Bildnis des Domherrn Gregor Angerer

Bildnis des Domherrn Gregor Angerer

In: Circa 1500. Leonhard und Paola – Ein ungleiches Paar. De ludo globi – Vom Spiel der Welt. An der Grenze des Reiches. Landesausstellung 2000 – mostra storica in Lienz, Schloß Bruck, in Brixen, Hofburg Brixen und in Besenello, Castel Beseno, Besenello. Veranstaltet vom Land Tirol, der Stadt Lienz u.a. Redaktion Marco Abate u.a. – Mailand: Skira, 2000. – 539. 4°. Illustr., Bibl., Karten Objekt-Nr.: 2-18-9, S. 390. Abbildung S. 284.

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Leihgeber: Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum (Innsbruck, Tirol), 122
Bildnis des Domherrn Gregor Angerer

© Foto Frischauf, Innsbruck


1519 (datiert)
Marx Reichlich
Tanne, 59,8 x 43,3 cm
Auf dem linierten Blatt auf der Brüstung in Majuskeln die Inschrift: GREGORIVS ANGRER . DD . DOC(TOR) . BRIXINEN(SIS) / ET VIENEN(SIS) ECCL(ES)IAR(UM) CANO(N)ICVS ÆTATIS SVÆ / AN . XXXVIIII.M.VII.D.II. / .1519.


Provenienz: Stiftung Leopold von Bisdomini, Brixen, 1830

Das Bildnis wurde durch Jacob Burckhardt 1878 als Werk Hans Holbeins eingeführt. Friedländer (1929) machte es zum Ausgangspunkt der Werkbildung des Meisters des Angerer-Bildnisses. Seit 1950 (Oberhammer, Rasmo 1950) wurde dieser mit zunehmender Akzeptanz (Egg 1960, Madersbacher 1998) mit Marx Reichlich identifiziert, wenngleich Identität und Herkunft des Künstlers bis in die jüngere Literatur (Löcher 1997) umstritten bleiben.
Die Inschrift nennt ein Alter von 39 Jahren, sieben Monaten und zwei Tagen. Dem Grabstein Angerers in Wiener Neustadt zufolge ist dieser jedoch am 28. 12. 1476 geboren. Das Bildnis müsste somit bereits 1516 aufgenommen worden sein, um ihn im angegebenen Alter zu zeigen (vgl. Ammann 1911).
Hinsichtlich des Grundformulars unterscheidet sich das Porträt des Domherrn nicht nur von den übrigen der Gruppe, sondern es nimmt auch innerhalb der Gattung eine Sonderstellung ein. Der Dargestellte ist en face und in direktem Blickkontakt mit dem Betrachter dargestellt. Der Ausschnitt überschneidet Kopf und Schultern nicht, sondern ist der Silhouette angepasst, wodurch anstelle der momenthaften eine hieratisch stabilisierte Wirkung tritt. Strenge Frontalität und symmetrisch triangulärer Aufbau verweisen auf den Gestaltungskanon der Ikone, beziehungsweise auf die Tradition der vera ikon, wie sie durch Van Eyck Bildnisqualität erhalten hatte. Jeder Hinweis auf physische Handlung unterbleibt. Die Hände, ob zum Gebet gefaltet, einen Rosenkranz haltend oder in den Schoß gelegt, sind durch die Brüstung verborgen, die dergestalt nicht als Interaktionsebene zwischen Bild- und Betrachtersphäre, sondern als distanzschaffendes Element fungiert. Aufgrund ihrer Höhe scheint die Büste nicht nur dahinter, sondern gleichsam auf einen Sockel gehoben, wodurch sich über die skulpturale Bildnisbüste Assoziationen bis hin zum Büstenreliquiar eröffnen. Andererseits könnte durch den hölzernen Aufbau auch auf einen Sarg angespielt werden. Dessen Versiegelung mit dem Namen Angerers ließe sich mit der Versiegelung der Auserwählten (Apokalypse 7) ebenso wie mit der Auferstehung Christi aus dem versiegelten Grab (Matthäus 27,66) in Bezug setzen.
Wenn dieses Bildnis geradezu als Gegenposition zu den Reichlichschen Momentaufnahmen – wie jener von Angerers Standesgenossen – erscheint, so drückt sich darin sicher weniger die Reaktion des Künstlers auf die "geistige Überlegenheit" (Friedländer) seines Modells aus, als vielmehr dessen Vorstellung von der Mitteilung seines Bildnisses. Das ikonisch-christologische (Warnke) Schema in Verbindung mit der Reduktion individueller Selbstäußerung auf den direkten Blickaustausch mit dem Betrachter legt eine tiefergehende theoretische Auseinandersetzung des gelehrten Domherrn nahe, die man sich in ihrer Zielsetzung vergleichbar der theologischen Ausdeutung des Bildnisses durch Cusanus denken könnte: "Mein Antlitz ist ein wahres Antlitz, weil du, die Wahrheit, es mir gegeben hast. Und es ist Bild, weil es nicht die Wahrheit selbst ist ...ich sehe darin Bildhaftigkeit mit angesichtiger Wahrheit in der Weise zusammenfallen, dass mein Angesicht insoweit wahr ist, inwieweit es Bild ist" (De Icona; vgl. zusammenfassend zuletzt Wolf 1999).
Gregor Angerer, geboren 1476 in Wien als Sohn einer bürgerlichen Familie, wurde 1510 Domherr in Wien. 1515 erhielt er ein Kanonikat in Brixen. Seit 1517 war er Kapitular und zugleich Pfarrer von Villanders, 1518-1525 auch Pfarrer von Albeins und Fabrikator. 1526 schrieb er, politisch auf der Seite König Ferdinands stehend, historische Aufzeichnungen über den Bauernkrieg. 1527-1528 stand er in kaiserlichen Diensten als Gesandter in Venedig. Seit Anfang 1530 war er Dompropst zu Brixen und wurde Ende desselben Jahres zum Bischof von Wiener Neustadt gewählt. Auch in dieser Funktion versah er kaiserliche Gesandtschaftsdienste. Mit dem Brixner Domkapitel wegen seiner häufigen Abwesenheit in keinem guten Einvernehmen, wurde er 1531 sogar exkommuniziert. 1532 rehabilitiert, stiftete er 1533 in Brixen einen Priestermessbund. 1539 wurde er als Domdekan eingesetzt. 1543 im Türkenkrieg aktiv, residierte er 1544-1547 meist in Brixen. Er starb 1548 in Wien. Seine bedeutende Bibliothek wurde dem Brixner Domkapitel einverleibt.


