Ernst Marno

Ernst Marno

In: Abenteuer Ostafrika. Der Anteil Österreich-Ungarns an der Erforschung Ostafrikas. Katalog der Burgenländischen Landesausstellung im Schloss Halbturn vom 11. Mai bis 28. Oktober 1988. – Eisenstadt: Amt der Burgenländischen Landesregierung, Kulturangelegenheiten 1988. 286. 8°. Objekt-Nr.: , S. 265.

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Ernst Marno

© Information: Kulturabteilung des Amtes der Burgenländischen Landesregierung, Eisenstadt


Geboren 13. Jänner 1844 in Wien, gestorben 31. August 1883 in Khartum

Als Sohn eines Kaufmannes geboren, wandte er sich in Wien dem Zoologiestudium zu, das er aber nach kurzer Zeit abbrach. 1866 nahm er eine Stelle als Assistent bei einem Tierhändler an und bereiste mit diesem über Kairo und Suez das Rote Meer bis Suakin.
Im Herbst 1867 kehrte er nach Wien zurück, traf aber bereits im Oktober 1869 wieder in Alexandria ein, um weitere zoologisch orientierte Expeditionen vorzunehmen. Von Khartum aus segelte er in Begleitung zweier einheimischer Diener den Blauen Nil aufwärts bis Famaka, dem damals äußersten Militärposten des ägyptischen Sudans. Unter dem Schutz einer Karawane gelangte Marno bis Beni Shanqul, von wo er, mit einem Empfehlungsschreiben des dortigen Sheik ausgerüstet, weiter nach Süden vorzudringen versuchte. Nach mehrmaligen Übergriffen von Eingeborenen, die ihn für einen ägyptischen Spion hielten, erreichte er im April 1870 Fadasi, den Hauptort von Bambaschi in Dar Berta. Ein weiteres Vordringen nach Äthiopien schien nicht ratsam, da dort gerade Unruhen und Kämpfe tobten. So kehrte Marno nach Khartum zurück, um seine wissenschaftlichen Sammlungen zu ordnen.
Nach dem Ende der Regenzeit mietete Marno Kamele und brach Mitte November 1870 wieder nach Süden auf. Da er sein ursprüngliches Ziel, die Galla-Länder zu bereisen, nach wie vor nicht verwirklichen konnte, beabsichtigte er, das Innere der Gezira zu erforschen. Von Wad Medani aus, wo er bei einem befreundeten Händler, dem aus Eisenstadt stammenden Matthias Wagner, wohnte, unternahm er in den nächsten Monaten zahlreiche zoologische Sammelreisen kreuz und quer durch die Gezira. Diese führten ihn auch nach Süden bis in das Stammesgebiet der Abu Rof. Auf seiner Rückreise zu seinem Stützpunkt in Hedebat wurde er von der Regenzeit überrascht. An Dysenterie erkrankt, erreichte er unter heftigen Fieberanfällen Ende August 1871 Khartum.
Kaum genesen, erhielt Marno den Auftrag, zwei Schiffe durch den Sudd nach Gondokoro zu führen, wo Baker-Pascha von den Bari eingeschlossen worden war und belagert wurde. Samuel White Baker, der Entdecker des Albertsees, war mit dem Titel "Generalmajor des Osmanischen Reiches" beauftragt worden, den Oberen Nil für den Khediven in Besitz zu nehmen. Er wendete sich dort sofort gegen den Sklavenhandel, brachte Sklavenschiffe auf und befreite die Gefangenen. Damit gefährdete er aber eine jahrhundertealte Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, deren Basis der Sklavenhandel war, und löste Kriege aus. Marnos Hilfsexpedition erreichte Anfang Jänner 1872 Faschoda. Da seit Jahren der Unterlauf des Bahr el-Gebel – der bisher benützte Wasserweg – durch Anstauungen von Pflanzenmassen zu einem unwegsamen Sumpf geworden war, versuchte er sich über den Bahr el-Zeraf (Giraffenfluß) durchzuschlagen. Aber auch hier war der Weg fast unpassierbar. Durch die ständig auftretenden Untiefen und treibenden Pflanzenteppiche mußten die Segelbarken immer wieder entladen, in tieferes Wasser gezogen und danach erneut beladen werden, "wobei die Leute mit allen möglichen Werkzeugen und den blossen Händen arbeiteten, von Blutegeln angesaugt, von Moskitos zerstochen und vom Grase zerschnitten wurden." Im März erreichten sie die Siedlung Murrah Gool, aber "unsere Siedlung war nur mehr ein Spital. Nachts Stöhnen, Weinen, Fantasieren, Beten und Fluchen der Kranken, während die übrigen soffen, spielten, rauchten und stritten, dass man nicht schlafen konnte". Auch Marno litt an schweren Fieberanfällen und trat bald seine Rückreise an. Nach sieben Monaten Kampf mit dem Sumpf kehrte er mit seinen Leuten und seiner Sammlung nach Khartum zurück.
