Thronende Madonna mit Kind

Thronende Madonna mit Kind

In: Eines Fürsten Traum. Meinhard II. – Das Werden Tirols. Katalog der Tiroler Landesausstellung 1995 im Schloß Tirol und im Stift Stams. Redigiert von Josef Riedmann. – Dorf Tirol: Südtiroler Landesmuseum Schloß Tirol; Innsbruck: Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 1995. 600.8°. Objekt-Nr.: 2.13, S. 108.

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Leihgeber: Diözesanmuseum Bozen-Brixen (Brixen, Südtirol)
Thronende Madonna mit Kind

© Foto Walder, Brixen


Um 1250
Zirbelholz, Höhe 48 cm, polychromiert und vergoldet (Fassung erneuert)
Aus der Margarethenkirche in Uttenheim

Maria sitzt auf einem an der Rückseite rund bearbeiteten Sessel mit niederer Lehne. Das Fehlen der originalen Fußpartien hat die Proportionen des Bildwerkes verzerrt: Sockel und Gewandenden stammen aus einer späteren Ergänzung, dem eine radikale Kürzung der Plastik vorangegangen war. Maria hält den Christus Emanuel im Schoß, ihr kaselartiger Gewandüberwurf bildet eine mandorlaförmige Einfassung für den frontal thronenden Weltenrichter en miniature, dem sie eine Birne reicht ("Sedes Sapientiae", eine Abwandlung des Platytera-Typs?). Die rechte Hand mit der Birne ist als Umarbeitung des 15. Jahrhunderts aufzufassen, ebenso der rechte Unterarm des Kindes. Auf die ansonsten durch das Reichen der Frucht gemeinte innige Beziehung zwischen Mutter und Sohn antwortet nicht die starr frontal ausgerichtete Figur des Christus. Ursprünglich dürfte die rechte Hand Mariens zum Segensgestus geformt gewesen sein (vgl. Madonna aus Vahrn) oder einen Apfel gehalten haben. Typologisch und stilistisch ist die Plastik neben die aus Taufers stammende Madonna zu reihen (Diözesanmuseum Brixen). Beide werden von N. Rasmo auf die Madonna Pustertaler Provenienz im Trienter Diözesanmuseum zurückgeführt. Demnach entstammen sie einer lokalen Bildhauerwerkstätte, die um die Mitte des 13. Jahrhunderts großteils nach älteren Anleihen arbeitete. Eine Kopie dieses Typs befand sich in St. Cyprian in Tiers. Überzeugender erweist sich eine direkte Ableitung von der Brunecker Madonna im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Gerade für die spätromanische Plastik im Pustertal wurden bisher Gemeinsamkeiten zur gleichzeitigen friulanischen Plastik übersehen: Für die Faltenformen gibt es Berührungspunkte mit der Skulptur eines heiligen Bischofs in der Pfarrkirche von Majaso (Enemonzo). Die am Beispiel der Thronenden Muttergottes in Zwettl (Sammlung Anton) aufgezeigten Affinitäten zu den Pustertaler Madonnen (Kuenringer, 1981, Kat. Nr. 220) spricht für eine weite Verbreitung eines überregionalen Typs.


Leo Andergassen


Literatur: Müller, Carl Theodor: Mittelalterliche Plastik Tirols. Von der Frühzeit bis zur Zeit Michael Pachers (Forschungen zur Deutschen Kunstgeschichte 6 bzw. Schriften der Deutschen Akademie 25, Berlin 1935), 30, Abb. 40. – Rasmo, Nicolò: La scultura romanica nell'Alto Adige, in: Cultura Atesina 7 (1953), 41, Abb. 77. – Die Kuenringer. Das Werden des Landes Niederösterreich. Niederösterreichische Landesausstellung im Stift Zwettl, vom 16. Mai bis 26. Oktober 1981. Red. von Herwig Wolfram, Karl Brunner, Gottfried Stangler. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. NF 110. Wien: Amt der Niederösterr. Landesregierung 1981, Kat. Nr. 220. – Bertoni, N.: La statua lignea di S. Nicolò di Majaso (sec. XIV.) (phil. Dipl., Passariano 1983). – Rizzi, Aldo (Hrsg.): Mostra della scultura lignea in Friuli, Catalogo Passariano 1983 (Udine 1983), 16, 64f.