Silberkessel

Silberkessel

In: Die Kelten in Mitteleuropa. Kunst, Kultur, Wirtschaft. Katalog der Salzburger Landesausstellung im Keltenmuseum Hallein, Österreich, vom 1. Mai bis 30. September 1980. Redigiert von Ludwig Pauli. – Salzburg: Amt der Salzburger Landesregierung, Abteilung Kultur 1980. 339. 8°. Objekt-Nr.: 188, S. 284.

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Leihgeber: Nationalmuseum Kopenhagen (Dänemark)
Silberkessel

© Nationalmuseum Kopenhagen


2. Jahrhundert vor Chr.
Gundestrup (Jütland, Dänemark)
Durchmesser 69; Höhe 42; Innenplatten etwa 40 x 20; Außenplatten etwa 25 x 20 cm (N.)

1891 zerlegt in einem Moor gefunden: eine der ursprünglich 8 Außenplatten fehlte schon damals. Zusammengesetzt aus einer Bodenschale mit einer zusätzlichen Zierscheibe, 8 Außenplatten, 5 Innenplatten und einem U-förmig gebogenem Rand über einem Eisenring. Die Verzierung erfolgte durch Treiben von der Rückseite und Gravierung der Oberflächendetails. An vielen Stelle sind Reste von Vergoldung erhalten.
Das für Erforschung der keltischen Religionsgeschichte unschätzbare Werk ist im unteren Donauraum entstanden, wo sich seit dem 3. Jahrhundert keltische, einheimisch-dakisch/thrakische und vorderasiatische Traditionen und Bildmotive mischten. Eine überzeugende Interpretation aller Szenen und Symbole ist bisher nicht gelungen, doch kann man nicht zweifeln, daß das meiste in direktem Zusammenhang mit der keltischen Religion steht (dazu ausführlich Jean-Jaques Hatt, Eine Interpretation der Bilder und Szenen auf dem Silberkessel von Gundestrup, in: Die Kelten in Mitteleuropa. Kunst - Kultur - Wirtschaft. Salzburger Landesausstellung im Keltenmuseum Hallein, Österreich, vom 1. Mai bis 30. September 1980. Red. von Ludwig Pauli. Salzburg: Amt der Salzburger Landesregierung 1980, S. 68 ff.) und auch in äußerlichen Dingen (Bewaffnung, Körperhaltung, Symbole) in die keltische Welt paßt.
Die sieben erhaltenen Außenplatten zeigen dasselbe Schema: einen beherrschenden Kopf mit breiter Schulterpartie und verkümmerten Armen. Vier sind durch Bärte als männlich, drei durch lange Haare, Stirnband und kleine Brüste als weiblich gekennzeichnet. Darum herum verteilen sich kleine Menschengestalten, Tiere und Fabelwesen, die manchmal deutlich erkennen lassen, welche Anregungen dahinterstehen. So gibt es einen Mann, der mit einem Raubtier kämpft; es ist der griechische Herakles und der Nemeische Löwe. Auf zwei Platten halten Männer zwei Greifen bzw. zwei Hirsche in die Höhe; sie nehmen das vorderasiatische Schema des Herren der Tiere auf (vgl. "Gürtelhaken").
Auf der Bodenplatte ist ein mächtiger, liegender Stier dargestellt; die separat eingesetzten Hörner sind verloren. Darüber befindet sich ein Schwertkrieger (aber mit Sporen!) in seltsam liegender Haltung, der auf einen davonlaufenden Hund zielt. Unter dem Stier befindet sich ein Tier mit langem Schwanz in Aufsicht, dahinter ein weiteres, nur eingraviertes in gekrümmter Haltung.
Am interessantesten sind die fünf Innenplatten mit ihrer Fülle von Details. Am einfachsten ist jene Platte gehalten, die einen Mann mit einem Schwert, ein großes, gehörntes Tier und zwei kleinere (Wolf, Hund?) in dreifacher Wiederholung zeigt.
Nach rechts schließt sich eine Männerbüste nach Art der Außenplatten an, die in der rechten Hand ein vielspeichiges Rad, das Sonnensymbol, trägt. Die andere Seite des Rades hält ein knieender Mann mit Hörnerhelm. Drei Greifen orientalischer Tradition, zwei Tiger (?) und eine Schlange füllen den größeren Teil der Platte.
Eng verwandt damit ist die übernächste Platte. Rechts und links von einer Frauenbüste fallen zwei sechsspeichige Räder (nach griechischer Art zuerst mit dem Zirkel konstruiert) auf. Außer zwei Greifen und einem Raubtier sind besonders zwei Elefanten bemerkenswert. Die Kelten haben nämlich bei ihren Kämpfen in Kleinasien nach 280 auch Kriegselefanten kennengelernt.
Die dazwischenliegende Platte verbindet wieder Keltisches mit Östlich-griechischem. Die Hauptgestalt, ein Mann mit Hirschgeweih, mit untergeschlagenen Beinen sitzend und einen tordierten Halsring sowie eine Schlange in den Händen haltend, ist ohne Zweifel der keltische Gott Cernunnos, der 'Hirschgott'; dazu paßt der daneben abgebildete Hirsch mit noch mächtigerem Geweih. Unter den anderen Tieren gehören rechts unten die zwei gegenständigen Fabelwesen in den orientalisierenden Bereich, während das Männchen auf einem Delphin an hellenistische Genre-Bilder erinnert.
Die fünfte Platte weist die engsten Verbindungen zu Mitteleuropa auf. Links ist die Opferung eines Menschen in einem Wasserfaß oder einem Kultschacht dargestellt, wie sie in den Viereckschanzen stattgefunden haben wird. Ob der waagrechte Stamm mit spärlichen Blättern in eben diesen Zusammenhang gehört und als Kultpfahl (ebenfalls in den Schächten gefunden) zu deuten ist, scheint fraglich. Der Aufmarsch der Krieger war überall wichtiger Bestandteil von Feierlichkeiten, wie die Werke der südostalpinen Situlenkunst und die davon abhängige Schwertscheide von Hallstatt zeigen. Die untere Reihe wird hier von sechs Kriegern mit Langschild und Lanze gestellt, gefolgt von einem Mann mit Eberhelm und geschultertem Schwert (?). Den Schluß bilden drei Bläser mit ihrem Instrument, der Karnyx, die aus antiken Beschreibungen und archäologischen Funden bekannt ist. In der oberen Reihe sprengen vier Reiter nach rechts. Sie tragen nicht die üblichen Kniehosen, sondern nur kurze Wämse, dazu Schuhe mit deutlich angegebenen Sporen. Die Kappenhelme besitzen Aufsätze in Gestalt eines Halbmonds, eines Hörnerpaares, eines Ebers und eines Vogels, bis auf den Eber alles auch durch Funde belegt. Die Schirrung der Pferde ist einheitlich; deutlich erkennbar sind der Sattel und das Riemenzeug mit zwei Zierscheiben an der Brust und auf der Kruppe; die Schweife scheinen umwickelt zu sein, zwei von ihnen gestutzt.