Nach der Genesung im Hause des Österreichischen Konsuls Martin L. Hansal reiste Marno zurück nach Europa. In Wien verfaßte er das Buch "Reisen im Gebiet des blauen und weissen Nil, im egyptischen Sudan und den angrenzenden Negerländern in den Jahren 1869 bis 1873" (Wien 1874).
Im Oktober 1874 verließ Marno wieder Europa, um auf Einladung des neuen Gouverneurs der ägyptischen Äquatorialprovinz, Charles Gordon, Zentralafrika zu bereisen. Mit entsprechenden Geldmitteln von der k.k. Geographischen Gesellschaft in Wien ausgestattet, erreichte er Khartum und fuhr gemeinsam mit Hansal den Nil aufwärts bis nach Lado, dem Hauptquartier Gordons. Hier erhielten sie ein weiteres Schiff und reisten nach Süden bis zum Dschebel Regaf , den Marno bestieg.
1875 nahm Marno an einer Großexpedition in unbekanntes Gebiet südwestlich und westlich von Lado teil. Nachdem sie das Gebiet der Bari durchquert hatten, gelangten sie in das Gebiet der Niam-Bari, wobei sie in ständige Kämpfe verwickelt wurden. Sie übersetzten den Fluß Yeyi und stießen bis ins Makrak-Gebirge vor. Marno konnte während des Unternehmens wieder umfangreiches zoologisches, botanisches und ethnologisches Material sammeln. Den beschwerlichen und mit Plünderungen und Kampf verbundenen Rückmarsch beschrieb Marno mit folgenden Worten: "Der geringe Vorrath von Durah, welchen die Neger von der Seribah für die ersten Tage mitgenommen hatten, war längst aufgezehrt, daher alle hungrig, obendrein im Feindesland, wer kann es unter solchen Umständen verhindern, dass Raub und Mord die Spuren dieser Züge bezeichnen. "
Den Rest des Jahres 1875 verbrachte Marno mit Jagdreisen am Dschebel Araschkol sowie im Süden der Provinz Kordofan. In der Zwischenzeit bemühte er sich um eine feste Anstellung in
ägyptischen Diensten. Als dies mißlang, kehrte er im März 1876 nach Wien zurück, wo er sein zweites Reisewerk "Reisen in der ägyptischen Äquatorialprovinz und in Kordofan" schrieb, das 1878 erschien. Seine Werke waren nicht nur in der Fachwelt geschätzt, sondern auch vom breiten Publikum gelesen – sie waren nicht zuletzt die Vorlage für Karl May's Mahdi-Trilogie.
Nachdem Marno eine 1877/1878 von der "Belgischen Ostafrika Gesellschaft" geplante Forschungsreise nach Kenya krankheitshalber in Sansibar abbrechen mußte, erreichte ihn das lang erwartete Angebot des Vizekönigs von Ägypten, wieder in den Sudan zu kommen und den Posten eines Gouverneurs von Qallabat zu übernehmen. Aber schon wenige Monate später wurde Marno über Gordon-Pascha beauftragt, den Weißen Nil, der im Gebiet zwischen Bahr el-Ghazal und dem Sobat durch angeschwemmte Pflanzenmassen vollkommen verlegt war, wieder passierbar zu machen. Unter Einsatz von Dampfschiffen, mehreren hundert Arbeitern und letztlich des damals neuen " Wundermittels" Dynamitbeseitigte er die Barrieren. Im Verlauf des Jahres 1881 bewältigte er damit auch ähnliche Hindernisse am Bahr el-Ghazal. Während dieser Zeit bekleidete er auch noch einen ihm offensichtlich nicht besonders angenehmen Posten eines "Inspektors zur Unterdrückung des Sklavenschmuggels" mit Sitz in Faschoda. Er schreibt: "Wo derEuropäer mit Eingeborenen eines neuen Landes zusammentrifft, verlangt er meist unbedingt die Annahme seiner Sitten, Gebräuche und Religion, und wo dies nicht stattfindet, kommt es zum Vernichtungskampf...Der Europäer, gewohnt Alles mit Dampf zu betreiben, ermüdet leicht in der Geduld, welche erfordert wird, um ein viel tiefer stehendes Volk zum Verständnis seiner Anschauungen zu bringen; er greift dadurch in angestammte Verhältnisse auf die rauheste Weise ein, wirkt abstoßend und ruft, da ihm die allmähliche Umgestaltung viel zu langsam erscheint, durch seine Hast größere Uebel herbei, als er abzuschaffen in Begriff stand. "
Auf Grund seiner Verdienste wurde Marno 1881 mit dem Titel eines Bey zum Gouverneur der Provinz Fazughli ernannt, wo er vor allem die Abwehr gegen die Anhänger des Mahdi organisierte. Mitten in diesen Arbeiten starb er, an Lungenentzündung erkrankt, bei einem Besuch in Khartum am 31. August 1883.