Johannesschüssel

Johannesschüssel

In: Eines Fürsten Traum. Meinhard II. – Das Werden Tirols. Katalog der Tiroler Landesausstellung 1995 im Schloß Tirol und im Stift Stams. Redigiert von Josef Riedmann. – Dorf Tirol: Südtiroler Landesmuseum Schloß Tirol; Innsbruck: Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 1995. 600.8°. Objekt-Nr.: 2.23, S. 112.

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Leihgeber: Diözesanmuseum Bozen-Brixen (Brixen, Südtirol)
Johannesschüssel

© Foto Walder, Brixen


Ende 14. Jahrhundert
Sandstein, Höhe 30 cm, Durchmesser 35 cm, polychromiert und vergoldet (neue Fassung)
Aus der Johanneskirche am Brixner Domkreuzgang

Das Material und die an der Unterseite sichtbaren gestuften, polygonal gebrochenen Kehlungen am Fortsatz belegen die einstige Aufstellung auf einem Altartisch (vgl. Johannesschüssel im Bayerischen Nationalmuseum, München, Inv. Nr. MA 976), wohl nicht nur am Fest der Enthauptung des Täufers (29. August). Der Rand der Schüssel weist mehrere Absplitterungen auf, Fassungsteile wurden händisch entfernt. In der Vertiefung liegt das Johanneshaupt mit halbgeöffneten Augen und offenem Mund, eingesteckte Schnüre (mit in Wachs getauchten Enden) stehen für den Blutverlust bei der Enthauptung. Das schmale Antlitz rahmen in leichte Wellen gelegte Haarsträhnen, die im Bartbereich nicht streng symmetrisch gelegt sind. Über einem roten Bolusgrund wurde eine Vergoldung aufgetragen. Drei Öffnungen am Scheitel und an den Schläfen belegen das Vorhandensein eines Kreuznimbus. Der Typus der Johannesschüssel hat seinen Ursprung in der Reliquienverehrung des Hochmittelalters und fand im Spätmittelalter Eingang in das Mysterienspiel sowie in den Bereich der Votivgaben (gegen Kopf- und Halskrankheiten). Als das älteste erhaltene Exemplar gilt die Johannesschüssel im Dom zu Naumburg aus dem frühen 13. Jahrhundert Die halbgeöffneten Augen sollen die selige Gottesschau des Märtyrers verdeutlichen.
C. Th. Müller verweist auf vergleichbar charakterisierte Gesichtszüge an den Christusdarstellungen der Vesperbilder. Ein frühgotisches Täuferhaupt, das stilistisch mit den Skulpturen an der Meraner Pfarrkirche zusammenzusehen ist (um 1350), befindet sich in der Pfarrkirche von Prad, eine weitere im Kloster Neustift. Spätgotische Johannesschüsseln verwahren Kirchen mit Täuferpatrozinium (St. Johann im Wald, Johanneskofel, St. Johann in Hasenried).


Leo Andergassen


Literatur: Müller, Carl Theodor: Mittelalterliche Plastik Tirols. Von der Frühzeit bis zur Zeit Michael Pachers (Forschungen zur Deutschen Kunstgeschichte 6 bzw. Schriften der Deutschen Akademie 25, Berlin 1935), 78, Abb. 218. – Müller, Theodor: Gotische Skulptur in Tirol (Bozen/Innsbruck 1976), 430, Abb. 47.