Der Wiltener Kelch mit Patene

Der Wiltener Kelch mit Patene

In: Heiltum und Wallfahrt. Katalog der Tiroler Landesausstellung im Prämonstratenserstift Wilten und in der Benediktinerabtei St. Georgenberg-Fiecht vom 11. Juni bis 9. Oktober 1988. Redigiert von Gert Ammann. – Innsbruck: Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 1988. 280. 8°. Objekt-Nr.: 2.1, S. 166.

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Leihgeber: Prämonstratenserstift Wilten (Innsbruck, Tirol)
Der Wiltener Kelch mit Patene

© Information: Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum


Stiftung von Graf Berthold III. Andechs
Kopie nach dem Original im Kunsthistorischen Museum in Wien, Inv. Nr. 8924 (Niedersachsen, um 1160/1170; erhalten sind auch die Patene und zwei Fistulä) Original: Silber, gezogen, gegossen, graviert teilweise vergoldet, Niello. Henkelkelch: Höhe 16,7 cm,
Patene: Durchmesser 23,5 cm; zwei Fistulä: Länge je 19,6 cm

Inschriften:
Fuß des Kelchs, Außenrand:
PARCE CALIX ISTE PER QVOS DATVS EST TIBI CHRISTE
BERTOLDI MONITIS CVI SIS MITISSIME MITIS (Schone die, durch die dieser Kelch dir, Christus, geschenkt wurde auf Veranlassung Bertholds. Ihm sei, Mildester, milde!)
Fuß des Kelchs, oben:
IN TESTAMENTO VETERI QVASI SVB TEGVMENTO CLAVSA LATET NOVA LEX NOVVS IN CRVCE QVAM RESERAT REX (Im Alten Testament ruht wie unter einer Hülle das neue Gesetz verborgen, das der neue König am Kreuz aufschließt.)
Lippenrand des Kelchs:
HIC QVODCV(M)Q(VE) VIDES RES SIGNAT SPIRITVALES
SP(IRITV)S EST QVI VIVIFICAT S(ED) NIL CARO PRODEST (Alles, was du hier siehst, ist Zeichen für geistige Dinge. Der Geist ist es, der lebendig macht, doch das Fleisch nützt nichts.)
Unterseite der Patene, außen:
QVE REPROBAT CHR(ISTV)M SINAGOGA MERETVR ABISSVM
ECCL(ESI)E FIDEI DAT GR(ATI)A GAUDIA CELI HIC HOMO LETATVR QVOD CELICOLIS SOCIATVR (Die Synagoge, die Christus verwirft, verdient sich die Hölle. Dem Glauben der Kirche schenkt die Gnade die Freuden des Himmels. Hier frohlockt der Mensch, weil er den Himmelsbewohnern zugesellt wird.)
Unterseite der Patene, innen:
INDICIIS PROBAT HIS SE VICTOR VIVERE MORTIS MEMBRIS IN CAPITE SPES EST FIRMISSIMA VITE VT REDIVIVVS ABIT SIC OMNES VIVIFICABIT (Durch diese Beweisstücke bezeugt der Sieger über den Tod, daß er lebt. Die Glieder haben in ihrem Haupt die feste Hoffnung auf Leben. Wie er mit neuem Leben [aus dem Grab] hervorgeht, so wird er alle lebendig machen.)
Unterseite der Patene, ganz innen:
PECCATVM XPC (Christus) MVNDI TOLLIT CRVCIFIXVS (Christus am Kreuz nimmt die Sünde der Welt hinweg.)
Oberseite der Patene, außen:
FVLGENT CLARA DEI VITALIS SIGNA TROPHEI PER QVEM VITA DATVR MORTIS IVS OMNE FVGATVR (Leuchtend erstrahlt das Zeichen des lebensspendenden Sieges Gottes. Durch ihn wird Leben geschenkt und jegliches Recht des Todes vertrieben.) Außerdem sind die Kardinaltugenden, die Paradiesesflüsse, die Evangelistensymbole bezeichnet, ferner sind einigen Darstellungen Bibelzitate beigefügt (Transkriptionen und Übersetzungen von K. Smolka).
