Schönes Vesperbild, sogenanntes "Großes Vesperbild aus Admont" (Admont I)

Schönes Vesperbild, sogenanntes "Großes Vesperbild aus Admont" (Admont I)

In: Gotik in der Steiermark. Katalog der Steirischen Landesausstellung im Stift St. Lambrecht vom 28. Mai bis 8. Oktober 1978. Veranstaltet vom Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung. Redigiert von Elisabeth Langer. – Graz: Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung 1978. 344, 112. 8°. Objekt-Nr.: 191, S. 224.

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Leihgeber: Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum (Graz, Steiermark), Alte Galerie, P 39
Schönes Vesperbild, sogenanntes

© Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum, Graz


Salzburgisch; Ende 14. Jahrhundert/um 1400
Kalkstein? (nach Springer 1936 rötlicher Steinguß; Garzarolli 1941 Sandstein); dreiviertelrund; Rückseite abgeflacht. Alte, ergänzte Fassung: Kleid altrot; Mantel elfenbeinweiß, Futter blau. Kopftuch und Schurz weiß. Haare Marias und Gewandsäume golden. Gesicht, Hände Marias inkarnatfarben, das Inkarnat Christi etwas dunkler. Blutstropfen auf dem Kopfschleier, dem oberen Mantelteil und Schurz. Die rechte Fußspitze Marias und die Zehen Christi fehlen. Saumteile an Mantel und Kopftuch Marias ausgebrochen. Die Finger der linken Hand Marias und die der Hände Christi 1938/1939 ergänzt. 1976 restauriert. Höhe: 89 cm; Gesamtbreite: 94 cm; Sockelbreite: 65 cm; Tiefe: 36 cm. Aus dem Stift Admont.

Maria thront auf einer maßwerkverzierten Bank. Der fast waagrecht gestreckte Körper Christi ist schräg über ihren Schoß gelegt, der Oberkörper leicht, der Kopf stärker nach vorne gedreht. Das schmerzvolle Antlitz Marias ist zum Kopf des Sohnes gewendet und leicht geneigt. Ihre rechte Hand unterfängt Nacken und Kopf Christi, während die linke seine überkreuzten Hände hält (sogenanntes "Dreihändebild"). Der Umriß des Vesperbildes bildet ein gleichschenkeliges Dreieck, dessen Mittelachse durch die Kinnspitze Marias führt. Der Kopfhaltung Marias entspricht die Schrägstellung des rechten Unterschenkels Christi. Vertikale Röhrenfalten markieren die Stellung der Unterschenkel Marias.
Liess hat auf die Zugehörigkeit mit den Vesperbildern von Nonnberg, Breslau-St. Matthias und Magdeburg hingewiesen, aber auch mit den Pietas aus Baden bei Wien und in der Stiftskirche in Garsten (hier kein "Dreihändebild") ist ein enger Zusammenhang gegeben. Kutal sieht in der Admonter Pieta eine Verschmelzung des "horizontalen" und "schönen" Typus und stellt sie mit den genannten Vesperbildern völlig in den böhmischen Kunstkreis (Vorbilder St. Thomas in Brünn, Luttein und Pohorí). Auch Homolka schließt sich Kutals Auffassung an. Großmann 1970 plädiert jedoch für die von Liess vorgeschlagene Gruppierung und ihre Entstehung in Salzburg. Garzarollis 1941 Zuweisung an den "Meister von Großlobming" ist von der Forschung abgelehnt worden.
Neuerdings vermutet Schmidt als ihren Schöpfer einen Schüler oder Gehilfen des Meisters des Vesperbildes von Jena.
Entgegen den bisherigen Datierungen zwischen 1410 und 1430 wird das Vesperbild kurz vor oder um 1400 (Kutal, Homolka, Großmann 1970) angesetzt. Dies hatte auch eine Umkehrung der Bezeichnung "Admont II" auf "Admont I" zur Folge.
Bacher sieht in einem Vesperbild in Stainz (Wegkapelle) eine "volkstümliche" Replik dieser Admonter Pieta.


