Die sieben Freien Künste

Die sieben Freien Künste

In: Eines Fürsten Traum. Meinhard II. – Das Werden Tirols. Katalog der Tiroler Landesausstellung 1995 im Schloß Tirol und im Stift Stams. Redigiert von Josef Riedmann. – Dorf Tirol: Südtiroler Landesmuseum Schloß Tirol; Innsbruck: Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 1995. 600.8°. Objekt-Nr.: 21.42, S. 519.

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Die sieben Freien Künste

© Foto Egon Wurm, Innsbruck


4. Viertel 12. Jahrhundert
Nachzeichnung einer Miniatur aus dem "Hortus deliciarum"
Elsaß
Photoreproduktion, von folio 32r (aus Herrad, 1979, 57)

Diese Nachzeichnung aus dem verbrannten Original des im 21 Auftrag der Äbtissin Herrad von Landsberg angefertigten "Hortus deliciarum" zeigt die Sieben Freien Künste ("Artes liberales"), einen in der Antike entstandenen Kanon von Wissenschaften, die einem freien Mann gestattet waren und durch deren Studium man Bildung erwarb: Im mittleren Ring Sokrates und Platon sowie die thronende Philosophie, im äußeren Ring die Personifikationen der Sieben Freien Künste mit ihren Attributen. Die Grammatik ist demonstrativ mit Rute und Buch ausgestattet, die Rhetorik hält eine Wachstafel und einen Stift, die Dialektik einen bellenden Hundekopf. Außerhalb des Ringes finden sich die vom unreinen Geist erfüllten falschen Lehrer und Philosophen, die den auf Gott ausgerichteten Freien Künsten gegenübergestellt sind. Das System der Sieben Freien Künste ordnete im Mittelalter den Lehrstoff und zugleich den Gang der höheren Bildung: Trivium (Dreiweg) mit Grammatik, Rhetorik und Dialektik, Quadrivium (Vierweg) mit Musik, Astronomie, Geometrie und Arithmetik. An den Universitäten nach Pariser Muster bildeten Lehrer und Studenten der
"Artes liberales" eine der vier Fakultäten, die für die Grundausbildung für das Studium an den höheren Fakultäten zuständig war.
An den Schulen kam man jedoch hinsichtlich der Ausbildung in den "Artes liberales" selten über Ansätze hinaus. Das Hauptgewicht mittelalterlicher Schulbildung lag stets auf dem Trivium und hier insbesondere auf dem Grammatikunterricht, während eine intensivere Schulung in Rhetorik und Dialektik meist erst an den Universitäten erfolgte. Einen wichtigen Stellenwert erhielten die sittliche und religiöse Unterweisung und auch der Gesangsunterricht zur Mitwirkung beim Gottesdienst. Aus diesem Grund findet man auch vielfach die Bezeichnung "Chorknaben" für die jüngsten Schüler, deren wichtigste Aufgabe die Mithilfe bei der liturgischen Ausgestaltung der Messen, der Begräbnisse und Hochzeiten war.


Klaus Brandstätter


Literatur: Laetitia Boehm, Das mittelalterliche Erziehungs- und Bildungswesen. In: Propyläen Geschichte der Literatur. Bd. 2: Die mittelalterliche Welt, 600-1400 (Berlin 1982), S. 177. – Klaus Wriedt, Schulen und bürgerliches Bildungswesen in Norddeutschland im Spätmittelalter, in: Studien zum städtischen Bildungswesen des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Hrsg. von Bernd Moeller u.a. (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, phil.-hist. Klasse 3/137, Göttingen 1983), S. 153ff. – Rolf Köhn, Schulbildung und Trivium im lateinischen Hochmittelalter und ihr möglicher praktischer Nutzen, in: Schulen und Studium im sozialen Wandel des hohen und späten Mittelalters (= Vortäge und Forschungen 30, Sigmaringen 1986), S. 224ff. – Uta Lindgren, Die artes liberales in Antike und Mittelalter. Bildungs- und wissenschaftsgeschichtliche Entwicklungslinien (= Algorismus 8, München 1992), S. 5ff.