Geburt Christi

Geburt Christi

In: Gotik in der Steiermark. Katalog der Steirischen Landesausstellung im Stift St. Lambrecht vom 28. Mai bis 8. Oktober 1978. Veranstaltet vom Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung. Redigiert von Elisabeth Langer. – Graz: Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung 1978. 344, 112. 8°. Objekt-Nr.: 137a, S. 160.

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Leihgeber: Deutschordenskirche Maria am Leech (Graz, Steiermark)
Geburt Christi

© Bundesdenkmalamt, Wien


Um 1320/1330.
Glasgemälde; Höhe: 0,78 m; Breite: 0,57 m beziehungsweise Höhe: 0,785 m; Breite: 0,495 m. In der Geburt Christi geringfügige Ergänzungen in der dekorativen Umrahmung, die Scheibe mit der heiligen Dorothea unten etwas beschnitten und ebenfalls in der Randzone zum Teil erneuert (Perlband). Durch Abätzung der Rückseiten, die den Verlust außenseitiger Malschichten zur Folge hat, unnatürlich gesteigerte Transparenz, Reduktion der Halbtonlasuren an der Innenseite, Schäden und Verbräunungen durch Kondenswasser. Derbe moderne Verbleiung. Graz, Leechkirche (Fenster süd II/3 b beziehungsweise 5 c).

Die Kirche des Deutschen Ritterordens in Graz, ein einschiffiger, eingeschossiger Bau, war ursprünglich – nach dem Vorbild hochgotischer Kapellen – allseitig von großen Fenstern durchlichtet und mit einer vollständigen Farbverglasung ausgestattet. Über 100 Scheiben haben sich davon noch erhalten. Obwohl nur ein Bruchteil des ursprünglichen Bestandes, läßt dieser doch eine ungefähre Rekonstruktion des ehemals Vorhandenen zu. Ein reiches Programm mit christologischen und marianischen Themen, Heiligenviten und Standfigurenreihen war in den geläufigen Bild- und Kompositionsformen der Zeit (Paßformen, Architekturfenster) dargeboten. Beides, die Vielfältigkeit des ikonographischen Programms und die Vielgestaltigkeit der formalen Präsentation, sind als später Reflex auf die großen Bildprogramme der gotischen Kathedrale des 13. Jahrhunderts zu verstehen, die hier reduziert und vereinfacht nebeneinandergereiht erscheinen.
Stilistisch ist diese Verglasung, die erst mit einem gewissen Abstand zur Vollendung des Baues im frühen 14. Jahrhundert begonnen wurde und deren Fertigstellung sich bis in die dreißiger Jahre erstreckte (was durch das Stifterwappen eines 1335-1337 nachweisbaren Landkomturs zu belegen ist), nicht einheitlich. Vier kontinuierlich aufeinanderfolgende Etappen lassen sich gegeneinander abgrenzen.
Von der zweiten ist die Geburt Christi aus einem Zyklus der Kindheitsgeschichte hier vertreten. Die Form des nur als dekoratives Element verstandenen Langpasses bestimmt die Komposition der Szene. Die Kline, das matratzenartige Lager Mariens, ist steil aufgerichtet, daneben steht die in einem architektonischen Versatzstück mit Zinnenkranz installierte Krippe. In unbeteiligt hieratischer Geste greift die Mutter – einem seit dem frühen Mittelalter geläufigen Bildtypus folgend – nach dem Kind. Ochs und Esel füllen den Hintergrund, Joseph fehlt, er war vielleicht in der nebenstehenden Scheibe dargestellt.
Die kompakte schwere Farbigkeit und spürbare Nachklänge des spätromanischen Zackenstils, die hier gerade erst überwunden scheinen, lassen an eine Entstehungszeit um 1320 denken.
Die heilige Dorothea stammt aus einer Serie von Standfiguren in Langpässen, die der stilistisch jüngsten Gruppe angehört. Auffallende Unterschiede in den Proportionen und im Verhältnis von Figur und Grund, die veränderte Funktion des Langpasses, dem die Heilige wie eine herausnehmbare Statuette eingeschrieben ist, und nicht zuletzt eine andere Tonart in der Farbigkeit markieren den Abstand zur Scheibe mit der Geburt Christi. Stand dort noch der Übergangsstil der Jahrhundertwende im Hintergrund, wird hier bereits deutlich auf den hochgotischen Manierismus des zweiten Jahrhundertviertels verwiesen.
Eine offene Frage ist die stilistische Herkunft dieser jüngeren Scheibengruppe der Leechkirchenverglasung, die sich nicht in der lokalen Tradition verankern läßt. Verwandte Züge in gleichzeitigen Zyklen des Regensburger Domes sind neben allgemeinen Hinweisen auf westliche Impulse die einzigen konkret faßbaren Anhaltspunkte.
Wir haben hier eine der frühen Darstellungen der heiligen Dorothea vor uns, die erst ab dem 14. Jahrhundert verbreiteter auftritt. Mit der Krone als Standesauszeichnung der Jungfrauen ist sie, abgesehen von dem durch die Inschrift gegebenen Hinweis, noch durch ihr persönliches Attribut, das Blumenkörbchen, gekennzeichnet. Auffallend die modische Kleidung, der elegante Schnitt des Mantels, der die graziöse Gestalt reizvoll betont, ein Akzent, der durch den Kontrast der kühl-vornehmen Farbigkeit noch gesteigert wird.


Ernst Bacher


Literatur: Johann GRAUS, Ein Kirchenbau zu Graz, in: Kirchenschmuck XV (1884), S. 33f. und S. 65f. – P. GRUBER, Die Leechkirche in Graz (Graz 1915), S. 39ff., Tafel 26-31. – Franz KIESLINGER, Gotische Glasmalerei in Österreich bis 1450 (Wien 1928), S. 16f. und 68, Tafel IV, VI und II. – Otto SCHWARZ, Mittelalterliche Glasmalerei in Steiermark, in: Mitt. d. Ges. f. Vergleichende Kunstforschung in Wien 1 (1948), S.11f. – Rochus KOHLBACH, Die gotischen Kirchen von Graz (Graz 1950), S. 64ff., Abb. 30-32, Tafel 28, 29. – Erika ALBENSBERG, Glasmalerei in Steiermark 1250-1400 (phil. Diss., Graz 1957), S. 11ff., Kat. 25ff. – Eva FRODL-KRAFT, in: Katalog Gotik in Österreich (Krems an der Donau 1967), S. 179ff., 189f., Abb. 128, 129. – Henriette BRANDENSTEIN, Zur Datierung der mittelalterlichen Glasmalereien in der Leechkirche, in: Historisches Jahrbuch der Stadt Graz 4 (1971), S. 47ff. – Ernst BACHER, Die Chorverglasung der Grazer Leechkirche und ihre Restaurierung, in: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege XXVII (1973), S. 69ff., Abb. 75-82.