Lukas Madersbacher, Erika Kustatscher


Literatur: Max J. FRIEDLÄNDER, Der Meister des Angererbildnisses. In: Cicerone 21(1929), S. 1ff. – Erich EGG, Marx Reichlich und der Meister des Angrer-Bildnisses. In: Zeitschrift für Kunstwissenschaft 14 (1960), S. 9ff. – Lukas MADERSBACHER, Marx Reichlich und der Meister des Angrerbildnisses (Innsbruck 1994), S. 142ff. – Martin WARNKE, Geschichte der deutschen Kunst. Bd. 2: Spätmittelalter und Frühe Neuzeit. 1400 - 1750 (München 1999), S. 154. – Karl WOLFSGRUBER, Das Brixner Domkapitel in seiner persönlichen Zusammensetzung in der Neuzeit 1500-1803 (Schlern-Schriften 80, Innsbruck 1951), S. 135f. – Lukas MADERSBACHER, Marx Reichlich. In: Michael Pacher und sein Kreis. Ein Tiroler Künstler der europäischen Spätgotik 1498-1998. Katalog (Neustift 1998), S. 255-269. – Kurt LÖCHER, Altdeutsche Bildnisse im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck: In: Alte und moderne Kunst 84 (1966), S. 15–20. – H. ANGERER, Gregor Angerer von Angerburg. In: Forschungen und Mitteilungen zur Geschichte von Vorarlberg und Tirol 8 (1911). – Gerhard WOLF, Nicolaus Cusanus „liest“ Leon Battista Alberti: Alter Deus und Narzis (1453). In: Portrait. Geschichte der klassischen Bildgattungen in Quellentexten und Kommentaren. Bd. 2. Hrsg. von Rudolf Preimesberger, Hannah Baader und Nicola Suthor (Berli n 1999), S. 201–209.