Horst Schweigert


Literatur: Jacob WICHNER, Kloster Admont in Steiermark und seine Beziehungen zur Kunst (Wien 1888), S. 67. – Franz KIESLINGER, Zur Geschichte der gotischen Plastik in Österreich, in: Belvedere 4 (1923), S. 30. – Richard HAMANN, Die Elisabethkirche zu Marburg und ihre künstlerische Nachfolge, 2. Bd. (Marburg a. d. Lahn 1929, S. 331. – Otto SCHWARZ, Die spätgotische Steinplastik in Steiermark (phil. Diss., Graz 1935), S. 13, 35. – Louis Adalbert SPRINGER, Die bayerisch-österreichische Steingussplastik der Wende von 14. zum 15. Jahrhundert (Würzburg 1936), S. 134ff. – Karl GARZAROLLI–THURNLACKH, Malerei und Plastik aus Steiermark bis 1440. Katalog (Wien 1936), S. 12., Kat. 19. – Karl GARZAROLLI–THURNLACKH, Mittelalterliche Plastik in der Steiermark (1941), S. 38f., 100. – Plastik, Malerei und Kunstgewerbe des Mittelalters. Katalog (Graz 1947), S. 4f. – Rochus KOHLBACH, Die Stifte Steiermarks (Graz 1953), S. 47f. – Otto SCHWARZ, Plastik, Malerei und Kunstgewerbe. Katalog des Steiermärkischen Landesmuseums Joanneum in Graz (Graz 1955), S. 34. – Dehio-Handbuch, Steiermark (Wien/München 4. Aufl. 1956), S. 4.– Rochus KOHLBACH, Steirische Bildhauer (Graz 1956), S. 244. – Theodor MÜLLER, Kapitel Plastik, in: Europäische Kunst um 1400. Katalog (Wien 1962), S. 365, Kat. 422. – Reinhard LIESS, Vesperbilder um 1400, in: Alte und Moderne Kunst 56/57 (1962), S. 37ff. – Albert KUTAL, České gotické sochařstvi 1350-1450 (Praha 1962), S. 85, 92. – Jaromir HOMOLKA/Jaroslav PEŠINA, K problematice evropského uměni kolem roku 1400. In: Uměni II (1963), S. 186. – Albert KUTAL, K problému horizontálnich piet. In: Uměni II (1963), S. 338f. - Kurt WOISETSCHLÄGER/Peter KRENN, Alte steirische Herrlichkeiten (Graz 1968), S. 29, Nr. 39. – Peter KRENN, Maria in der steirischen Kunst. Katalog (Katalogtexte 1-13) (Graz 1968), S. 14, Kat. 3. – Alice SCHULTE, Gotische Marienbilder aus Steiermark und Kärnten. Eine volkskundliche Betrachtung, in: Carinthia 159 (1969), S. 491. – Ernst BACHER, Zur Frage der Vesperbilder des Weichen Stils, in: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege XXIV (1970), S. 187. – Rupert FEUCHTMÜLLER, Kunst in Österreich I (Wien/Hannover/Basel 1972), S. 116. – Karl Heinz CLASEN, Der Meister der Schönen Madonnen (Berlin/New York 1974), S. 138, 142, 205. – Gottfried BIEDERMANN, Kunst des Mittelalters. Malerei, Plastik, Glasmalerei. Katalog Alte Galerie am Landesmuseum Joanneum Graz (Graz 1976), S. 36. – Peter KRENN, Die gotische Plastik in der Steiermark, in: Steirische Berichte 3/4 (Graz 1977), S. 9. – Gerhard SCHMIDT, Vesperbilder um 1400 und der „Meister der Schönen Madonnen“, in: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege XXXI (1977), S. 102ff.