Aus dem Jahr 1913: "Wieder austreten und ins Ungewisse hineinsteuern"
Bibliothekar in Wien
[= Kapitel 14 in Karl Corino: Robert Musil. Eine Biographie. Rowohlt 2003, S. 403ff]
"Es sieht aus, als hätte mein natürlicher Werdegang so aussehen müssen: Annahme der Dozentur in Graz. Geduldiges Tragen der langweiligen Assistententätigkeit. Geistiges Miterleben der Wendung in der Psychologie und Philosophie. Dann, nach Sättigung, ein natürlicher Abfall und Versuch zur Literatur überzugehen.
Warum ist es so nicht gekommen? Daß wir vor der Heirat nicht nach Graz wollten, wäre zu überwinden gewesen. Entscheidend war, da&zlig; ich naive Hoffnungen in den weiteren Verlauf meiner Schriftstellerkarriere gesetzt habe. Daß ich durchaus nicht wußte, wie gefährlich es im Leben ist, nicht seine Chancen auszunützen. (Provinziell großartig, verträumt großartig, Folge gesicherter Jugend). Anständigerweise, daß ich mich psychologisch nicht versiert genug fühlte und wenig Freude am psychologischen Experiment hatte; schon in Berlin dem Betrieb ferngeblieben war. Dummerweise, daß ich für mich die Vorstellung: man arbeitet sich in die Materie mit Energie ein, die einem das Leben über den Weg legt: nicht im mindesten anerkannte, sondern mit Energie nur machte, was ich mir selbst aussuchte. Wichtig: daß ich mich wohl immer mit Ethik befassen wollte, aber keinen Zugang wußte, der mir gepaßt hätte. Mit anderen Worten daß ich zu wenig studiert hatte! Denn Scheler hat den Zugang gefunden! Daß ich mir eingebildet hatte, das Wichtigere wäre, was man will, aus sich selbst zu holen und erst zur Prüfung und Ergänzung Rat zu suchen. Bei der ersten Belastung durch das Leben ist das zusammengebrochen. Es wäre auch zu sagen: Der Phantast hatte dem Denker ein Bein gestellt.
Noch einmal etwas später hätte ich in den natürlichen Weg einlenken können, wenn ich als Bibliothekar nicht mich mit Dichtung ohne nötige Sammlung gequält, sondern mir gesagt hätte, man könne ein Gelehrter auch außerhalb der Universität werden. Zeit und Bibliothek war da. Ich legte aber das Gewicht auf den Dichter, und obwohl ich mit der Psychologie in Fühlung zu bleiben trachtete, trieb ich von ihr ab. Ursache: Interesseteilung, wobei das größere der Dichtung galt. Zweite Ursache, die auch im ersten Fall eine Hauptsache war: Daß ich ohne bestimmtes Ziel nicht expeditiv bin und auch da nicht immer. Melancholische Schwerflüssigkeit. Fehlen der Neugierde "kennen zu lernen", was vorgeht, die ein Gelehrter in großem Maße braucht. Ich habe mich nie in meiner geistigen Mitwelt "umgesehen", sondern immer den Kopf in mich selbst gesteckt.
Andre Seite: Hätte ich statt am losen Vogel mitzuarbeiten und die Schwärmer zu beginnen, studiert, exzerptiert, gar publiziert wäre ich möglicher-, sogar wahrscheinlicherweise von der Literatur fortgekommen und ein Fall Andrian geworden."
(Corino, S. 435f.)
"1912 scheint das Jahr einer larvierten Krise gewesen zu sein, die sich 1913 fortsetzte. Musil suchte damals Hilfe bei dem Psychiater Otto Pötzl, der, wie erwähnt, mit Max Wertheimer in Kontakt stand und den Musil vielleicht durch Vermittlung des letzteren kennengelernt hatte. Pötzl war ein interessanter Mann. Er war Schüler des späteren Nobelpreisträgers Wagner-Jauregg, der die Malaria-Theraphie der Syphilis entwickelte, und er arbeitete wie Wertheimer mit dem Tachistoskop, um beispielweise festzustellen, ob blitzartig gezeigte Exponate in den Träumen von Versuchspersonen wiederkehrten, also um bestimmte Theorien Freuds durch das Experiment zu überprüfen. Musil dürfte ab Ende Januar 1913 ärztliche Hilfe gesucht haben. Er notierte einen Besuch bei Pötzl am 30. März 1913. Die Notiz (T 265) klingt ganz unaufgeregt und undramatisch, aber er bekam vier Tage später, am 3. April, ein Gutachten von ihm, das recht alamierend klingt."
