Weihefund im Gebirge

Weihefund im Gebirge

In: Die Kelten in Mitteleuropa. Kunst, Kultur, Wirtschaft. Katalog der Salzburger Landesausstellung im Keltenmuseum Hallein, Österreich, vom 1. Mai bis 30. September 1980. Redigiert von Ludwig Pauli. – Salzburg: Amt der Salzburger Landesregierung, Abteilung Kultur 1980. 339. 8°. Objekt-Nr.: 187, S. 282.

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Leihgeber: Schweizerisches Landesmuseum Zürich (Schweiz), 3192-98
Weihefund im Gebirge

© Schweizerisches Landesmuseum Zürich


420-350 vor Chr.
Erstfeld (Uri, Schweiz)
Gesamtgewicht 639,8 g (N.)

Im Jahre 1962 bei Erdarbeiten am rechten Talhang der Reuss unter 9 m hohen Schuttschichten zwischen einem großen und einem kleinen Felsblock entdeckt.
Die Ringe sind werkstattfrisch und lassen keine Abnutzungsspuren erkennen. Die verwendeten Goldlegierungen sind einander sehr ähnlich, auch wenn sie nach der Einteilung von A. Hartmann drei verschiedenen Gruppen zugewiesen werden. Alle Ringe sind in derselben Technik hergestellt. Sie bestehen aus zwei Schalenhälften von 0,2-0,3 mm Stärke, oft aus mehreren Teilen zusammengesetzt, die nach dem Austreiben der Verzierung verlötet wurden.
Halsring mit herausnehmbarem Mittelstück; die Zierzone besteht aus einem Gewirr von Menschenköpfen und -gliedmaßen, deren Anordnung meist nicht organisch anmutet, dazu Tierköpfe und ein Vogel zwischen den beiden keulenförmigen Elementen in der Mitte. Sekundär wohl etwas verbogen. Durchmesser 16,4 cm.
Halsring, mit nur geringen Abweichungen (Verzierung des Vogels) dem ersten Ring entsprechend. Durchmesser 15,3 cm.
Halsring mit einem ähnlichen Verzierungsschema wie oben, aber durch ein Paar großer Vögel stärker abweichend. Herausnehmbar ist nur die eine Hälfte des Bildfrieses; die Sicherung erfolgt durch einen dünnen Stift in der Mitte. Durchmesser 17,3 cm.
Halsring mit schmälerer Verzierungszone, die fast den halben Ring umgreift und herausnehmbar ist. An einen schwachen Knoten in der Mitte schließen sich zwei nach außen blickende Tierköpfe an, deren kaum angedeutete Körper in Palmetten und einen Perlstab übergehen. Durchmesser 16,3 cm.
Armring mit Stöpselverschluß und plastischer Rankenverzierung auf der Außenseite. Durchmesser 7,8 cm.
Armring, mit nur winzigen Abweichungen dem vorhergehenden entsprechend. Durchmesser 7,9 cm.
Armring mit Stöpselverschluß. Symmetrisch angebracht vier Masken mit anschließenden Palmetten, dazwischen je ein Knoten mit Blattmuster. Durchmesser 8,0 cm.
Es besteht kein Zweifel, daß alle sieben Ringe aus derselben Werkstatt stammen, die im Mittelrheingebiet (weniger wahrscheinlich Oberitalien) zu suchen ist. Die Zusammensetzung ist jedoch als Garnitur für eine Einzelperson undenkbar. Eine Interpretation als hastig verstecktes 'Händlerdepot' am Weg zum Gotthard (der damals übrigens nur eine geringe Rolle gespielt hat) ist angesichts dessen, was wir über archaische Handwerksorganisation, insbesondere bei Edelmetallarbeiten, wissen, unmöglich. Es kann sich nur um eine absichtliche Deponierung der Wertgegenstände handeln, die von herausragenden Einzelpersonen oder einer größeren Gemeinschaft vorgenommen wurde. Dabei ist an ein Opfer entweder an unbekannte Götter (der Berge?) oder im Rahmen von Jenseitsvorstellungen zu denken. Die naheliegende Hypothese, das Opfer könnte mit den Keltenwanderungen um 400 v. Chr. nach Süden zusammenhängen, ist begreiflicherweise nicht abzusichern.


Ludwig Pauli


Literatur: René WYSS, Der Goldfund von Erstfeld. Frühkeltischer Goldschmuck aus den Zentralalpen (Zürich 1975). – John Vincent Stanley MEGAW, Art of the European iron age. A study of the elusive image (Bath 1970), Nr. 84. – Early Celtic art. The catalogue of an exhibition. Hrsg. von Arts Council of Great Britain; Royal Scottish Museum (Edinburgh 1970), Nr. 113-118. – Venceslas KRUTA, Miklós SZABÓ, Die Kelten. Entwicklung und Geschichte einer europäischen Kultur in Bildern (Freiburg im Breisgau 1979), Taf. 100 und 102. – A. HARTMANN, in: Der Dürrnberg bei Hallein. III. Auswertung der Grabfunde (München 1978), S. 612ff., Tabelle 5 (4650); 6 (4645); 9 (4641.4646-49). – Ludwig PAULI, Die Alpen in Frühzeit und Mittelalter (München 1980), S. 184 f.