Ludwig Pauli

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Literatur: Sophus MÜLLER, Det store Sølvkar fra Gundestrup. Nordiske Fortidminder 1(1892). – Jean-Jacques HATT, Kelten und Galloromanen. Archelogia mundi (München 1970), Taf. 48-60. – Early Celtic art. The catalogue of an exhibition. Hrsg. von Arts Council of Great Britain; Royal Scottish Museum (Edinburgh 1970), Nr. 85. – Early Celtic art. The catalogue of an exhibition. Hrsg. von Arts Council of Great Britain; Royal Scottish Museum (Edinburgh 1970), Taf. 95-97. – John Vincent Stanley MEGAW, Art of the European iron age. A study of the elusive image (Bath 1970), Nr. 209 und 214. – Paul-Marie DUVAL, Die Kelten. Universum der Kunst 25 (München 1978), Abb. 192-194. –Venceslas KRUTA, Miklós SZABÓ, Die Kelten. Entwicklung und Geschichte einer europäischen Kultur in Bildern (Freiburg im Breisgau 1979), Taf. 45. Friedrich DREXEL, Über den Silberkessel von Gundestrup. Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts 30 (1915), S. 1ff. – Ole KLINDT-JENSEN, Gundestrupkedeien (Kopenhagen 1961 ). – Wolfgang KIMMIG, Zur Interpretation der Opferszene auf dem Gundestrup-Kessel. Fundberichte aus Schwaben NF. 17 (1965), S. 135ff. – Kurt HOREDT, Zur Herkunft und Datierung des Kessels von Gundestrup. Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz 14 (1967), S. 134ff. – M. RUSUR, Das keltische Fürstengrab von Ciumeşti in Rumänien. Berichte der Römisch- Germanischen Kommission 50 (1969), S. 282f., Anm. 6. – Thomas G. E. POWELL, From Urartu to Gundestrup. The Agency of Thracian Metal-work, in: The European Community in Later Prehistory (Festschrift C. F. C. Hawkes, 1971), S. 183ff. – F. FISCHER, in: Der Trichtinger Ring und seine Probleme. Kolloquium Heidenheim 1977 (1978), S. 12ff.