Kleiner Reisealtar mit Futteral

Kleiner Reisealtar mit Futteral

In: Circa 1500. Leonhard und Paola – Ein ungleiches Paar. De ludo globi – Vom Spiel der Welt. An der Grenze des Reiches. Landesausstellung 2000 – mostra storica in Lienz, Schloß Bruck, in Brixen, Hofburg Brixen und in Besenello, Castel Beseno, Besenello. Veranstaltet vom Land Tirol, der Stadt Lienz u.a. Redaktion Marco Abate u.a. – Mailand: Skira, 2000. – 539. 4°. Illustr., Bibl., Karten Objekt-Nr.: 1-2-10, S. 105. Abbildung S. 72.

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Leihgeber: Staatliche Museen zu Berlin (Deutschland), Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Kunstgewerbemuseum, F. 2403
Kleiner Reisealtar mit Futteral

© Fotostudio Bartsch, Berlin


Anfang 15. Jahrhundert
Venedig, Werkstätte des Baldassare Embriachi
Pferdebein, ehemals farbig gefasst und vergoldet, Höhe 32,9 cm, Breite 24,7 cm (geöffnete Flügel)
Futteral: Leder, zweifach getönt, Dekor geschnitten, z. T . getrieben, Höhe 38 cm, Breite 22 cm
Österreich

Entsprechend dem Frömmigkeitsbedürfnis im Mittelalter und wohl auch aus einem gewissen Prestigedanken heraus führten hochgestellte Persönlichkeiten auf ihren Reisen einen kleinen, leicht transportierbaren Altar mit.
Das seltene Stück vom Beginn des 15. Jahrhunderts ist durch das Wappen am originalen Futteral der Familie der Görzer zuzuordnen. Zugleich ist es ein Beleg weitreichender kultureller Beziehungen. Während der kleine Altar selbst eine sehr qualitätsvolle Arbeit ist, die dem Frühwerk des Baldassare Embriachi in Venedig zugeordnet wird, stammt das Futteral vermutlich aus der Werkstatt eines in der Grafschaft Görz beheimateten Kunsthandwerkers.
Typisch gotisch ist der Aufbau als Flügelaltar mit spitzem Dreiecksgiebel. Die Innenseite zeigt im Mittelbild Maria mit Kind und ihr zur Seite zwei weibliche Heilige mit der Märtyrerpalme, auf den Flügeln sind der heilige Antonius der Einsiedler und der Reisepatron Christophorus dargestellt, ein äußerst sinniges Motiv für einen Reisealtar.
Das Futteral entspricht der Form nach dem geschlossenen Altar, ist aufklappbar und seitlich mit Riegeln und Haken zu verschließen. Das Leder ist nicht naturbelassen, sondern in zwei Farbtönen gefärbt. Der Grundton ist dunkelblau, das Relief rötlich-braun. Beide Seiten des Futterals sind mit einer Randleiste eingefasst und mit einem Stempel gepunzt. Pflanzliches Dekor in Form von Zweigen umrahmt die Darstellungen eines Pelikans und des görzischen Wappens. Das Motiv des Pelikans, der seine Jungen mit dem eigenen Herzblut nährt, bis er zugrunde geht, ist als Symbol für Christus zu verstehen, der sein Leben für die Menschheit hingab. In der christlichen Kunst des Mittelalters war der Pelikan ein beliebtes Motiv auf Paramenten und liturgischen Geräten. Die Rückseite des Futterals ist dem Besitzerwappen, dem Wappen der Grafen von Görz vorbehalten.


Meinrad Pizzinini


Literatur: Günter GALL, Leder im europäischen Kunsthandwerk (= Bibliothek für Kunst- und Antiquitätenfreunde XLIV, Braunschweig 1965), S.100-102. – Europäische Lederarbeiten aus den Sammlungen des Berliner Kunstgewerbemuseums (= Katalog des Berliner Kunstgewerbemuseums, Berlin 1988), Kat.-Nr. 4.