Schönes Vesperbild, sogenanntes "Kleines Vesperbild aus Admont" (Admont II)

Schönes Vesperbild, sogenanntes "Kleines Vesperbild aus Admont" (Admont II)

In: Gotik in der Steiermark. Katalog der Steirischen Landesausstellung im Stift St. Lambrecht vom 28. Mai bis 8. Oktober 1978. Veranstaltet vom Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung. Redigiert von Elisabeth Langer. – Graz: Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung 1978. 344, 112. 8°. Objekt-Nr.: 201, S. 234.

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Leihgeber: Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum (Graz, Steiermark), Alte Galerie, P 22
Schönes Vesperbild, sogenanntes

© Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum, Graz


Salzburgisch; um 1420/1425
Kalkstein (Steinguß ?). Fassung nach alten Farbresten ergänzt: Gewand rot; Kopftuch weiß. Mantel gebrochen weiß, Futter blau; alle Säume vergoldet. Haar Marias golden. Inkarnat Marias blaßrosa, das von Christus bräunlicher. Thron ocker; Plinthe grün. Die Zehen der beiden Füße Christi fehlen. Aussplitterung in der Mitte der seitlich gerundeten Sockelplatte. Bestoßungen an einigen Faltenpartien und an den Thronwangen. 1976/1977 restauriert und Neufassung. Höhe: 56,5 cm; Sockelbreite: 54,5 cm; Tiefe: 25,5 cm. Aus dem Stift Admont.

Der formale Aufbau ist ausgewogen. Der Oberkörper Marias baut sich über einem gleichschenkeligen Dreieck auf. Die Mittelachse der Gruppe, zugleich Körperachse der Maria, ist durch das linke Knie mit bis zur Plinthe reichender vertikaler Röhrenfalte und durch das hochgehobene Tuch betont. Zur Kopfneigung Marias korrespondieren die Parallelen von Oberkörper und die Unterschenkel Christi, während die Schräglage seines Unterkörpers und des rechten Armes mit der Lage der linken Hand Marias übereingeht. Die Konzeption dieser Pieta folgt der zentralen Gruppe der "Schönen Vesperbilder", wie etwa der in Iglau, Leningrad oder Baden bei Wien. Durch die Anhäufung von entlehnten Motiven nennt es Kutal ein "eklektisches Werk". So sind das "traurig-süße" Gesicht auf die Krumauer Madonna, das Motiv des herabgesunkenen rechten Armes Christi und des hochgehaltenen Schleiers mit der linken Hand auf das Vesperbild in der Sandkirche in Breslau (die Handhaltung adäquat der Pieta in Leningrad, Eremitage) zurückzuführen. Einzelne Faltenmotive sind von den Pietas in Iglau und von Baden bei Wien übernommen. Die auffällige Spitzigkeit des Faltenstils und die Schärfe des Faltencharakters, die die Vorbilder übertreffen, haben Großmann 1970 veranlaßt, die bisherige hypothetische Datierung von 1394 (Springer 1936, Garzarolli 1941, Frey 1949) in das 2. oder 3. Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts anzusetzen. Aufgrund der späteren Datierung nahm er auch eine Umkehrung der bisher üblichen Bezeichnung von "Admont I" auf "Admont II" vor. Steinitz 1976 verweist auf die enge Verwandtschaft zur großen Seeoner Pieta im Bayerischen Nationalmuseum, deren Salzburger Provenienz sehr wahrscheinlich ist.


Horst Schweigert


Literatur: Jacob WICHNER, Kloster Admont in Steiermark und seine Beziehungen zur Kunst (Wien 1888), S. 67. – Otto SCHWARZ, Die spätgotische Steinplastik in Steiermark (phil. Diss., Graz 1935), S. 12f., 34. – Louis Adalbert SPRINGER, Die bayerisch-österreichische Steingussplastik der Wende von 14. zum 15. Jahrhundert (Würzburg 1936), S. 24, 58-64, 97. – Karl GARZAROLLI–THURNLACKH, Malerei und Plastik aus Steiermark bis 1440. Katalog (Wien 1936), S. 11, Kat. 16. – Eberhard WIEGAND/A. STOIS, Rezension von L. A. Springer, Die bayerisch-österreichische Steingussplastik, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte NF 7 (1938), S. 356. – Karl GARZAROLLI–THURNLACKH, Mittelalterliche Plastik in Steiermark (Graz 1941), S. 31, 98. – Adolf FEULNER, der Meister der Schönen Madonnen, in: Zeitschrift des deutschen Vereins für Kunstwissenschaft 10 (1943), S. 38. – Plastik, Malerei und Kunstgewerbe des Mittelalters. Katalog (Graz 1947), S. 4. – Rochus KOHLBACH, Die Stifte Steiermarks (Graz 1953), S. 47. – Otto SCHWARZ, Plastik, Malerei und Kunstgewerbe. Katalog des Steiermärkischen Landesmuseums Joanneum in Graz (Graz 1955), S. 30. – Rochus KOHLBACH, Steirische Bildhauer (Graz 1956), S. 244. – Dehio-Handbuch, Steiermark (Wien/München 4. Aufl. 1956), S. 14. – Theodor MÜLLER, Sculpture in the Netherlands, Germany, France and Spain. 1400 to 1500 (= The Pelican History of Art 25, Harmondsworth 1966), S. 40. – Kurt WOISETSCHLÄGER, Malerei und Plastik in der Steiermark von 1400 bis 1800. Einflüsse und Ausstrahlungen, in: Festschrift 150 Jahre Joanneum 1811-1961 (= Joannea II, Graz 1969), S. 359. – Dieter GROSSMANN, Stabat Mater. Katalog (Salzburg 1970), Kat. 35. – Karl GINHART, Die gotische Bildnerei in Wien (= Geschichte der bildenden Kunst in Wien I, Wien I970), S. 155. – Alber KUTAL, Die Ausstellung Stabat Mater in Salzburg. In: Uměni XIX (1971), S. 420. – Alber KUTAL, Erwägungen über das Verhältnis der Horizontalen und Schönen Pietas. In: Uměni XX (1972), S. 501. – Rupert FEUCHTMÜLLER, Kunst in Österreich I (Wien/Hannover/Basel 1972), S. 116. – Karl Heinz CLASEN, Der Meister der Schönen Madonnen (Berlin/New York 1974), S. 124, 205. – Wolfgang STEINITZ, Die Salzburger Plastik um 1400, in: Spätgotik in Salzburg. Katalog (Salzburg 1976), S. 67, Kat. 64. – Gottfried BIEDERMANN, Kunst des Mittelalters. Malerei, Plastik, Glasmalerei. Katalog Alte Galerie am Landesmuseum Joanneum Graz (Graz 1976), S. 38. – Peter KRENN, Die gotische Plastik in der Steiermark, in: Steirische Berichte 3/4 (Graz 1977), S. 9. – Gerhard SCHMIDT, Vesperbilder um 1400 und der „Meister der Schönen Madonnen“, in: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege XXXI (1977), S. 97, 101f. – Dagobert FREY, Ein unbekanntes Versperbild des Weichen Stils in Vorarlberg, in: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege 3 (1949), S. 56ff.