Lina Loos

Lina Loos

In: Aufmüpfig & angepaßt. Frauenleben in Österreich. Katalog der Niederösterreichischen Landesausstellung 1998 im Schloß Kirchstetten. Redigiert von Elisabeth Vavra. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 419. – Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1998. 389. 4°. Objekt-Nr.: 29.1.7, S. 346.

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Leihgeber: Österreichische Nationalbibliothek (Wien), Bildarchiv
Lina Loos

© Österreichische Nationalbibliothek, Wien


Photographie, um 1902

Der antike Bildhauer Pygmalion schuf ein Standbild der Aphrodite, das so sehr seinen Vorstellungen einer idealen Frau entsprach, daß er sich unsterblich in es verliebte. Aphrodite erbarmte sich seiner und belebte die Statue. Ganz so geht es vielen Männern. Sie versuchen, die erwählte Frau nach ihren Vorstellungen zu formen; manche Frauen gehen auf die Forderungen ein, andere verweigern sich und lösen sich aus solchen Beziehungen. Lina Loos hatte die Kraft, sich aus einer sie einengenden Beziehung zu befreien. Sie kam am 8. Oktober 1882 als Tochter des Besitzers des Cafes Casapiccola zur Welt. Das Cafe war um 1900 Treffpunkt der geistigen Elite Wiens. Sie besuchte das Konservatorium und nahm Schauspielunterricht, denn in den meisten weiblichen Berufen versäumt man nur acht Stunden des Tages Leben! Im Theater fühlt man die Zeit noch intensiver, ja man erlebt noch unerlebtes Leben dazu. Ihre Schwester führte sie im Löwenbräu ein, wo Peter Altenberg seinen Stammtisch hatte. Damit machte sie Bekanntschaft mit Egon Friedell, Karl Kraus und Adolf Loos, die zum Freundeskreis Altenbergs gehörten. Die Hochzeit mit dem um zwölf Jahre älteren Adolf Loos fand 1902 statt. Zunächst fand die übliche Phase der Glorifizierung der Frau durch den Mann statt; dann verursachte ihr Wunsch nach Eigenständigkeit beim Manne Unbehagen. Die erhaltenen Briefe zeigen deutlich diese Entwicklung innerhalb der Beziehung. Eine Affäre Linas mit Heinz Lang, dem Sohn der Frauenrechtskämpferin Marie Lang, leitet das Ende der Ehe ein. Adolf Loos über diese Ehe: Durch Dich habe ich jetzt eine Wohnung – ein ewiger Traum meines Lebens, der wohl durch meine moralische Schwäche in Gelddingen nie in Erfüllung gegangen wäre. Durch Dich stehe ich jetzt in finanzieller Beziehung ganz anders da als vor zwei Jahren, vieles wurde durch Deine Kraft, die mir half, gut. – Der erfolgreiche Mann, hinter dem eine Frau steht. Nach ihrer Scheidung ging Lina Loos in die USA, kehrte aber noch vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges zurück. Sie versuchte sich wieder als Schauspielerin und trat bei der Eröffnung des Kabaretts "Fledermaus" auf. Von 1920 bis 1922 war sie am Raimundtheater tätig, von 1924 bis 1938 am Volkstheater. Bezeichnend für ihr Schicksal ist der Umstand, daß sie wohl als Muse vieler Männer der Nachwelt bekannt ist, nicht aber als Autorin von Theaterstücken, Romanen und einer philosophischen Abhandlung mit dem Titel "Primitive Vorstellungen einer Frau vom Uranfang bis zum Ende alles irdischen Geschehens". Vieles davon ist bis heute unveröffentlicht.