Geburt Christi

Geburt Christi

In: Gotik in der Steiermark. Katalog der Steirischen Landesausstellung im Stift St. Lambrecht vom 28. Mai bis 8. Oktober 1978. Veranstaltet vom Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung. Redigiert von Elisabeth Langer. – Graz: Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung 1978. 344, 112. 8°. Objekt-Nr.: 141b, S. 166.

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Leihgeber: Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum (Graz, Steiermark), Alte Galerie, 16663
Geburt Christi

© Bundesdenkmalamt, Wien


Um 1410/1415
Glasgemälde; Höhe: 0,775 m; Breite: 0,41m beziehungsweise Höhe: 0,63 m; Breite: 0,39 m. Bis auf zwei kleine Ergänzungen am oberen Rand der Geburtsszene sind beide Scheiben völlig intakt und besitzen auch noch fast durchgehend ihre mittelalterliche Verbleiung. Ursprünglicher Standort: Gratwein, Pfarrkirche.

Reste einer im frühen 15. Jahrhundert entstandenen umfangreichen Verglasung der Pfarrkirche von Gratwein im Landesmuseum Joanneum enthalten als größeres zusammengehöriges Konvolut Teile eines Marienlebens bzw. einer Kindheitsgeschichte Christi.
Zugehörige Architekturscheiben lassen als ursprünglichen kompositionellen Zusammenhang einen ähnlichen retabelartigen Prospekt rekonstruieren wie in Rein. Stilistisch ist Gratwein in die Tradition der großen Wiener Werkstätte nach der Wende zum 15. Jahrhundert einzureihen, und zwar an deren Endphase. Abhängigkeit und Abstand werden in gleicher Weise sichtbar: auf der einen Seite stehende Formeln für bestimmte Ausdrucksformen in den Figuren, stereotyp wiederholtes architektonisches Vokabular und derselbe ornamentale Apparat, auf der anderen eine deutliche Veränderung in der Bildorganisation. Es ist die Routine mehrfach abgeschriebenen Vorlagenmaterials spürbar, daneben kommen aber auch neue entwicklungsgeschichtliche Tendenzen zum Durchbruch, etwa in der Reduktion räumlicher Strukturen zugunsten jener Darstellungsprinzipien, die der weiche Stil in den Vordergrund stellt. Ein Vergleich mit den Scheiben aus St. Erhard der Breitenau macht diesen Entwicklungsschritt ausreichend deutlich. Für die Datierung der Gratweiner Verglasung sind vom Bau her keinerlei Anhaltspunkte gegeben. Aus der Sicht ihres stilistischen Ortes läßt sich aus der Relation zu den Glasgemälden (Freisinger Kapelle in Klosterneuburg, die als unmittelbare entwicklungsgeschichtliche Vorstufe einen Terminus post quem abgeben können, eine Entstehungszeit um 1410 ableiten.
Die Verkündigung weicht vom geläufigen Bildtypus etwas ab. Auf beiden Beinen kniend präsentiert der Engel ohne den üblichen Verkündigungsgestus das Schriftband mit seiner Botschaft; Maria nimmt sie in Orantenhaltung entgegen; die zwischen Säulen der Architektur hereingeflogene Taube symbolisiert die sich vollziehende Conceptio.
In der Geburtsszene kommt die Abhängigkeit vom Vorlagenmaterial des genannten Wiener Werkstattkreises (vgl. etwa zu Klosterneuburg oder Viktring) in der Übernahme identischer Formulierungen ebenso zum Ausdruck wie in der Variation der Anordnung vorgegebener Bildmotive (Maria auf dem Bett, die das Kind badende Magd, Ochs und Esel etc.) im Aufbau der Komposition.


Ernst Bacher


Literatur: Jahresberichte des Steiermärkischen Landesmuseums Joanneum über die Jahre 1904 und 1907, Nr. XC bzw. XCVI (Graz 1905 bzw. 1908) (Bericht über die Ankäufe). – Franz KIESLINGER, Gotische Glasmalerei in Österreich bis 1450 (Wien 1928), S. 29, 30, 68, Abb. XIII/4. – Eva FRODL-KRAFT, Die mittelalterlichen Glasgemälde Wiens (= Corpus Vitrearum Medii Aevi, Österreich, I, 1962), S. XXXV, 76, 127 und 143. – Eva FRODL-KRAFT, in: Katalog Gotik in Österreich (Krems an der Donau 1967), S. 195f., Kat.-Nr. 138. – Eva FRODL-KRAFT, Die mittelalterlichen Glasgemälde in Niederösterreich, I. Teil (= Corpus Vitrearum Medii Aevi, Österreich, II, I972), S. 202ff., 208.