Reinegger Kruzifix

Reinegger Kruzifix

In: Eines Fürsten Traum. Meinhard II. – Das Werden Tirols. Katalog der Tiroler Landesausstellung 1995 im Schloß Tirol und im Stift Stams. Redigiert von Josef Riedmann. – Dorf Tirol: Südtiroler Landesmuseum Schloß Tirol; Innsbruck: Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 1995. 600.8°. Objekt-Nr.: 2.20, S. 110.

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Leihgeber: Stadtmuseum Bozen (Südtirol), 404
Reinegger Kruzifix

© Foto Walder, Brixen


Ende 13. Jahrhundert
Holz, Höhe 140 cm, Corpus (mit Krone) Höhe 88 cm, polychromiert, Fassung nicht original, Tempera auf Kreidegrund
Aus der Burgkapelle von Reinegg in Sarnthein

Das Vortragekreuz bleibt durch die an den Kreuzesenden erweiterten Viereckfelder markiert, die bloß ornamental behandelt sind: Um einen in ein Viereck eingeschriebenen Kreis ordnet sich eine Punktzier mit fünf Ziereinheiten pro Flanke. Der Corpus selbst ist nicht aus einem Stück gearbeitet, beide Arme wurden in die Schulterpartie eingesetzt. Vom Typus her gehört das Reinegger Kruzifix zum Dreinageltyp, ein Nagel heftet beide Füße an ein stark abbreviertes Suppedaneum. Christi Haupt ist zur rechten Schulter hin geneigt, die Haarbehandlung folgt nur annähernd dem Zwang der Symmetrie. Die an das Haupt angeschnitzte Krone weist noch zwei leicht nach vorne gekrümmte Zacken mit stilisierten Lilienenden auf. Der Lendenschurz umfaßt die gesamte Oberschenkelpartie, wobei das Tuch am rechten Bein über das Kniegelenk greift. Die an mehreren Stellen abgesplitterte Fassung des Kruzifixes gehört schon aufgrund der reichen Blutbehandlung einer späteren Zeit an (17. Jahrhundert ?). Sie steht geradezu im Gegensatz zum Christus-König- Typus der Hochromanik (Zallinger hält die Fassung für ursprünglich).
Die ältere Forschung sieht im Reinegger Kreuz eine Kopie des 19. Jahrhunderts (Weingartner (1929), Müller (1935)). Salvini (1938) und Rasmo (1949) ordnen das Kreuz in das späte 13. Jahrhundert, Rasmo zieht das Lichtenberger Kruzifix zum Vergleich heran und spricht von einer "einheimischen Wiederholung eines frühgotischen Urbildes".
Zallinger schließt eine Verwendung als Triumphbogenkreuz aus und deutet das Reinegger Kreuz als Altarkreuz, das mit dem verlängerten unteren Ende des Kreuzesstammes in einen Sockel eingezapft war. Die ursprüngliche Provenienz ist für Reinegg nicht gesichert.


Leo Andergassen


Literatur: Weingartner, Josef: Die Kunstdenkmäler Südtirols 3 (Wien 1929), 63. – Müller, Carl Theodor: Mittelalterliche Plastik Tirols. Von der Frühzeit bis zur Zeit Michael Pachers (Forschungen zur Deutschen Kunstgeschichte 6 bzw. Schriften der Deutschen Akademie 25, Berlin 1935), 29. – Salvini, Roberto: Appunti e inediti di scultura atesina, in: Archivio per Alto Adige 33 (1938). – Rasmo, Nicolò: Mittelalterliche Kunst Südtirols, Ausstellungskatalog Bozen (Bozen 1949), Nr. 6. – Rasmo, Nicolò: La scultura romanica nell'Alto Adige, in: Cultura Atesina 7 (1953), 29f, Abb. 54. – Zallinger, Adelheid: Reineck. In: Tiroler Burgenbuch 5: Sarntal, hrsg. Oswald Trapp (Bozen/Innsbruck/Wien 1981), 41f, Anm. 123