Thronende Maria mit Kind

Thronende Maria mit Kind

In: Gotik in der Steiermark. Katalog der Steirischen Landesausstellung im Stift St. Lambrecht vom 28. Mai bis 8. Oktober 1978. Veranstaltet vom Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung. Redigiert von Elisabeth Langer. – Graz: Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung 1978. 344, 112. 8°. Objekt-Nr.: 220, S. 249.

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Leihgeber: Bayerisches Nationalmuseum (München, Deutschland), 12/56
Thronende Maria mit Kind

© Bayerisches Nationalmuseum, München


"Meister der Schreinmaria des sogenannten Eggenberger Altares"; um 1490
Lindenholz; Rückseite gehöhlt. Reste alter Fassung: Inkarnat im Gesicht Mariens bis auf die Grundierung verloren. Kleid rostbraun/lila. Mantel golden; Futter blau. Rechter kleiner Finger Mariens und ein Teil der Knopfperlen ergänzt. Locken des Kindes beschädigt. Sockel angestückt. Höhe: 126 cm. Aus Schloß Eggenberg bei Graz (?).

Maria sitzt auf einer Thronbank; sie hält mit beiden Händen das Kind, das gerade im Begriffe ist, auf das Knie der Mutter zu steigen. Die linke Hand des Kindes umfaßt ein Ei, das Symbol der christlichen Hoffnung und der Auferstehung des Fleisches.
Nach Garzarolli 1941 stammt die Figur aus Schloß Eggenberg, in das sie 1762 von Schloß Pöls (BH. Graz) gelangte und als Schreinfigur eines Flügelaltares in der "Schloßkapelle" fungierte. Auch Kohlbach 1956 und Müller 1959 vertreten diese Auffassung, die auf eine Ordinariatsbewilligung vom Jahre 1762 zwecks "Übertragung des Frauenbilds von dem Gschloß Pöls nachher Eggenberg" beruht. Vermutlich ist diese urkundliche Nennung jedoch nicht auf die Plastik zu beziehen, sondern auf die Kopie des Gnadenbildes Maria Schnee, das als Altarbild im Hochaltar der 1758 geweihten Schloßkirche eingefügt wurde. Als möglicher Aufstellungsort käme für die Figur die 1470 urkundlich genannte Schloßkapelle in Betracht, in der noch eine spätgotische, maßwerkverzierte Mensa vorhanden ist. Mehrere spätgotische
Tafelbilder (Abbildungen im Fotoarchiv des Institutes für Kunstgeschichte in Graz, Inv. Nr. 5000/933), die verkauft wurden und die vermutlich die Flügel eines Schreinaltares darstellten, lassen das Vorhandensein eines solchen Altares annehmen. Auch die Möglichkeit, daß die Figur aus einer von den Eggenbergern patronisierten Kirche stammt, ist in Betracht zu ziehen.
Im Zuge der Erstveröffentlichung (1912) wurde die Figur als eine frühe Arbeit Michael Pachers bzw. seiner Werkstätte eingestuft. Garzarolli 1941 sah dagegen einen aus Salzburg stammenden Künstler, der vorübergehend im oberen Murtal tätig war. Müller 1959 und Cevc 1973 nehmen sogar einen Grazer Bildhauer an. Die Zuschreibung an Pacher und seine Werkstätte, die auf ihre Haltbarkeit hin nie überprüft wurde, steht in stilistischem Widerspruch; wohl sind aber Beziehungen vorhanden, etwa in der ovalen, eiförmigen Antlitzform mit weit über die Augäpfel herabgezogenen, geschwungenen Lidern (vgl. Maria der Geburt Christi vom St.- Wolfgang-Altar) oder im Motiv des mit einem Bein auf dem Knie der Mutter stehenden Kindes (vgl. Maria vom Anbetungsrelief des Flügelaltares in der Pfarrkirche von Gries bei Bozen) , wobei diese Gestaltung auch auf Kupferstiche des Meisters E. S. (thronende Marien L. 76, L. 81 und L. 82; Geisberg, T. 57, 49, 52) zurückgehen kann. Die manierierte Spreizhaltung der Finger Marias dürfte offensichtlich von analogen Ausbildungen in Stichen des Meisters E. S. (vgl. L. 78, L. 76; Geisberg, T. 54, 57) übernommen sein.
Der sehr persönliche Stil des anonymen Künstlers, den Garzarolli 1941 als "Meister der Schreinmadonna des sogenannten Eggenberger Altares" bezeichnet, zeigt aber auch Verarbeitungen aus dem Formenschatz des Nicolaus Gerhaert; so in der Gewandkomposition mit in die Tiefe gestaffelten Knitterungen und langgezogenen Säumen, vor allem aber im Motiv des Durchstoßens des Knies aus der Mantelmasse mit darüber hochgenommenem Gewand (vgl. sitzender Apostel Jakobus der Ältere, Wien, Akademie; thronende Madonnen in Berlin, Staatliche Museen, und Bopfingen, Kirche; Wertheimer 1929, Abb. 47, 68, 69).
Garzarolli 1941 ordnet diesem Künstler zusätzlich eine heilige Margarethe aus dem oberen Murtal, einen thronenden Christus aus der Umgebung von Judenburg (Privatbesitz, Wien) und eine thronende Maria mit Kind (ehemals Schloß Waldstein) zu, was für eine längere Seßhaftigkeit dieses Meisters in der Steiermark spricht. Als Datierung wird übereinstimmend "um 490" angegeben.


Horst Schweigert


Literatur: O. Autor, Berichte der Staatlichen Sammlungen und des Museumvereines in München sowie des Maximilians-Museums der Stadt Augsburg. Bericht über die Neuerwerbungen des Bayerischen Nationalmuseums in den Jahren 1911-1912. In: Münchener Jahrbuch für bildende Kunst VII (1911), S. 138. – Edith HESSIG, Die Kunst des Meisters E. S. und die Plastik der Spätgotik (Berlin 1935), S. 12 (konnte nicht eingesehen werden). – Karl GARZAROLLI–THURNLACKH, Mittelalterliche Plastik in Steiermark (Graz 1941), S. 71, 111. – Georg KODOLITSCH, Die spätgotischen Schnitzaltäre in Steiermark (phil. Diss., Graz 1951), S. 31, 48. – Dehio-Handbuch, Steiermark (Wien/München 4. Aufl. 1956), S. 114. – Rochus KOHLBACH, Steirische Bildhauer (Graz 1956), S. 63. – Teodor MÜLLER, Die Bildwerke in Holz, Ton und Stein. Von der Mitte des XV. bis gegen Mitte des XVI. Jahrhunderts (= Katalog des Bayerischen Nationalmuseum München XIII,2, München 1959), S. 79, Kat. 69. – Kurt WOISETSCHLÄGER, Malerei und Plastik in der Steiermark von 1400 bis 1800. Einflüsse und Ausstrahlungen, in: Festschrift 150 Jahre Joanneum 1811-1961 (= Joannea II, Graz 1969), S. 360. – Peter KRENN, Die gotische Plastik in der Steiermark, in: Steirische Berichte 3/4 (Graz 1977), S. 10.