Sogenannter "Bauernpapst"

Sogenannter "Bauernpapst"

In: Gotik in der Steiermark. Katalog der Steirischen Landesausstellung im Stift St. Lambrecht vom 28. Mai bis 8. Oktober 1978. Veranstaltet vom Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung. Redigiert von Elisabeth Langer. – Graz: Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung 1978. 344, 112. 8°. Objekt-Nr.: 224, S. 253.

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Leihgeber: Spitalskirche Unsere Liebe Frau (Obdach, Steiermark)
Sogenannter

© Dr. Woisetschläger, Graz


Steirisch; nach 1500
Lindenholz; dreiviertelrund; Rückseite abgeflacht und gehöhlt. Alte, später übergangene
Fassung: Albe weiß; Pluviale golden, Futter blau. Inkarnat verloren. Thronbank und Plinthe ocker, Tiara silbern, Kronreifen golden. Geringe Bestoßungen am Figurensockel;
Absplitterungen am rechten Plinthenrand. Ferula und die rechte Fanones fehlen. 1951/1952
und 1977 restauriert. Höhe: 106 cm; Breite: 72 cm; Tiefe: 23 cm.

Der greisenhafte Papst sitzt in frontaler Haltung auf einer Thronbank; sein ausgezehrter Oberkörper ist leicht, der Kopf stärker vorgeneigt. Seine rechte Hand ist im Segensgestus erhoben, die linke hielt ehemals die Ferula. Ober der gegürteten Albe trägt er eine Pluviale, die vor der Brust von einer rosettenartigen Schließe zusammengehalten wird und deren rechter Teil über beide Oberschenkel gelegt ist.
Die individuelle und lebensnahe Erscheinung sichert der Figur einen isolierten Rang innerhalb der spätgotischen Plastik in der Steiermark. Großartig ist das greisenhafte Alter charakterisiert; besonders im ausgemergelten, faltenreich-verkniffenen und zahnlosen Antlitz ist das Streben nach naturhafter physiognomischer Wiedergabe zu erkennen. Diese Differenzierung herrscht auch im flüssigen Duktus des Gewandes vor.
Man nimmt an, daß der bisher nicht näher zu bestimmende Künstler im oberen Murtal, vermutlich in Judenburg, ansässig gewesen sei. Seine subtile physiognomische Charakterisierungskunst hat ihre zeitliche Parallele in den Physiognomien der Kirchenväterbüsten (besonders Gregor und Hieronymus) an der Kanzel von St. Stephan in Wien von Anton Pilgram. Aber auch ein nahes Verhältnis zur Kunst des Erasmus Grasser scheint vorzuliegen. So sind etwa die psychologische Kennzeichnung und scharfe Charakterisierung des Mienenspiels auf die Köpfe der Mauriskentänzer (um 1480) Grassers zurückzuführen. Auch einzelne Büsten des Chorgestühls der Frauenkirche in München (1502) zeigen im physiognomischen Realismus ein gleiches künstlerisches Bestreben. Ein von Halm 1928 hervorgehobenes Merkmal Grassers, nämlich das Herausarbeiten der sehnigen Halspartie mit dem starken Betonen des "Adamsapfels", trifft auf den "Bauernpapst" zu (siehe Philipp Maria Halm, Erasmus Grasser, Augsburg 1928, S. 34).
Müllers Vorschlag, die Figur nach 1500 statt der üblichen Datierung von "1485/1490" anzusetzen, erscheint daher durchaus akzeptabel.
Die von Garzarolli 1941 dem gleichen Meister zugewiesene Figur des heiligen Ägydius in der Pfarrkirche in Obdach ist eher in Abhängigkeit von dieser zu sehen.


Horst Schweigert


Literatur: O. Autor, in: Der Kirchenschmuck 28 (1897), S. 23ff. – Eberhard HEMPEL, Judenburg, eine Stätte alpenländischer Plastik, in: Blätter für Heimatkunde 7/8 (1926), S. 58. – Georg DEHIO, Kärnten, Salzburg, Steiermark, Tirol und Vorarlberg (Wien/Berlin 2. Aufl. 1938), S. 284. – Karl GARZAROLLI–THURNLACKH, Mittelalterliche Plastik in Steiermark (Graz 1941), S. 72, 111. – Theodor MÜLLER, Rezension von K. Garzarolli-Thurnlackh, Mittelalterliche Plastik in Steiermark, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 11 (1943/44), S. 61. – Georg KODOLITSCH, Die spätgotischen Schnitzaltäre in Steiermark (phil. Diss., Graz 1951), S. 48. – Rochus KOHLBACH, Steirische Bildhauer (Graz 1956), S. 326, 392. – Dehio-Handbuch, Steiermark (Wien/München 4. Aufl. 1956), S. 196. – Kurt WOISETSCHLÄGER/Peter KRENN, Alte steirische Herrlichkeiten (Graz 1968), S. 40, Nr. 66. – Kurt WOISETSCHLÄGER, Malerei und Plastik in der Steiermark von 1400 bis 1800. Einflüsse und Ausstrahlungen, in: Festschrift 150 Jahre Joanneum 1811-1961 (= Joannea II, Graz 1969), S. 360. – Peter KRENN, Die gotische Plastik in der Steiermark, in: Steirische Berichte 3/4 (Graz 1977), S. 10.