgabe des Rowohlt-Verlags erfüllt textkritische Standards nicht im ausreichenden Maße beziehungsweise löst die Ansprüche an eine historisch-kritische Ausgabe nicht ein.

Zurück zur Auswahlseite

Seitenanfang