Kruzifix

Kruzifix

In: Gotik in der Steiermark. Katalog der Steirischen Landesausstellung im Stift St. Lambrecht vom 28. Mai bis 8. Oktober 1978. Veranstaltet vom Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung. Redigiert von Elisabeth Langer. – Graz: Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung 1978. 344, 112. 8°. Objekt-Nr.: 183, S. 218.

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Leihgeber: Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum (Graz, Steiermark), Alte Galerie, P 13
Kruzifix

© Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum, Graz


Steirisch; um 1330/1350.
Pappelholz; vollrund, Rückseite und Kopf gehöhlt. Geringe Reste alter Fassung. Beide Arme ab dem Schultergelenk fehlen. Die vorletzte Zehe am rechten Fuß abgebrochen und Aussplitterung bis zur Nagelwunde. Anstückungen an den beiden vorderen Fußteilen. Am rechten Oberschenkel ein Stück des Schurzes abgesplittert. Einrisse und Bestoßungen am ganzen Körper. Höhe: 203 cm (Corpuslänge). Ehemals Stiftskirche in Admont; später in Mühlau bei Admont, Herrenhaus des Sensenwerkes.

Der monumentale Corpus ist in seiner realistischen Körperwiedergabe und in der Intensität des expressiven Ausdrucks ein künstlerisches Meisterwerk. Trotz des Fehlens beider Arme (der Dehnung der Achselhöhlen nach waren sie nicht waagrecht, sondern schräg nach oben gestreckt) ist die Schwere des Hängens spürbar. Der Oberkörper ist vorgeneigt, seinem Ausschwingen zur rechten Seite antwortet das Oberkreuzen des rechten Beines, wodurch eine leichte C-Schwingung entsteht. Der Kopf ist nach rechts auf den Oberkörper gesunken. Die Oberschenkel stoßen weit in den Raum Vor, was eine scharfe Knickung zwischen Ober- und Unterkörper zur Folge hat. Das schmale, knöcherne Gesicht ist von tiefer Trauer geprägt. Mit großer Sensibilität ist die Physiognomie wiedergegeben. Breitsträhniges, welliges Haar rahmt das Antlitz, an der rechten Seite fällt je eine Strähne auf Oberkörper und Rücken. Mit demselben Realismus sind die Rippen, Schlüsselbeine, die Sehnen der Unterschenkel und die Zehen herausgearbeitet. Am Oberkörper klafft rechts die Seitenwunde, am Bauch sind der Nabel und eine Querrille eingezeichnet. Ein über die Knie gezogener und über einem Gürtel geschlungener Schurz läßt trotz mehrerer Schüsselfaltenbildungen und des starken Einsinkens zwischen den Beinen die Körperlichkeit deutlich spürbar werden. Markant ist der über das rechte Knie in den Raum ragende Lendentuchteil; die fast bis zu den Knöcheln reichende linke Hängefalte bildet einen formal stützenden Ausgleich zur Biegung des Oberkörpers. Auffällig ist die übergroße Proportionierung der Beine, die vermutlich auf die Untersichtanlage der Figur zurückzuführen ist.
Das Kruzifix ist vermutlich identisch mit dem 1598 Vom Triumphbogen der Stiftskirche in Admont herabhängend angebrachten Kruzifix. Garzarollis 1941 vorgeschlagene Datierung "um 1310" und seine Zuschreibung des Werkes an den "Meister der Admonter Madonna" sind bisher kritiklos übernommen worden. Neuerdings stellt Zaunschirm dies in Frage, und durch Stilanalyse kann Garzarollis Annahme widerlegt werden. Die frühesten in Österreich erhaltenen Kruzifixe in Stift Nonnberg, in der Dominikanerkirche in Friesach und aus dem Kapuzinerkloster in Salzburg, alle um 1320/1330, die sich auf die frühen Mystikerkreuze, vor allem auf das in St. Maria im Kapitol in Köln (um 1304), beziehen, sind in ihrer Körpergestaltung massig und gedrungen, während die Proportionen des Admonter Kruzifixes wesentlich gestreckter sind. Diese Körperdehnung erinnert jedoch an Werke nach der Jahrhundertmitte, z. B. das Kruzifix in der Pfarrkirche von Laßnitz oder das ehemalige Lettnerkruzifix der Stiftskirche St. Lambrecht, jetzt in der Vorhalle der Kirche.
Nach Zaunschirm weisen die expressiven Züge am Admonter Kruzifix noch in das erste Jahrhundertdrittel, so daß eine Datierung zwischen 1330 und 1350 sehr wahrscheinlich ist.


Horst Schweigert


Literatur: Jacob WICHNER, Kloster Admont in Steiermark und seine Beziehungen zur Kunst (Wien 1888), S. 73. – Georg DEHIO, Kärnten, Salzburg, Steiermark, Tirol und Vorarlberg (Wien/Berlin 2. Aufl. 1938), S. 274. – Karl GARZAROLLI-THURNLACKH, Mittelalterliche Plastik in Steiermark (Graz 1941), S. 25, 95. – Plastik, Malerei und Kunstgewerbe des Mittelalters. Katalog (Graz 1947), S. 4. – Rochus KOHLBACH, Die Stifte Steiermarks (Graz 1953), S. 47. – Otto SCHWARZ, Plastik, Malerei und Kunstgewerbe. Katalog des Steiermärkischen Landesmuseums Joanneum in Graz (Graz 1955), S. 20. – Rochus KOHLBACH, Steirische Bildhauer (Graz 1956), S. 243. – Hans K. RAMISCH, Kapitel Plastik, in: Gotik in Österreich. Katalog (Krems 1967), S. 88. – Thomas ZAUNSCHIRM, Die Plastik des 14. Jahrhunderts, in: Spätgotik in Salzburg. Katalog (Salzburg 1976), S. 26, Kat. 27. – Gottfried BIEDERMANN, Kunst des Mittelalters. Malerei, Plastik, Glasmalerei. Katalog Alte Galerie am Landesmuseum Joanneum Graz (Graz 1976), S. 20. – Peter KRENN, Die gotische Plastik in der Steiermark, in: Steirische Berichte 3/4 (Graz 1977), S. 8.