Billroth im Hörsaal

Billroth im Hörsaal

In: Kunst des Heilens. Aus der Geschichte der Medizin und Pharmazie. Katalog der Niederösterreichischen Landesausstellung in der Kartause Gaming vom 4. Mai bis 27. Oktober 1991. Wissenschaftliche Ausstellungsleitung von Manfred Skopec. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 276. – Wien: Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Kulturabteilung 1991. XVI, 893. 4°. Objekt-Nr.: 17.04, S. 651.

Zum Anfang   Zurück   Vorwärts   Zum Ende

Fenster schließen


Leihgeber: Österreichische Galerie Belvedere (Wien)
Billroth im Hörsaal

© Fotostudio Otto, Wien


Standort: II. Chirurgische Universitätsklinik, Wien
A. F. Seligmann Wien, um 1890
Öl auf Leinwand, 145 x 121 cm
Signatur rechts unten: A. F. Seligmann

Der Maler Albert Franz Seligmann (1862-1936), Sohn des ersten Wiener Professors für Medizingeschichte Franz Romeo Seligmann (1808-1892) und Freund des Billrothschen Familienkreises, hat in dem um 1890 fertiggestellten Ölgemälde den Geist einer sich eben wandelnden Epoche darzustellen vermocht.
Noch sehen wir hier das Gerät zur Erzeugung des Lister-Sprays. Theodor Billroth (1829-1894), der dem Karbol als antiseptischem Mittel anfangs sehr kritisch gegenüberstand, hat Listers Methode schließlich doch an seiner Klinik aufgenommen, aber wir dürfen in ihm bereits den Propagator der aseptischen Methode sehen. Seine Devise "Reinlichkeit bis zur Ausschweifung!", die er schon im Jahre 1874 nachdrücklich forderte, nimmt diese zweifellos vorweg.
Noch hat der Operateur auf diesem Bilde sein Augenglas über Ärztekittel und Schürze gehängt, noch fehlen Handschuhe und Maske. Dennoch war der Mikrobiologe, der über die Spezifität, ja die Pathogenität der Keime viele Jahre "grübelte" (ein von Billroth häufig gebrauchtes Wort), seiner Zeit weit voraus. Er hat ohne feste Nährböden und ohne Anilinfärbung die Streptokokken erkannt und ihnen den heute noch gültigen Namen gegeben. Freilich wollte er für die Entstehung der "accidentellen Wundkrankheiten" lange Zeit eher ein "phlogistisches Zymoid" postulieren, als in den Mikroben die Veranlassung sehen.
Den weißen Ärztekittel hat übrigens wenige Jahre bevor dieses Bild entstand, der Berliner Chirurg Ernst von Bergmann (1836-1907) eingeführt. Er wurde im Jahre 1882 der Nachfolger von Billroths Lehrer Bernard von Langenbeck (1810-1887) in Berlin, nachdem Billroth bekanntlich aus Treue zu Wien den Ruf abgelehnt hatte. Sein Porträt ist auf diesem Gruppenbild natürlich besonders sorgfältig ausgeführt. Robert Buchberger, der das Gemälde im Jahre 1966 ausführlich beschrieben hat, brachte auch in Erfahrung, daß Seligmann nicht nur 1888 Malstudien an Ort und Stelle im Hörsaal ausführte, sondern daß auch Billroth ihm mehrere Sitzungen in seiner Ordination gewährt hat. Darum dürfte sein Bild wirklich als ein besonders treffendes angesehen werden.
Auch der Raum, der Hörsaal in der Südecke des ersten Stockes neben dem Kapellentrakt des alten Allgemeinen Krankenhauses, ist gewissenhaft nachgezeichnet, und alle Assistenten, ja selbst die Hörer, die für heutige Begriffe in unangemessener Nähe des Operationsbereiches dargestellt sind, tragen leicht erkennbar die Züge von Billroths Schülern.
Anton von Eiselsberg (1860-1939), der im Jahre 1893 als Ordinarius nach Utrecht ging, ist hier zur rechten Hand des Narkotiseurs, einen Stieltupfer reichend, zu erkennen.
Von Fritz Salzer (1858-1893) und Leopold Dittel (1861-1940) sind freilich nur die Rücken zu sehen. Der erste, Sohn eines Wiener Chirurgen, der noch Schüler von Billroths Vorgänger Franz Schuh (1804-1865) gewesen ist, ging im Jahre 1890, noch vor Eiselsberg, nach Utrecht. Des narkotisierenden Dittel Vater aber war der Begründer der österreichischen Urologie, ein ebenso feinfühliger wie heiterer Teilnehmer an Billroths geselligen Abenden.
Auch unter den Hörern sind mehrere bemerkenswert. Der dritte von links in der ersten Reihe ist der spätere Augenarzt Carl Theodor Herzog in Bayern (1839-1909), der Bruder der damaligen österreichischen Kaiserin Elisabeth. Der in der ersten Bankreihe Aufstehende wurde später Gynäkologe in Wien, es ist der früh verstorbene Chrobak-Schüler Alfons von Rosthorn (1857-1909) und schließlich, gerade noch zu sehen, in der gleichen Reihe in der äußersten Ecke rechts sitzt zeichnend oder schreibend der Maler des Bildes Adalbert Seligmann. Signifikanter als er hätte niemand die Zeit von Billroths letzten Lebensjahren in einem Bilde darstellen können.


Helmut Wyklicky