Geschützrohr "Der Drache" (doppelte Feldschlange)

Geschützrohr "Der Drache" (doppelte Feldschlange)

In: Ausstellung Maximilian I. Innsbruck. Katalog der Ausstellung vom 1. Juni bis 15. Oktober 1969. Herausgegeben vom Kulturreferat des Landes Tirol. Für den Inhalt verantwortlich Erich Egg. – Innsbruck: Verlagsanstalt Tyrolia 1969. 112. 8°. Objekt-Nr.: 481, S. 123.

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Leihgeber: Historisches Museum Basel (Schweiz), Waffensammlung, 187494
Geschützrohr

© Historisches Museum Basel


Jörg von Guntheim von Straßburg, 1514

Glocken- und Geschützgießer. Aus Guntheim bei Worms oder aus Speyer stammend. Geschult vermutlich bei dem Innsbrucker Geschützgießer Jörg Seelos in Straßburg. 1508 als "Jörge Guntheim von Spire" zu Straßburg eingebürgert. Für Maximilian 1510 "etliche pildnus, wappen und anders", 1511 die Hauptstücke "Schiraff" und "Elefant" gegossen. 1513/1514 für Basel und die Könige von Aragon und England tätig. Um 1555 in Straßburg gestorben.
Rohrlänge: 493 cm, Länge der Traube: 28 cm, Länge vom Stoßboden bis an die Schildzapfen: 197 cm, Umfang beim Stoßboden: 127 cm, Umfang bei der Mündung: 104,5 cm, Kaliber: 12,5 cm, Seelenlänge: 486,5 cm, Höhe der Mündung: an den Kanten 34 cm, an den Einbiegungen 30 cm
Kammerstück: Traube, Drachenkopf mit Ring im Rachen, hinten strahlenförmig in den Stoßboden übergehend, am Stoßboden gewulstet.
Innenrand mit darübergreifendem Blätterkranz. Außenrand glatt, zwölfeckig. Kammerstück am Stoßboden verstärkt, als Quergliederung zwölfeckige Bandfriese, Blattwerk. Das ganze Rohr bis dicht hinter die Schildzapfen zwölfeckig, aus dem Fries am Kammerstück hinten sechzehn nach außen züngelnde erhabene heraldische Flammen hervorbrechend. Zündloch mit viereckigem Rand und runder Pfanne, schräg nach der Mündung gebohrt. Das Scharnierband weggemeißelt. Am Ende des Kammerstücks erhaben die Jahreszahl 1514.
Mittelstück: aus dem sich verjüngenden Kammerstück ohne Quertrennung hervorwachsend. Sein Beginn oben außen durch Relief angezeigt: Tartschenschild mit Baselstab und zwei Löwen auf Felsen als Schildhalter. Schildzapfen stark zylindrisch. Oben zwei offene Henkel: Drachenköpfe mit geschupptem Hals darstellend, im rechten Winkel zur Längsrichtung des Rohrs gedreht, im Rachen Querknebel haltend (zum Befestigen des Aufzugsseils oder der Kette bei der Montierung auf die Lafette), die Seite der Knebel gegen das Kammerstück zu abgebrochen. Abschluß des Mittelstücks durch ein quergegliedertes Kettenornament, in Blattornament übergehend und daran anschließend ein reicher gotischer Fries in der Art eines Sockels.
Vorderstück: rund, vor dem Fries breites Schriftband mit umgebogenen, fliegenden Enden. Inschrift erhaben in gotischen Minuskeln:

"ich bin der track ungehir

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ierg zu strosburg

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Das runde Rohr dann in den Hals nebst Kopf eines Drachen übergehend, welcher das Mundstück im offenen Rachen hält. Mündung mit reichem, gotischem Fries, wie oben, dann verstärkt, achteckig mit eingezogenen Seiten.
"Der Drache" ist ein echtes Langrohrgeschütz des maximilianischen Typus des Basilisken. Neu ist das ohne Verstärkungsstück gestaltete Rohr. Der reiche Dekor ist typisch für die Artillerie Maximilians.
Laut Berichten der Basler Jahresrechnungen wurde dieses Rohr mit den anderen, nicht mehr erhaltenen Geschützen zu Basel im Hof des Zeughauses gegossen, die Lafetten hingegen in Straßburg von Meister Bernhard Zwyffel verfertigt.
Herkunft aus dem Baseler Zeughaus.


Erich Egg


Literatur: E. A. GEßLER, Beiträge zum altschweizerischen Geschützwesen. In: Zeitschrift für historische Waffenkunde, Bd. VI (Dresden 1912-14), S. 56ff., Abb. 13. – O. WINCKELMANN, Der Glocken- und Büchsengießer Georg Guntheim von Straßburg. In: Zeitschrift für historische Waffenkunde, Bd. VIII (Dresden 1918-20), S. 280ff. – B. RATHGEN, Frankfurter Prunkgeschütze und ihre Meister. In: Zeitschrift für historische Waffenkunde, Bd. IX (Dresden 1921-22), S. 104. – W. SCHNEEWIND, Die Waffensammlung des Historischen Museums Basel (Basel 1958), S. 37ff., Abb. 3. – E. EGG, Der Tiroler Geschützguß 1400-1600 (Innsbruck 1961), S. 60, Abb. 27, 28. – H. MÜLLER, Deutsche Geschützrohre 1400-1750 (Berlin 1968), S. 94, Abb. 83-86.