Büstenreliquiar des Heiligen Cassian (?)

Büstenreliquiar des Heiligen Cassian (?)

In: Eines Fürsten Traum. Meinhard II. – Das Werden Tirols. Katalog der Tiroler Landesausstellung 1995 im Schloß Tirol und im Stift Stams. Redigiert von Josef Riedmann. – Dorf Tirol: Südtiroler Landesmuseum Schloß Tirol; Innsbruck: Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 1995. 600.8°. Objekt-Nr.: 18.37, S. 473.

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Leihgeber: Kunsthistorisches Museum (Wien), Kunstkammer, 8867
Büstenreliquiar des Heiligen Cassian (?)

© Kunsthistorisches Museum, Wien


Um 1390
Südtirol (?)
Kupfer, getrieben, graviert und vergoldet, Höhe 45 cm
Die Mitra der Bischofsbüste läßt sich nach hinten klappen, um die – heute fehlende – Reliquie betrachten zu können.

Das Büstenreliquiar, das üblicherweise Schädelreliquien als Aufbewahrungsort diente, kam aus Dreikirchen im Südtiroler Eisacktal; zwar erscheint es eher unwahrscheinlich, daß Dreikirchen der ursprüngliche Bestimmungsort für ein so kostbares Kunstwerk war, sollte dies doch der Fall sein, müßte man laut Carl Theodor Müller in dem Dargestellten den Patron von Dreikirchen, den heiligen Bischof Nikolaus, vermuten. Der mündlichen Überlieferung nach soll es sich jedoch bei dem Dargestellten, der wegen fehlender Attribute ikonographisch unbestimmbar ist, um den heiligen Cassian handeln, von dem Brixen eine Reliquie besaß. Möglicherweise gehörte die Büste zum Brixener Domschatz, in dessen Inventaren sie allerdings nicht exakt nachgewiesen werden konnte; Müller erscheint auch eine spätere Dislozierung nach Dreikirchen unverständlich.
Aufgrund der subtilen Gestaltung der Physiognomie des Gesichtes und seiner individuellen Züge rückt Müller die Büste in die Nähe der steinernen Porträtbüsten der Triforien des Prager Veitsdomes, die in der Steinmetzhütte Peter Parlers um 1379/1393 entstanden sind. Das Büstenreliquiar stellt ein hervorragendes Beispiel der aufblühenden realistischen Porträtkunst im späten 14. Jahrhundert dar. Bedauerlicherweise muß der stilistische Vergleich mit anderen tirolischen Goldschmiedewerken unterbleiben, da sich keine derartigen Objekte erhalten haben. Müller hält es durchaus für möglich, daß die Reliquienbüste außerhalb Tirols entstanden ist.
1930 befand sich das Kunstwerk in der Sammlung Figdor, Wien. Es konnte 1932 aus der Sammlung Auspitz vom Kunsthistorischen Museum erworben werden.


Eleonore Gürtler


Literatur: Carl Theodor Müller, Mittelalterliche Plastik Tirols. Von der Frühzeit bis zur Zeit Michael Pachers (Forschungen zur Deutschen Kunstgeschichte 6 bzw. Schriften der Deutschen Akademie 25, Berlin 1935), S. 52f., 129, Anm. 14, Abb. 109ff. – Carl Theodor Müller, Plastiken, in: Europäische Kunst um 1400. Katalog Kunsthistorisches Museum Wien 1962 (Wien 1962), S. 368f, Kat. Nr. 425, Tafel 7. – Kunsthistorisches Museum Wien. Katalog der Sammlung für Plastik und Kunstgewerbe, Bd. 1: Mittelalter (= Führer durch das Kunsthistorische Museum 9, Wien 1964), S. 64f., Kat. Nr. 168, Tafel 51. – Helmut Trnek, Büstenreliquiar des hl. Cassian ß, in: Sammlung für Plastik und Kunstgewerbe. Kunsthistorisches Museum Wien. Führer durch die Sammlungen (Wien 1988), S. 139, mit Abb. – Theodor Müller, Gotische Skulptur in Tirol (Innsbruck 1976), s. 17, Tafel 36, 37.