(Corino, S. 437f.)
"Man geht wohl nicht fehl, wenn man diesen fortgesetzten <Herzkasperl> und die Verdauungsstörungen für eine psychosomatische Krankheit Musils hält. Wenn man es bildlich ausdrücken darf: sein nur mühsam vorrückendes Stück drückte aufs Herz, der hinderliche Beruf hatte sich ihm auf den Magen geschlagen. Er konnte, der Eltern wegen, die Bibliothekarsstelle an der TH Wien vorerst nicht aufgeben, er wollte aber auch nicht weitermachen wie bisher. Da war die Flucht in die Krankheit der ideale Ausweg. Praktisch gleichzeitig mit dem Gutachten Pötzls, nämlich Anfang April 1913, entstand, nicht ohne Zutun Musils, ein Brief Franz Bleis an Kurt Wolff, in dessen Verlag die letzten Hefte des «Losen Vogels» erschienen. Blei teilte dem Leipziger Verleger mit, Musils Kontrakt mit Georg Müller laufe «demnächsts» ab und er, sein Schriftsteller-Kollege, wolle ihn nicht mehr erneuern."
(Corino, S. 438f.)
Aus dem Jahr 1933: "Bedenken eines Langsamen"
Essayprojekt für die Zeitschrift "Die Neue Rundschau" in der ersten Jahreshälfte 1933
Betrachtet ein Geistesmann heute die revolutionäre Erneuerung des
deutschen Geistes, deren Zeuge und Teilnehmer er ist, so
unterscheidet er unwillkürlich zwei Richtungen dieser Bewegung und
ihrer Führung. Die eine beruhigt ihn, weil sie ihm verhältnismäßig konservativ und bedingt erhaltungswillig vorkommen kann, denn sie möchte nach der Eroberung der Macht den Geist zur Mithilfe am inneren Ausbau überreden und
verspricht ihm nicht nur ein goldenes Zeitalter, wenn er sich
ihr anschließe, sondern stellt ihm dabei auch ein gewisses
Mitbestimmungsrecht in Aussicht; diese beruhigt und gewinnt ihn.
Die andere dagegen schüchtert ihn ebensosehr ein und
erschreckt ihn, denn sie erklärt, daß die revolutionäre Methode einstweilen noch aufs Unabsehbare weitergehe, daß fürs nächste sogar der Geistesmann
selbst in die Arbeit genommen werde,ja daß mit der neuen Politik ein neuer Geist schon da sei und der alte nichts mehr zu tun habe, als sich freiwillig ins Feuer zu stürzen, auf daß er zu Asche verbrenne oder bis in die Elemente sich selbst
entfremdet werde.
Und wirklich scheinen diese beiden Richtungen der gesellschaftlichen Umformung vorhanden zu sein, ohne daß sie
sich deutlich voneinander trennen ließen, und dem entspricht auch die Wirkung. Ein Teil von denen, die noch bis gestern die Würden und Lasten des Geistes getragen haben, befindet sich jenseits der Grenzen, der Mehrzahl, die im Lande ist, haben die Ereignisse offenbar den Atem verschlagen, aber da und dort erheben sich auch schon die Stimmen von Neubekehrten und legen mehr oder minder in Glückstönen Zeugnis davon ab, wie gut es ist, den Anschluß zu finden, sei es selbst im letzten Augenblick. Ich spreche da namentlich vom Schönen Geist, also dem der Künste, aber die gleiche Wirkung der Überraschung, die mit dieser Revolution merkwürdig verbunden ist, läßt sich auch in den anderen Geistesgebieten wahrnehmen, wenngleich sie sich je nach deren Art geändert äußert.
Robert Musil an Ziebolz, 11. Juni 1933
Sehr geehrter Herr Ziebolz!
Es ist schrecklich lange her, dass ich Ihren Brief empfangen habe, ohne Ihnen für dieses frdl. Lebenszeichen zu danken, aber erst der Kuraufenthalt gibt mir die Ruhe dazu. Ich muss den Mann o. E. zu Ende schreiben, der im Frühjahr fertig sein soll, und habe das letzte Jahr in Berlin zugebracht, zuletzt einfach festgehalten von dem Zustand Deutschlands, der sich jeden Tag neu überschlug, während ich immer mehr erstarrte. Ich habe die Zeit gekannt, wo man noch nicht an den Krieg glaubte, und dann den Krieg, aber was jetzt geschehen ist und geschieht, ist viel unverständlicher, obgleich es mir eigentlich keine Schwierigkeiten in den Weg legt. Es überrascht bloss durch nackte Hässlichkeit. Wahrscheinlich ist es auf die Doppelformel zu bringen: wirkliches geschichtliches Geschehen in der Richtung der Kollektivierung der Menschheit; Träger des Geschehens der halbgebildete Mittelstand und darum der grosse Rückschritt vor dem neuen Anlauf. Aber eigentlich kann man noch nichts sagen und muss noch einige Monate mit dem Urteil warten, obwohl die Mehrheit der Zeichen schon dafür spricht, dass wir mit einem Dauerzustand rechnen müssen.
