Psalter von Montpellier

Psalter von Montpellier

In: Die Bajuwaren. Von Severin bis Tassilo 488-788. Katalog der Gemeinsamen Landesausstellung des Freistaates Bayern und des Landes Salzburg in Rosenheim/Bayern und Mattsee/Salzburg vom 19. Mai bis 6. November 1988. Herausgegeben von Hermann Dannheimer und Heinz Dopsch. – Salzburg: Land Salzburg, Amt der Salzburger Landesregierung; München: Prähistorische Staatssammlungen 1988. 468. 8°. Objekt-Nr.: R. 114, S. 443.

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Leihgeber: Bibliothèque de l'Université Montpellier (Frankreich), Ms. 409
Psalter von Montpellier

© Bibliothèque de l’Université Montpellier


Mondsee, vor 788; 346 Blätter, 213 x 125 mm.

Der kleinformatige Psalter ist mit zwei ganzseitigen Miniaturen, 165 größeren Initialen in Gold und Silber und über 2000 kleineren Initialen in den Farben Gelb, Rot und Grün ungewöhnlich kostbar ausgestattet. Die Psalmanfänge sind durch Unziale in Rot und Grün ausgezeichnet. In der Initialornamentik sind Flecht-, Zickzack-, Stufenband und Fischmotive bestimmend. Die beiden Miniaturen mit Christus und David lassen sich im Bildtypus – Standfigur unter Rundbogenarkade – auf spätantike, vermutlich ravennatische Vorlagen des 6. Jahrhunderts zurückführen.
Die Entstehung des Psalters in Mondsee, seine ungewöhnlich reiche Ausstattung und das kleine Format deuten darauf hin, daß die Handschrift für ein Mitglied der herzoglichen Familie, wahrscheinlich für Herzog Tassilo III. selbst bestimmt war. Infolge der Verbannung seiner Familie oder durch die Beschlagnahme des Agilolfingerbesitzes durch Karl den Großen gelangte der Psalter nach Frankreich. Die persönlich gehaltenen Widmungen oder Fürbitten waren offenbar der Anlaß für die Beseitigung von fünf Blättern der
letzten Lage des Psalters. Die fehlenden Seiten wurden in einem westfränkischen Kloster wieder ersetzt bzw. ergänzt. Die damals eingetragenen Laudes regiae mit der Nennung der Königin Fastrada († 794) erlauben eine Datierung dieser Nachträge vor 794. Bereits im 9. Jahrhundert befand sich der Psalter in Auxerre; 1721 ist er in der Sammlung des Präsidenten Bouhier in Lyon nachweisbar. Nach dessen Tod wurde der Codex vom Kloster Citeaux erworben, von dort aus gelangte er nach der Französischen Revolution in die Bibliothek von Montpellier.


Andreas Weiner


Literatur: Codices Latini Antiquiores VI, Nr. 795. – Willibrod NEUMÜLLER, Kurt HOLTER, Der Codex Millenarius (= Forschungen zur Geschichte Oberösterreichs 6, Linz 1959), S. 132-139 u. 141f., Abb 35-41. – Bernhard BISCHOFF, Die südostdeutschen Schreibschulen und Bibliotheken in der Karolingerzeit, Teil II (Wiesbaden 1980), S. 16ff. – Kurt HOLTER, Probleme der bildenden Kunst zur Zeit Virgils, in: Virgil von Salzburg (Salzburg 1985), S. 258.