Kreuzigungsgruppe

Kreuzigungsgruppe

In: Eines Fürsten Traum. Meinhard II. – Das Werden Tirols. Katalog der Tiroler Landesausstellung 1995 im Schloß Tirol und im Stift Stams. Redigiert von Josef Riedmann. – Dorf Tirol: Südtiroler Landesmuseum Schloß Tirol; Innsbruck: Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 1995. 600.8°. Objekt-Nr.: 2.3, S. 103.

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Leihgeber: Schloss Tirol (Dorf Tirol, Südtirol), Kapelle
Kreuzigungsgruppe

© Foto Tappeiner, Lana


Um 1330
Holz, polychromiert, Corpus mit 1861 erneuerter Fassung, Assistenzfiguren mit freirestaurierten älteren Fassungen, Corpus 290 x 280 cm, Assistenzfiguren Höhe 230 cm

Stilistisch sind das Kruzifix und Johannes Evangelist zusammen zu lesen. Die Kopfgestalt Mariens folgt in der Haartracht den frühgotischen Formen, während bei Christus und Johannes in den Gesichtspartien ältere byzantinische Modelle aus dem 13. Jahrhundert ihre Nachwirkung zeigen (abwärts gerichtete Augenbrauen, strähnig gegebene Haare, Unterschiede in der Sockelgestaltung). Demnach sei hier postuliert, daß die Gruppe nicht das Werk eines einzigen Bildhauers ist, sondern daß zwei Hände spürbar sind, von denen die eine (bei Maria) von den Formen der in der Kapelle tätigen Malwerkstatt zehrt (vgl. Maria mit der Dolorosa am dahinterliegenden Kreuzigungsbild), während die andere zumindest in den Gesichtspartien spätromanische Formen wiedergibt. Das Kruzifix mit den Vierpaßenden, an denen die reliefierten originalen Holztondi mit den Evangelistensymbolen appliziert sind, wurde im 19. Jahrhundert neu angefertigt.
Infolge der engen Bindung der Marienfigur an die Verkündigungsgruppe in Burg Aufenstein, deren Kapellenweihe für 1331 gesichert ist, sei hier eine Entstehung kurz zuvor vorgeschlagen. In beiden Fällen ergibt sich eine Abhängigkeit zu Malwerkstätten, die in der künstlerischen Abhängigkeit zum Donauraum (vgl. Verkündigungsengel im Frauenchor zu St. Stephan in Wien). Die künstlerischen Engbeziehungen zwischen Aufenstein und Tirol lassen sich zudem in der Wandmalerei belegen.
Der erstmals 1638 bezeugten hauseigenen Legendenbildung nach sollten sich beim Tod eines Tiroler Grafen vom Kruzifix Holzpartikel ablösen. In Wirklichkeit war bereits im frühen 17. Jahrhundert der Corpus des Gekreuzigten von Reliquienjägern derart zerschnitten und ausgehöhlt, daß 1861 eine grundsätzliche Erneuerung des Bildwerkes durch Altarbauer Josef Stauder in Innichen durchgeführt werden mußte. Dabei verlor das Kruzifix große Teile der älteren Fassungen. Die Assistenzfiguren waren mit Ringen an der Holzdecke befestigt, die Einkerbung am Rücken der Johannesfigur läßt daran denken, daß dabei die Assistenzfiguren direkt am Triumphbogen aufsetzten.


Leo Andergassen


Literatur: Müller, Carl Theodor: Mittelalterliche Plastik Tirols. Von der Frühzeit bis zur Zeit Michael Pachers (Forschungen zur Deutschen Kunstgeschichte 6 bzw. Schriften der Deutschen Akademie 25, Berlin 1935), S. 34f. – Rasmo, Nicolò: Schloß Tirol (Kultur des Etschlandes 9, Bozen 1970), Abb. 3. – Trapp, Oswald unter Mitarbeit von Magdalena Hörmann-Weingartner: Tiroler Burgenbuch 2: Burggrafenamt (Bozen/Innsbruck/Wien 1973 und ³1980), 81-83. – Müller, Theodor: Gotische Skulptur in Tirol (Bozen/Innsbruck 1976), 425, Abb. 4f. – Nothdurfter, Hans: Schloß Tirol (Dorf Tirol 1986), 93- 95.