Die Heiligen Mauritius und Achatius

Die Heiligen Mauritius und Achatius

In: Gotik in der Steiermark. Katalog der Steirischen Landesausstellung im Stift St. Lambrecht vom 28. Mai bis 8. Oktober 1978. Veranstaltet vom Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung. Redigiert von Elisabeth Langer. – Graz: Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung 1978. 344, 112. 8°. Objekt-Nr.: 142b, S. 167.

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Leihgeber: Waasenkirche (Leoben, Steiermark)
Die Heiligen Mauritius und Achatius

© Bundesdenkmalamt, Wien


Um 1410/1420.
Glasgemälde; beide: Höhe: 0,70 m; Breite: 0,48 m. Unwesentliche Ergänzungen nur in der Randzone der Scheibe mit den beiden Heiligen. Die Reduktion der Schwarzlotzeichnung fällt in der Prophetenscheibe stärker ins Gewicht. Die Abwitterung der Rückseiten und radikale Reinigungsmaßnahmen einer älteren Restaurierung (Abätzung) haben zu einer unnatürlichen Veränderung der Transparenz geführt und zum Teil auch den roten Überfang angegriffen. Verbleiung modern. Leoben, Waasenkirche (Fenster süd II/ I b beziehungsweise nord II/4 c).

Von der ehemals sechs Fenster umfassenden Chorverglasung der Waasenkirche in Leoben sind größere Teile in den beiden Schrägfenstern erhalten, ein Christuszyklus und Reste eines Marienlebens bzw. einer Apostel- und Heiligenserie. Stilistisch ist dieser Bestand nicht ganz einheitlich, sondern zerfällt in zwei, auch als verschiedene Stiftungen auseinanderzuhaltende Gruppen, die hier jeweils mit einer Scheibe vertreten sind: Der heilige Mauritius, der ritterliche Anführer des afrikanischen Teiles der Thebäischen Legion, deren Mitglieder unter Kaiser Maximian enthauptet wurden, und der heilige Achatius, der Anführer der zehntausend Märtyrer, die unter Hadrian vom Berge Ararat in die Dornen gestürzt wurden, sind zusammen dargestellt, beide in der Kleidung vornehmer Ritter, mit herzogshutartiger Kopfbedeckung, engem Waffenrock und Mantel über der Rüstung sowie Schwert und Lanze bzw. Schild und Märtyrerpalme. Ins Auge fallend ist die ausgesprochen graphische Ausdrucksweise, die expressive Zeichnung in lebendigen, stark differenzierten Strichen. Die Vorliebe und Betonung des graphischen Elementes geht so weit, daß auch dort, wo in der Glasmalerei der Halbton als flächige Lasur zur Verfügung steht – etwa zur Abschattierung – auf graphische Mittel (Schraffuren) zurückgegriffen wird. Dieser Stil läßt sich aus der Tradition des großen Wiener Ateliers bzw. seiner Filiationen um die Wende zum 15. Jahrhundert ableiten und besitzt in der Steiermark (etwa in den Scheiben der Reiner Kreuzkapelle) unmittelbare Vorstufen. Preziöse Ausführung und delikate Farbkompositionen unterstreichen – trotz der manchmal spürbar im Vordergrund stehenden Routine – die künstlerische Substanz und Sicherheit dieser Werkstatt-Tradition. Als Stifter des Fensters nord II sind Mitglieder der Familie Tumersdorfer dargestellt, die ihren Stammsitz beim heutigen Timmersdorf bei Traboch im Liesingtal hatten und in Kärnten und Steiermark begütert waren. Historische Anhaltspunkte, die sich hier aus der Genealogie der Stifterfamilie gewinnen lassen, ergeben für die Entstehungszeit der Glasgemälde einen wahrscheinlichen Terminus ante quem von 1419.
Das zweite Fenster mit dem Christuszyklus wurde von dem Leobner Bürger Paul Chren gestiftet, der in St. Michael als Hammerherr aufscheint und 1411 vom Salzburger Erzbischof das Goldbergwerk in Gastein pachtete. Wohl darauf Bezug nehmend sind in der Sockelzone seines Fensters die Propheten Daniel und Habakuk dargestellt, die im späteren Mittelalter als Schutzpatrone der Bergknappen angesehen werden. Bei Daniel ist es vielleicht die Tatsache, daß er unbeschadet der Löwengrube entronnen war, die neben ihrer Sinnbildhaftigkeit für die Auferstehung Christi ihn zum Bergwerkspatron werden ließ und mit dem Attribut des Hammers oder Schlägels ausstattete.
Zum Stil des südlichen Chorfensters ist zu sagen, daß es mit nicht weniger Sicherheit und Routine ausgeführt erscheint als das andere, die Zeichnung ist aber knapper und mehr auf monumentale Zusammenhänge ausgerichtet, es fehlt das auf Nahsicht berechnete graphische Detail. Die Beziehungen des Stifters zu Salzburg legen nahe, einen Ausgangspunkt für diese stilistische Grundlage allenfalls in der Salzburger Malerei der Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert zu suchen (Frodl-Kraft). Wir wissen, daß Paul Chren durch Obernahme der Bergwerkspacht 1411 in den darauffolgenden Jahren immer mehr in Schulden geriet, man wird die Fensterstiftung daher nicht allzuweit von diesem Datum abrücken dürfen.


Ernst Bacher


Literatur: Franz KIESLINGER, Gotische Glasmalerei in Österreich bis 1450 (Wien 1928), S. 70. – Maja LOEHR, Leoben, Werden und Wesen einer Stadt (Baden bei Wien 1934), S. 108ff. – Eva FRODL-KRAFT, Die Bildfenster der Waasenkirche in Leoben, Programm und Werkstatt, in: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege, XXV (1971), S. 51ff. – Henriette BRANDENSTEIN, Die Bildfenster der Waasenkirche in Leoben, Die Stifter, in: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege, XXV (1971), S. 64ff. – Kurt WOISETSCHLÄGER/Peter KRENN, Alte steirische Herrlichkeiten (Graz 1968), S. 32.