Wanderer am Weltenrand

Wanderer am Weltenrand

In: Circa 1500. Leonhard und Paola – Ein ungleiches Paar. De ludo globi – Vom Spiel der Welt. An der Grenze des Reiches. Landesausstellung 2000 – mostra storica in Lienz, Schloß Bruck, in Brixen, Hofburg Brixen und in Besenello, Castel Beseno, Besenello. Veranstaltet vom Land Tirol, der Stadt Lienz u.a. Redaktion Marco Abate u.a. – Mailand: Skira, 2000. – 539. 4°. Illustr., Bibl., Karten Objekt-Nr.: 2-1-1, S. 307. Abbildung S. 241.

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Wanderer am Weltenrand

© AKG Berlin


1888
Holzstich aus Camille Flammarion, L'atmosphère. Météorologie populaire, 2. Auflage, Paris 1888, S. 163; nach einem deutschen Holzschnitt um 1530 ?

Der häufig reproduzierte und zumeist als deutscher Holzschnitt des frühen 16. Jahrhundert bezeichnete Stich taucht erstmals bei Flammarion (1842-1925) auf und wurde dem künstlerisch ambitionierten Astronomen auch selbst zugeschrieben – als historisierendes Produkt in der Stillage des "Petrarca-Meisters" (Weber). In L'atmosphère illustriert er "un naïf missionaire du moyen age", der an jene Stelle glangt, wo Himmel und Erde sich berühren und der über die Weltgrenze hinausblickt. Diese Grenze markiert der Fixsternhimmel, der seit der Antike die materielle Hülle des sphärisch aufgebauten endlichen Kosmos bildete. Diese Geschlossenheit des Alls hatte über Kopernikus und Kepler bis ins 17. Jahrhundert Bestand, als mit Newton die Unendlichkeit des Alls nachhaltige Begründung fand. Jenseits der Himmelsgrenze bewegen sich Gestirne und ein ezechielisches Rad im Rad auf gekrümmten Wolken- und Feuerbahnen. Ob damit eine jenseitige Vision im Sinne Ezechiels oder ein Ausblick in andere Welten eines unbegrenzten Alls gemeint ist, bleibt unklar. Eine ikonographische Unbestimmbarkeit, die die Beantwortung der Frage der Entstehungszeit ebenso erschwert, wie sie vielfältige Inhaltsgebungen eröffnete. Die häufigste Deutung bei einer Datierung ins 16. Jahrhundert geschah in Hinblick auf den Entwurf einer grenzenlosen Welt durch Nicolaus Cusanus.
Dass sich Flammarion, sollte er nicht einen verschollenen Holzschnitt des 16. Jahrhunderts kopiert haben, eng an ältere Vorlagen anschloss wird auch aus der symbolischen Darstellung der Welt deutlich. Dieser der mittelalterlichen Lokalisierung der Erdkugel ( ! ) im Zentrum der Planeten- und Himmelssphären widersprechende Typus der Landschaft in der Himmelskugel war das ganze Mittelalter hindurch verbreitet. Indem er das Innenleben der Welt der Perspektive des Menschen verpflichtet, steht er für die christlich anthropozentrische Auffassung des antiken geozentrischen Modells (Madersbacher 2000).


Lukas Madersbacher


Literatur: Bruno WEBER, Ubi caelum terrae se coniungit. Ein altertümlicher Aufriß des Weltgebäudes von Camille. Flammarion. In: Gutenberg-Jahrbuch 48 (1973), S. 381-402. – Hans Gerhard SENGER, "Wanderer am Weltenrand" - ein Raumforscher um 1530? In: Raum und Raumvorstellungen im Mittelalter. Hrsg von Jan A. Aertsen und Andreas Speer (= Miscellanea mediaevalia 25, Berlin u.a. 1998). – Lukas MADERSBACHER, England oder die Welt. Das Weltbild des Wilton-Diptychons. In: Imitatio. Von der Produktivität künstlerischer Anspielungen und Mißverständnisse. Hrsg. von Paul Naredi-Rainer (= Kunstgeschichtliche Studien 2, Berlin 2001).