Als Einzelner bin ich bisher von den Ereignissen verschont geblieben; aber ob Exilant oder nicht, wenn die Verhältnisse so bleiben, wie sie jetzt noch sind, wird es keine Möglichkeit geben, dass ich mich im neuen Deutschland am Leben erhalte. Es ist mir das schon im alten schwer genug gefallen, denn trotz allen Kulturgetues war Deutschland richtungslos und ganz merkantil.
Empfehlen Sie mich bitte Ihrer Frau Gemahlin und seien Sie bestens gegrüsst und bedankt
von Ihrem freundlich ergebenen
R. M.
Der politisch Unzufriedene
[= Klaus Amann: Robert Musil - Literatur und Politik. Mit einer Neuedition ausgewählter Schriften aus dem Nachlass. Rowohlt 2007.]
"Mit der dramatischen Entwicklung der politischen Verhältnisse während der zwanziger Jahre, die mit der
<Machtergreifung> der Nationalsozialisten im Januar 1933 in Deutschland und der Errichtung des autoritären, <austrofaschistischen> Ständestaates in Österreich (1933/34) fürs Erste kulminieren sollte, spitzte sich die Situation auch für Musil stetig zu, und die Beschäftigung mit der politischen Situation gewann noch eine zusätzliche, dringliche Bedeutung für ihn. Nicht nur, weil er sich, wie viele andere auch, in politische und private Entscheidungssituationen gezwungen sah, sondern vor allem deshalb, weil der Zwang zur persönlichen politischen Entscheidung und deren Begleitumstände ihn in seinem Selbstverständnis und in seiner Rolle als Schriftsteller existentiell berührten und bedrohten. Zur Beunruhigung durch die mit sichtbaren Zeichen von Gewalt einhergehenden politischen Veränderungen kam die verstärkte Sorge um die eigene Zukunft als Autor. Dass die politischen Rahmenbedingungen in Deutschland wie auch in Österreich seine ohnehin bescheidenen Arbeits- und Wirkungsmöglichkeiten in bedrohlicher Weise einschränkten und reduzierten, wurde Musil schnell bewusst."
(Amann, S. 17f.)
"Sein (Musil, Anm.) politischer Ansatz ist funktional. Er beurteilte politische Strömungen, Parteien und auch die Regierungsform der parlamentarischen Demokratie punktuell und unabhängig von einer übergreifenden Ideologie jeweils danach, wie sie konkrete Probleme angingen, lösten oder negierten. Absolute Priorität beanspruchte für Musil neben den ethischen Voraussetzungen politischen Handelns (Rechtlichkeit, Gerechtigkeit, Toleranz, Humanität, Gemeinwohl etc.) dabei die Frage, welche Rolle und welche Spielräume die Politik dem
<Geist> im weitesten Sinne einräumte."
(Amann, S.28)
Schreibgestus
"Musils Denken schließt das Widersprüchliche, Unvereinbare und scheinbar Skandalöse immer mit ein. [...] Es geht ihm nicht um Positionsbestimmungen, sondern darum, Methoden, Verfahren, Wege des Denkens und Erkennens zu erkunden. Dies gilt insbesondere für die Frage des Politischen, wo Musil, abhängig von Zeit, Raum und Umständen, immer wieder zu Einschätzungen kommt, die frühere Positionen aufheben, umdrehen oder völlig neu fassen. Das bedeutet nicht, dass er inkonsequent, ideologisch anfällig,
<unpolitisch> oder was der moralischen Verdikte mehr sind, wäre. Es bedeutet lediglich, dass er der Methode seines Denkens treu bleibt, das analytisch und radikal ist, keine Denkverbote kennt und das prinzipiell prozesshaft und dynamisch ist. Es ist in den Tagebuchheften ebenso wie in den literarischen und den essayistischen Texten, ein beständiges Ergründen und Prüfen der Vielfalt und der Perspektiven von Tatsachen, Verhältnissen, Standpunkten, Affekten, Empfindungen und Anschauungen."
(Amann, S. 39f.)









