Schöne Madonna

Schöne Madonna

In: Gotik in der Steiermark. Katalog der Steirischen Landesausstellung im Stift St. Lambrecht vom 28. Mai bis 8. Oktober 1978. Veranstaltet vom Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung. Redigiert von Elisabeth Langer. – Graz: Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung 1978. 344, 112. 8°. Objekt-Nr.: 203, S. 236.

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Leihgeber: Pfarrkirche hl. Gotthard (Perchau, Steiermark)
Schöne Madonna

© Dr. Woisetschläger, Graz


Salzburgisch-steirisch; um 1420/1430
Holz; dreiviertelrund; Rückseite abgeflacht. Barocke Fassung über ältere Fassung (Kleid rot, Mantel blau): Gewand, Krone, Kopfschleier und Apfel golden über rotem Bolus. Gesicht, Hände und Kind inkarnatfarben. Teile der Plinthe fehlen. Krone erneuert. Höhe: 75 cm (mit Krone 83 cm).

Maria ist stehend als Himmelskönigin dargestellt. Die schlanke, mädchenhafte Gestalt beschreibt durch einen extremen Kontrapost einen räumlichen S-Schwung. Sie trägt über dem Standbein das Jesuskind, das mit seiner rechten Hand den über die linke Schulter fallenden Kopftuchteil und mit seiner linken den von der Mutter dargebotenen Apfel ergreift.
Die preziöse, feingliedrige Gestaltung und die bewegte Strukturierung des reichen Faltenspiels verleihen der Figur eine besondere Anmut. Unter den erhaltenen Schönen Madonnen liegt kein unmittelbar vergleichbares Werk vor. Das relativ seltene Greifmotiv des Kindes nach dem Kopftuch oberhalb der Schulter verbindet sie mit den Schönen Madonnen aus Breitenau; Friedberg in Hessen; Maastricht, Liebfrauenkirche; Eidlitz (Böhmen), Pfarrkirche, und Regensburg (vgl. Clasen 1974, Abb. 120, 81, 270, 392), ebenso das Moment der Apfelberührung mit den Schönen Madonnen aus Wetzlar (Clasen 1974, Abb. 80), Venedig, Kunstmuseum Düsseldorf und aus dem Franziskanerkloster Salzburg (vgl. Großmann 1965, Abb. 10,17) sowie mit einer Miniaturdarstellung in der Nationalbibliothek in Wien (vgl. Kieslinger 1932, Abb. 36) und einer thronenden Madonna aus Maria Höfl im Metnitztal (vgl. Katalog Kärntner Kunst des Mittelalters, Wien 1971, Abb. 15). Der Stil dieses Meisters dürfte im Salzburger Kunstkreis wurzeln; der Vergleich mit der sogenannten "Maria Säul" aus St. Peter in Salzburg, mit den Türflügelreliefs der Filialkirche in Irrsdorf oder mit einem stehenden Moses im Museum Carolino Augusteum (vgl. Steinitz 1976, Abb. 52, 54, 57) läßt in der geschwungenen Körperhaltung, in den prägnanten Schüsselfalten und seitlichen Faltengehängen Übereinstimmungen erkennen. Vor allem eine kleine Schöne Madonna in Privatbesitz (vgl. Steinitz 1976, T. IV) zeigt, wenn auch in der Haltung spiegelbildlich und im Tragen des Kindes über dem Spielbein abweichend, sowohl im Formalen als auch in der Gewandorganisation Gemeinsames.
Garzarolli 1941 weist die Figur einem um 1430 in Judenburg oder Neumarkt tätigen Bildschnitzer, dem sogenannten "Meister der Perchauer Maria", zu, dem er noch die im Schrein des rechten Seitenaltares der Peterskirche in St. Lambrecht aufgestellte Maria mit Kind und ein Fragment einer stehenden Maria mit Kind aus St. Marein bei Neumarkt (1937 im Kunsthandel) zuordnet. Die Zugehörigkeit der Maria aus der Peterskirche (Holz, Höhe : 80 cm, neugefaßt) zur Perchauer Maria ist infolge derselben schwungvollen Haltung (jedoch seitenverkehrt) offensichtlich. Der Faltenwurf ist hier allerdings kleinteiliger, und einzelne Falten brechen zum Teil bereits spitzig. Wonischs Datierung um 1440 und sein Hinweis auf die Verwandtschaft mit dem Gnadenbild von Seeon sind deshalb nicht zu Unrecht erfolgt; seine Annahme einer süddeutschen Provenienz ist jedoch abzulehnen.
Vielleicht gehörte der Künstler der Werkstatt des Meisters der großen thronenden Madonna aus Hallein an, wie es z. B. ein thronender Apostel Petrus, Privatbesitz, und eine thronende Madonna in München, Bayerisches Nationalmuseum, hinsichtlich des Faltenstils nahelegen (vgl. Rohrmoser 1976, Abb. 108, 109).


Horst Schweigert


Literatur: Karl Heinz CLASEN, Der Meister der Schönen Madonnen (Berlin/New York 1974). – Dieter GROSSMANN, Schöne Madonnen 1350-1450. Katalog (Salzburg 1965). – Franz KIESLINGER, Österreichs frühgotische Madonnen, in: Jahrbuch der Österreichischen Leo-Gesellschaft 1932. – Albin ROHRMOSER, Die Verwandlung des Weichen Stils, in: Spätgotik in Salzburg. Katalog (Salzburg 1976). – Wolfgang STEINITZ, Die Salzburger Plastik um 1400, in: Spätgotik in Salzburg. Katalog (Salzburg 1976). – Georg DEHIO, Kärnten, Salzburg, Steiermark, Tirol und Vorarlberg (Wien/Berlin 2. Aufl. 1938), S. 288. – Karl GARZAROLLI–THURNLACKH, Mittelalterliche Plastik in Steiermark (Graz 1941), S. 54, 104. – Othmar WONISCH, Die Kunstdenkmäler des Benediktinerstiftes St. Lambrecht (= Österreichische Kunsttopographie XXXI, Wien 1951), S. 135. – Rochus KOHLBACH, Die Stifte Steiermarks (Graz 1953), S. 92. – Dehio-Handbuch, Steiermark (Wien/München 4. Aufl. 1956), S. 202.