Missale von Karnol

Missale von Karnol

In: Eines Fürsten Traum. Meinhard II. – Das Werden Tirols. Katalog der Tiroler Landesausstellung 1995 im Schloß Tirol und im Stift Stams. Redigiert von Josef Riedmann. – Dorf Tirol: Südtiroler Landesmuseum Schloß Tirol; Innsbruck: Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 1995. 600.8°. Objekt-Nr.: 2.8, S. 106.

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Leihgeber: Priesterseminar Brixen (Südtirol), Bibliothek, Cod. 22 B
Missale von Karnol

© Foto Walder, Brixen


12. Jahrhundert
Süddeutsch?
Handschrift, Pergament, 136 Blatt, 20,8 x 18,5 cm, Blatt 56r
Kirche von Karnol

Das zu einem überwiegenden Teil im 12. Jahrhundert (folio 48-54 sowie, einige Nachträge stammen aus dem 14. Jahrhundert) im süddeutschen Raum entstandene Meßbuch war in der Kirche St. Johann in Karnol bei Brixen in Verwendung, bis es in Vergessenheit geriet. Im 18. Jahrhundert wurde es in der Truhe eines Bauernhauses gefunden und dem bischöflichen Seminar in Brixen übergeben. Die 17 Lagen sind erst nachträglich – wahrscheinlich im 14. Jahrhundert – zu einer Handschrift gebunden worden. Das Meßbuch setzt sich aus mehreren Teilen zusammen: Auf den Kalender folgen ein fast durchwegs mit Neumen versehenes Graduale und Sequentiar, ein Sakramentar, ein Kollektar, ein kurzes Rituale, ein verkürztes Perikopenbuch und ein Taufritus. Außerdem enthält der Kalender einen Nekrolog, der allerdings nicht fortlaufend geführt, sondern in einem Zug abgefaßt wurde und u.a. einige Namen von Brixner Bischöfen des 11. Jahrhunderts erwähnt. Diese Namen und die nachträglich, noch im 12. Jahrhundert eingeschriebenen Weihenotizen, die alle Kirchen aus dem Brixner Raum betreffen, beweisen, daß sich die Handschrift bereits im 12. Jahrhundert in Tirol befunden hat.
Folio 52r, das fünfte Blatt der einzigen aus dem 14. Jahrhundert stammenden Lage, zeigt in schwarzer Umrißzeichnung ein heute verblaßtes Kreuzigungsbild. Eine noch dem frühromanischen Buchschmuck verhaftete Initialornamentik findet sich auf den folia 8v (Buchstabe A), 25v (Buchstabe R) und 28v (Buchstabe S).
Den schönsten Teil der Handschrift bildet jedoch die Initiale T vom "Te igitur" des Meß-Canons, die als ganzseitige Kreuzigungsdarstellung gestaltet ist (folio 56r). Die Arme Christi sind nahezu waagrecht ausgebreitet, aus den nebeneinander gestellten Füßen fließt Blut in einen Kelch.
Das Blatt gehört zum ursprünglichen Bestand der Lage und wurde entgegen früherer Meinung nicht nachträglich eingebunden.


Julia Hörmann


Literatur: Hermann, Hermann Julius: Die illuminierten Handschriften in Tirol (Beschreibenden Verzeichnis der illuminierten Handschriften in Österreich 1, hrsg. von Franz Wickhoff, Leipzig 1905), Nr. 67. – Laußermayer, Theresia Maria: Die Entwicklung der Buchmalerei in Tirol (phil. Diss., Innsbruck 1965), 140-146. – Unterkircher, Franz: Das Missale von Karnol, in: Der Schlern 54 (1980), 129-139