Der Kelch war wohl ein Geschenk des Grafen Berthold III. Andechs (1148 - 1188), mit dem der in der Inschrift des Fußes genannte BERTOLDVS am ehesten zu identifizieren ist, an das Stift Wilten. Der Graf war mit Heinrich dem Löwen, Herzog von Niedersachsen und von Bayern, befreundet. Das mag mit ein Grund dafür sein, daß der Andechser Graf den Kelch, einen der schönsten des abendländischen Hochmittelalters, bei einer niedersächsischen Werkstätte in Auftrag geben konnte. H. Klapsia, der den Kelch um 1180/1190 datierte, brachte die Stiftung nach Wilten in Verbindung mit dem Verkauf von Liegenschaften des Stiftes an den Grafen Berthold III. (um 1180), die für die Entwicklung Innsbrucks zur Stadt wichtig werden sollten – doch wird diese These durch die zu späte Datierung des Kelches durch Klapsia hinfällig.
Die Kelchgarnitur gehörte wohl seit seiner Stiftung dem Stift Wilten. Angeblich wurde sie später vergraben und 1304 in einem Acker bei Wilten gefunden. Das dürfte aber, allein schon wegen des vorzüglichen Erhaltungszustandes der Stücke, in den Bereich der Legende gehören.
Geschichtlich spielte der Kelch eine Rolle, als Bischof Draskovich von Fünfkirchen (Pécs) ihn dem Konzil von Trient bei der Diskussion um den Empfang der Kommunion unter beiderlei Gestalten durch die Laien vorstellte.
Die Kelchgarnitur wurde 1938 vom Kunsthistorischen Museum angekauft.
Auf dem Kelch finden sich folgende Darstellungskreise: Auf dem Fuß alttestamentarische Szenen von der Erschaffung der Welt bis zur Ehernen Schlange, darüber die vier Kardinalstugenden; auf dem Nodus die Personifikationen der vier Paradiesströme; auf der Cuppa Szenen aus dem Leben Jesu von der Verkündigung Maria bis zur Kreuztragung. Auf der Unterseite der Patene die Kreuzigung Christi, ferner: Christus befreit die Gerechten des Alten Bundes aus der Vorhölle, in die sie unter Führung der Synagoge einzogen, nachdem sich ihnen das Tor des Paradieses verschlossen hatte; der auferstandene Christus führt die Gerechten des Neuen Bundes in die ewige Seligkeit. Auf der Oberseite die wichtigsten Phasen von der Auferstehung (die Frauen am Grabe) bis zur Himmelfahrt Christi.
Der Wiltener Kelch gehört mit zwei weiteren aus Tremessen (Trzemszno) stammenden Kelchen, im Domschatz von Gnesen (Gniezno), zu einer Werkstätte; einer der beiden, mit gleichartigem Nielloschmuck wie der Wiltener Kelch, ist wohl wenige Jahre nach diesem entstanden, der zweite, mit gegossenen Reliefs, ist etwa zehn Jahre jünger als der aus Wilten stammende. P. Skubiszewski, der sich in mehreren Aufsätzen mit diesen Kelchen beschäftigt hat, trat für eine Lokalisierung des Wiltener Kelches nach Bayern ein, wodurch er ihn aus dem unmittelbaren Zusammenhang mit den beiden Kelchen in Gnesen löste, die er um 1180/1190 datierte und nach Großpolen lokalisierte. Es scheint aber ausgeschlossen, an der gemeinsamen Werkstatt vor allem des niellierten Tremessener Kelches mit dem aus Wilten zu zweifeln. Diese Werkstatt verbindet in exemplarischer Weise jene Merkmale, die G. Swarzenski für den "Kunstkreis Heinrichs des Löwen" charakteristisch fand, nämlich den byzantinischen Einfluß und die enge Beziehung zu England, die sich nicht zuletzt in der scroll-förmigen Nielloornamentik der beiden Kelche verrät; es bestehen aber durchaus auch Vergleichsmöglichkeiten des Wiltener Kelches mit den Reliefs englischer Arbeiten, zum Beispiel am Ciborium in Saint-Maurice d'Agaune.
V. Griessmaier hielt, sich auf L. Mravlags Dissertation stützend, den Kelch für salzburgisch. (Textübernahme aus H. Fillitz - M. Pippal, 1987)




Literatur: H. FILLITZ, M. PIPPAL, Schatzkunst. Die Goldschmiede- und Elfenbeinarbeiten aus österreichischen Schatzkammern des Hochmittelalters (Salzburg/Wien 1987), S. 171f., Kat. Nr. 41, Abb. 41.1- 41.6, Tafeln 18, 19 mit sämtl. Lit.