Trajans gerechtes Urteil

Trajans gerechtes Urteil

In: Circa 1500. Leonhard und Paola – Ein ungleiches Paar. De ludo globi – Vom Spiel der Welt. An der Grenze des Reiches. Landesausstellung 2000 – mostra storica in Lienz, Schloß Bruck, in Brixen, Hofburg Brixen und in Besenello, Castel Beseno, Besenello. Veranstaltet vom Land Tirol, der Stadt Lienz u.a. Redaktion Marco Abate u.a. – Mailand: Skira, 2000. – 539. 4°. Illustr., Bibl., Karten Objekt-Nr.: 1-9-6, S. 141–142. Abbildung S. 81.

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Leihgeber: Landesmuseum für Kärnten (Klagenfurt), 90a, 90b
Trajans gerechtes Urteil

© Landesmuseum für Kärnten, Klagenfurt


Um 1470
Mantua
Zwei Reliefs von Brauttruhen der Paola Gonzaga, Pappelholz mit bemalter Reliefpastiglia, Rahmen geschnitzt mit reduzierter Originalvergoldung, je 69 x 214 cm
Reinigung und Konservierung 1996-2000 durch die Restaurierungswerkstätten des Bundesdenkmalamtes Wien (Elisabeth Petsche, Giovanna Zehetmaier).

Auf dem Heereszug Kaiser Trajans nach Asien ("Asia" auf dem Feldzeichen) reitet ein Soldat ein Kind nieder. Die Mutter fordert von Trajan einen Schiedsspruch über den Soldaten. Der Todesspruch trifft des Kaisers Sohn. Die Mutter erbittet anstelle ihres verstorbenen Kindes den Kaisersohn zur Adoption.
Auf dem ersten Relief ist die Szene des Todes, auf dem zweiten Relief die Anklage, das Urteil und die Bitte der Mutter geschildert. Die Ereignisse sind auf beiden Reliefs in Simultandarstellungen festgehalten. Die Bildabfolge ist in Gruppen geteilt, die sich zum Teil wiederholen. Kaiser Trajan erscheint dreimal.
Das literarische Thema geht auf die Bearbeitung des antiken Stoffes in Dantes Göttlicher Komödie zurück (10. Gesang des Fegefeuers, Szene der Ursache und der Rechtssprechung, ohne die Folgen aufzuzeigen). Nach Gregori, 1999, S. 9, ergänzte Jacopo dalla Lana (1477 bereits in Venedig und Mailand im Druck erschienen) Dantes Schilderung mit der Adoptionsszene. Die Hintergrundarchitektur erinnert unter anderem an Gebäude in Mantua (Sant 'Andrea). Die Reliefierung der Figuren ist in Flachschnittweise gebildet. Durch Überlagerungen und Unterschneidungen wird die Plastizität betont und vom Kolorit unterstützt. Die Gewandung und Haarbildung ist grafisch strukturiert. Die Detailmodellierung der Gesichtszüge wurde erst durch die im Bundesdenkmalamt Wien erfolgte Restaurierung evident.
Die Herstellung der Cassoni als Brauttruhen für Paola Gonzaga ist wahrscheinlich. Buchowiecki zitiert den Auftrag der Mutter Paolas, Barbara Gonzaga, an den Bologneser Maler Zoppo, zwei Cassoni bis Weihnachten 1462 zu liefern (Paola wurde 1463 geboren!). Die Verbindung zu Mantegna ist in diesem Brief durch den Wunsch nach Gottes Schutz für Barbara und den Künstler belegt.
Die Brauttruhen, deren Brautschatz in einem Inventar von 1478 genannt ist, kamen nach dem Tod Paolas an den Georgs-Ritterorden in Millstatt, nach der Ordensauflösung an den Jesuitenorden in Graz und schließlich 1852 nach Klagenfurt. Im Dom zu Graz befinden sich zwei mit Elfenbeinreliefs gezierte Brauttruhen der Paola, in Millstatt eine Holztruhe als Korpus für ein Klagenfurter Relief.
Die künstlerische Provenienz verweist zweifellos auf die Formensprache Mantegnas. Die von Fiocco vorgeschlagene eigenhändige Autorschaft Mantegnas ist nicht relevant; die in Mantua tätigen Stuckateure Fancelli und Meliole, vor allem letzterer, sind mögliche Autoren.


Gert Ammann


Literatur: Robert EISLER, Die Hochzeitstruhen der letzten Gräfin von Görz. In: Jahrbuch der k. k. Zentral-Kommission N.F. 3 (1905), Sp. 89ff. – Giuseppe Fiocco, Mantegna (Milano 1937), S. 99. – Walther BUCHOWIECKI, Zur Meisterfrage der Gonzaga-Cassoni in Klagenfurt. In: Alte und Moderne Kunst 7 (1962), S. 15-20. – Richard MILESI, Mantegna und die Reliefs der Brauttruhen Paola Gonzagas. (= Buchreihe des Landesmuseums für Kärnten 35, Klagenfurt 1975). – Lilian ARMSTRONG, The paintings and drawings of Marco Zoppo (= Outstanding dissertations in the fine arts, New York 1976). – Daniela GREGORI, Die Brauttruhen der Paola Gonzaga. Zur Herkunft, Ikonographie und Autorenfrage der Cassone-Tafeln im Kärntner Landesmuseum. In: Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 79 (1999). – Mirabilia und Curiosa. Porträtminiaturen, Elfenbein, Wachs, Pastiglia, Scagliola, Eglomisé, Keramik, Steinätzung, Leder, Klosterarbeiten, Eisenschnitt. Redigiert von Manfred Koller (= Restauratorenblätter 21, Klosterneuburg 2000).