Thronende Maria

Thronende Maria

In: Gotik in der Steiermark. Katalog der Steirischen Landesausstellung im Stift St. Lambrecht vom 28. Mai bis 8. Oktober 1978. Veranstaltet vom Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung. Redigiert von Elisabeth Langer. – Graz: Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung 1978. 344, 112. 8°. Objekt-Nr.: 217, S. 246.

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Leihgeber: St. Georgen ob Murau (Steiermark)
Thronende Maria

© Dr. Woisetschläger, Graz


Michel Erhart; nach 1480
Lindenholz; dreiviertelrund; rückseitig gehöhlt. Alte, im Barock und 19. Jahrhundert erneuerte Fassung: Kleid lüstriertes Rot. Mantel golden; Futter blau. Gesicht und Hände inkarnatfarben. Haare golden. Thron silbern. Buchdeckel rot. Eine Kronenzacke fehlt, eine zur Hälfte abgebrochen. Bestoßungen an den Thronwangen und an der rechten Fußspitze. Kleidspange mit grünem Glasfluß 19. Jahrhundert. Höhe: 87 cm. Aus St. Cäcilia ob Murau, Filialkirche.

Die Himmelskönigin sitzt in leicht schräger Haltung nach links auf einer Thronbank. In der linken Hand hält sie ein Gebetbuch, mit der rechten blättert sie darin. Das rechte Bein ist auf den Plinthenrand gestellt, das linke zurückgesetzt. Das gekrönte Haupt ist sanft geneigt, die Augen blicken verträumt nieder. Das ovale Gesicht besitzt Prägnanz in scharfgeschnittenen Augenlidern, Tränensäcken, Nasenlippenfalte und Lippenform. Der schlanke Hals ist von Querrillen durchfurcht. Gewelltes langes Haar fällt in breiten Strähnen über den Rücken; ein Zopf ist über ihre rechte Brustseite gelegt. Der Mantel umhüllt in großzügig ausschwingenden Faltenbahnen den Körper.
Die Figur befand sich ehemals im Schrein eines der heilige Margarethe geweihten Seitenaltares, dessen gemalte Flügel um 1455/1460 entstanden.
Ihre in der Literatur mehrmals erfolgte Benennung als heilige Margarethe ist ikonographisch nicht richtig, sondern es handelt sich hier um eine lesende Maria. Allgemein wurde in der lokalen Forschung bisher ein Murtaler Schnitzer als Künstler angesehen. Jedoch bereits Gertrud Otto führte die Figur auf direkte Anregungen Gregor Erharts zurück; dieser Hinweis wurde bislang nicht aufgegriffen. Erst neuerdings erfolgte durch Albrecht Miller eine überzeugende Zuschreibung an Michel Erhart. Miller weist nach, daß die lesende Maria kompositionell und im künstlerischen Ausdruck dem Typus der thronenden Madonna aus der Sammlung Georg Schuster (im Krieg verbrannt; vgl. Miller, a. a. 0., 1971, Abb. 18) verwandt ist und im eckigen Faltenstil der Thalkirchner Muttergottes nahesteht. Außerdem findet sich derselbe Gesichtstypus bei der Muttergottes im Überlinger Münster und bei der cimerischen Sibylle am Ulmer Chorgestühl.
Miller setzt ihre Entstehung, entgegen der bisherigen Datierung von 1490/1495, nach 1480 an. Die Figur der lesenden Maria hat in den Schnitzfiguren einer thronenden heiligen Anna Selbdritt in der St.-Anna-Kirche in Murau und in einer sitzenden Maria mit Kind am Hochaltar der Pfarrkirche von Schöder eine provinzielle Nachfolge erfahren (vgl. Woisetschläger-Mayer 1964, Abb. 498, 328).


Horst Schweigert


Literatur: Georg DEHIO, Kärnten, Salzburg, Steiermark, Tirol und Vorarlberg (Wien/Berlin 2. Aufl. 1938), S. 309. – Karl GARZAROLLI–THURNLACKH, Mittelalterliche Plastik in Steiermark (Graz 1941), S. 77, 113. – Gertrud OTTO, Gregor Erhart (Berlin 1943), S. 76. – Georg KODOLITSCH, Die spätgotischen Schnitzaltäre in Steiermark (phil. Diss., Graz 1951), S. 30ff., Kat. 19. – Dehio-Handbuch, Steiermark (Wien/München 4. Aufl. 1956), S. 233. – Rochus KOHLBACH, Steirische Bildhauer (Graz 1956), S. 299f. – Ulrich OCHERBAUER, St. Cäcilia (= Kunstdenkmäler Steiermarks I, Graz 1961), S. 14. – Inge WOISETSCHLÄGER-MAYER, Die Kunstdenkmäler des Gerichtsbezirkes Murau (= Österreichische Kunsttopographie XXXV, Wien 1964), S. 228ff. – Kurt WOISETSCHLÄGER, Malerei und Plastik in der Steiermark von 1400 bis 1800. Einflüsse und Ausstrahlungen, in: Festschrift 150 Jahre Joanneum 1811-1961 (= Joannea II, Graz 1969), S. 360. – Albrecht MILLER, Der Kaufbeurer Altar des Michel Erhart, in: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst XXII (1971), S. 58, Abb. 20. – Peter KRENN, Die gotische Plastik in der Steiermark, in: Steirische Berichte 3/4 (Graz 1977), S. 10.