Anbetung des Kindes (Schreinaltar)

Anbetung des Kindes (Schreinaltar)

In: Gotik in der Steiermark. Katalog der Steirischen Landesausstellung im Stift St. Lambrecht vom 28. Mai bis 8. Oktober 1978. Veranstaltet vom Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung. Redigiert von Elisabeth Langer. – Graz: Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung 1978. 344, 112. 8°. Objekt-Nr.: 219, S. 248.

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Leihgeber: Pfarrkirche Mariä Geburt (Oppenberg, Steiermark)
Anbetung des Kindes (Schreinaltar)

© Foto Hofstetter, Ried i.I.


Erasmus Grasser und Werkstätte; um 1485/1490
Lindenholz; Hochrelief; die Hauptfiguren der vordersten Reihe vollplastisch. Schrein aus Fichtenholz. Alte, zum Teil ergänzte Fassung (Hintergrund und Rückseite der Figuren original). Neuvergoldung. Bei der Einpassung in den barocken Altar gingen Gesprenge, Predella und die Flügel des Schreinaltares verloren. 1966/1967 restauriert. Höhe: 115 cm; Breite: 126 cm; Tiefe: 25 cm. Schrein: Höhe: 164 cm; Breite: 126 cm.
Detail.

Die Heilige Familie und die das Kind anbetenden Heiligen Könige nehmen den Vordergrund der vielfigurigen Darstellung ein. Aus einer Felsenschlucht im Hintergrund strömen die Dienerschaft und zahlreiches Gefolge herbei. Der felsige Hintergrund wird von verschiedenen Figuren und Hirten mit ihren Schafen belebt. Am hochgezogenen Horizont ist eine befestigte Stadt dargestellt. Ein Engel mit Spruchband schwebt über dem Geschehen. Der vergoldete Himmel ist mit einem Brokatmuster verziert.
Besonders reizvoll ist die Tracht der Dargestellten, vor allem die der Heiligen Drei Könige. Zahlreiche Details, wie z. B. die gemalte Fraisenkette um den Hals des Jesuskindes und der Reichtum des modischen Zierrates, geben Zeugnis von der Erzählfreude des Schnitzers.
Charakteristisch für die Komposition ist die schichtenweise Reihung der Vordergrundfiguren, die durch bewegte Schrittstellungen und Gebärden sowie durch gegenseitiges Zuwenden miteinander verzahnt sind.
An der Rückseite des Schreines, der in einem barocken Altar (1684) eingebaut ist, wurde anläßlich der letzten Restaurierung eine in Temperatechnik gemalte Schmerzensmann-DarsteIlung freigelegt.
Es wird vermutet, daß der Schrein aus dem Augustiner-Chorherren-Stift in Rottenmann, dem Oppenberg inkorporiert war, stammt. Wahrscheinlich wurde das Werk durch die Augustiner-Chorherren, die um 1480 höchste Förderungen erhielten, an Erasmus Grasser in Auftrag gegeben.
Bereits Gazarolli 1941 brachte den Altarschrein mit dem in München tätigen Erasmus Grasser in Verbindung, wobei er überzeugend die tanzschrittartige, zeremonielle Bewegung der Heiligen Könige von den Mauriskentänzern Grassers im Tanzsaal des alten Rathauses in München ableitete. Kodolitsch verwies auch auf die nahe Verwandtschaft mit Grassers Kreuzaltar in Ramersdorf (1482).
Die kompositionelle Gestaltung mit schichtenweise gereihten Vordergrundfiguren verbindet den Oppenberger Altar jedoch nicht nur mit dem in Ramersdorf, sondern auch mit Grassers Altar im Kloster Nonnberg in Salzburg (um 1480 ?), mit dem die Figurentypen ebenfalls übereingehen.
Der Schrein wird unterschiedlich zwischen 1480 und 1500 datiert und eine Werkstattbeteiligung angenommen. Da sich die tänzerischen Bewegungen und die ausdrucksstarken Mimiken der Gesichter stilistisch eher an Grassers Werke der achtziger Jahre anschließen lassen, wird eine Datierung um 1485/1490 anzunehmen sein.
Eine provinzielle Nachfolge des bewegten Figurenstils Grassers von Oppenberg liegt in den vermutlich von einem Vierzehn-Nothelfer-Altar stammenden Hochrelieffiguren (um 1490) am Barockaltar der Pfarrkirche in Scheifling vor (einige der Figuren unlängst gestohlen). Cevc 1973 verweist auch auf eine Kompositionsverwandtschaft des Anbetungsreliefs in der Propsteikirche in Ptuj (1515) mit dem Oppenberger Altar.


Horst Schweigert


Literatur: Georg DEHIO, Kärnten, Salzburg, Steiermark, Tirol und Vorarlberg (Wien/Berlin 2. Aufl. 1938), S. 286. – Karl GARZAROLLI–THURNLACKH, Mittelalterliche Plastik in Steiermark (Graz 1941), S. 77,113. – Karl GARZAROLLI–THURNLACKH, Ein unbekanntes Werk Erasmus Grassers in Steiermark, in: Pantheon XXIX (1942), S. 44ff. – Georg KODOLITSCH, Die spätgotischen Schnitzaltäre in Steiermark (phil. Diss., Graz 1951), S. 122ff., Kat. 15. – Dehio-Handbuch, Steiermark (Wien/München 4. Aufl. 1956), S. 200. – Kunstdenkmäler in Österreich. Kärnten, Steiermark. Hg. Reinhard Hootz (München/Berlin 1966), S. 379. – Gertrude TRIPP, Drei Werke gotischer Holzskulpturen und ihre Restaurierung. Die Schreingruppe aus Oppenberg, in: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege XXI (1967), S. 65ff. – R. HAUSSMANN, Bericht über die Restaurierung der Schreingruppe aus Oppenberg. In: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege XXI (1967), S. 68ff. – Hans K. RAMISCH, Kapitel Plastik, in: Gotik in Österreich. Katalog (Krem 1967), Kat. 184. – Kurt WOISETSCHLÄGER/Peter KRENN, Alte steirische Herrlichkeiten (Graz 1968), S. 41, Nr. 68. – Kurt WOISETSCHLÄGER, Malerei und Plastik in der Steiermark von 1400 bis 1800. Einflüsse und Ausstrahlungen, in: Festschrift 150 Jahre Joanneum 1811-1961 (= Joannea II, Graz 1969), S. 360. – Emilijan CEVC, Gotska Plastika na Slovenskem, Narodna galerija (Ljubljana 1973), S. 68. – Georg KODOLITSCH, Spätgotische Schnitzaltäre in der Steiermark, in: Jahrbuch des Kunsthistorischen Instituts der Universität Graz 11 (1976), S. 38. – Rudolf LIST, Kunst und Künstler in der Steiermark, 18./19. Lfg. (Ried im Innkreis 1977), S. 724. – Peter KRENN, Die gotische Plastik in der Steiermark, in: Steirische Berichte 3/4 (Graz 1977), S. 10.