Hieronymus Graf Colloredo, Fürsterzbischof von Salzburg

Hieronymus Graf Colloredo, Fürsterzbischof von Salzburg

In: Mozart. Bilder und Klänge. Katalog der Salzburger Landesausstellung im Schloß Kleßheim in Salzburg vom 23. März bis 3. November 1991. Veranstaltet vom Land Salzburg in Zusammenarbeit mit der Internationalen Stiftung Mozarteum. Redaktion Rudolph Angermüller und Geneviève Geffray. Salzburger Landesausstellung 6. – Salzburg: Salzburger Landesausstellungen 1991. 424.4°. Objekt-Nr.: 93, S. 106.

Zum Anfang   Zurück   Vorwärts   Zum Ende

Fenster schließen


Leihgeber: Kunsthistorisches Museum (Wien), Gemäldegalerie, Leihgabe an die Salzburger Residenz, Konferenzsaal. Inv. Nr. 8515 (S. 198)
Hieronymus Graf Colloredo, Fürsterzbischof von Salzburg

© Kunsthistorisches Museum, Wien


Anonymes Ölbild. 180 x 140 cm

Die Wahl des 40jährigen Hieronymus Colloredo zum Fürsterzbischof (1772) bedeutete für Stadt und Land Salzburg eine historische Zäsur. An der Spitze des Erzbistums stand mit dem Sohn des Reichsvizekanzlers nun ein Mann, der in seinem Aufklärungs- und Reformeifer einem Joseph II. kaum nachstand. Von kühler Rationalität und scharfem Intellekt, sarkastisch und spröde, in manchem kleinlich und sparsam bis zur Knausrigkeit (was nicht zuletzt Auswirkungen auf die Kunst hatte), konnte er die Herzen des Volkes nicht gewinnen. Colloredo war andererseits ein guter Kenner des Theaters und der zeitgenössischen französischen Aufklärungsliteratur. Sein Gesellschaftszimmer schmückten, so wird berichtet, (mit Lederhäubchen verhängte) Büsten von Voltaire und Rousseau. In ihrem Geist reformierte er das juridische Studium, das Normal- und Hauptschulwesen, vereinfachte den Gottesdienst, schränkte die Meßstiftungen, die Heiligenverehrung und die Ablässe ein, trieb die Agrarrevolution voran, verbesserte die Armenfürsorge und anderes mehr. Der Hirtenbrief von 1782 verrät die drei großen Einflüsse, die die Aufklärung Salzburger Prägung bestimmten: den versöhnlichen italienischen Reformkatholizismus eines Muratori, den rigorosen Spätjansenismus, das innerweltliche Nützlichkeits- und Glückseligkeitsdenken der deutschen protestantischen Aufklärung. Mit dem Hirtenbrief begannen im Erzstift und Erzbistum eine Reihe von systematischen kirchlichen Reformen. Widerstand regte sich, etwa gegen die Unterdrückung der Volksfrömmigkeit und des Aberglaubens, gegen den aufgezwungenen deutschen Kirchengesang und die Abschaffung der Kirchenmusik. Der Hirtenbrief ermunterte aber auch Kräfte der weltlichen Aufklärung und trug zum Auf- und Ausbau von Geheimnisgesellschaften bei. Der bedeutendste und folgenreichste Einbruch gelang in Salzburg für einige Jahre dem Illuminaten-Orden; bis in die 90er Jahre existierte die 1783 gegründete Freimaurerloge "Zur Fürsicht".
Durch seine Neuerungen im Finanzwesen und eine Mehrbelastung der Bevölkerung konsolidierte Fürsterzbischof Colloredo den Staatshaushalt. Statt die Überschüsse jedoch im Land selbst sinnvoll zu investieren, legte sie der Fürst – merkantilistischen Grundsätzen entsprechend – im "Wiener Stadtbanco" an, wo sie schließlich durch den Zusammenbruch des Instituts verloren gingen.
Salzburg wurde für geraume Zeit zum Zentrum der Spätaufklärung in Mittel-Europa, ihrer Presse und Publizistik. Die milde Handhabung der Zensur brachte Broschüren hervor, Lorenz Hübner redigierte die "Oberdeutsche Staatszeitung" (später "Oberdeutsche allgemeine Literaturzeitung") und das "Salzburger Intelligenzblatt", es erschienen Fachzeitschriften für Medizin, Naturwissenschaften, Pädagogik und Jus, die weit über die Grenzen Salzburgs hinaus vertrieben wurden. Niemals in seiner Geschichte hatte die Hauptstadt so viele Forscher, Gelehrte und Publizisten gesehen.
Das Ende der Aufklärung wie auch das Ende des weltlichen Staates Salzburg brachten die Napoleonischen Kriege. Vor den im Sommer 1800 heranrückenden französischen Revolutionstruppen floh der Fürsterzbischof nach Wien. 1803 wurde Salzburg säkularisiert, Colloredo mußte als Regent abdanken.


Gerhard Ammerer


Literatur: Ludwig HAMMERMAYER, Die Aufklärung in Salzburg (ca. 1715 bis 1803), in: Geschichte Salzburgs. Hrsg. von Heinz Dopsch und Hans Spatzenegger, Band II/1, S. 375-452.