Heilige Agatha

Heilige Agatha

In: Gotik in der Steiermark. Katalog der Steirischen Landesausstellung im Stift St. Lambrecht vom 28. Mai bis 8. Oktober 1978. Veranstaltet vom Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung. Redigiert von Elisabeth Langer. – Graz: Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung 1978. 344, 112. 8°. Objekt-Nr.: 134a, S. 157.

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Leihgeber: Filialkirche St. Walpurgis (St. Michael, Steiermark)
Heilige Agatha

© Bundesdenkmalamt, Wien


Werkstatt von St. Walpurgis; um 1295-1297
Glasgemälde; Höhe: 0,97 beziehungsweise 0,95 m; Breite: 0,41 m. In der Substanz ausgezeichnet erhalten, allerdings spürbare Korrosionsschäden an der Außenseite und Verlust von Schwarzlotmalerei. Verbleiung modern. St. Walpurgis bei St. Michael, Filialkirche (Fenster süd II/3 a beziehungsweise nord II/2 b).

In einer dynamischen, aber kunstvoll in die Fläche verspannten Bewegung scheint die heilige Agathe aus ihrem Rahmen herauszutreten. Säulenhaft schlank und ruhig steht die Kluge Jungfrau in der ondulierend eingefaßten Nische, die ein Langpaß ihr als Lebensraum aus dem Teppichgrund herausschneidet. Thema und Bildform weisen jeweils auf einen eigenen Kompositionszusammenhang (Jungfrauenfenster, Heiligenfenster). Alle fünf Fenster im Chor der kleinen Filialkirche St. Walpurgis, die zu den frühesten Bauten der Gotik in der Steiermark zählt, waren ursprünglich mit solchen Standfiguren gefüllt. Im Gesamtzusammenhang müssen diese – ungeachtet ihrer bescheidenen Dimensionen – wie ein monumentales "gemaltes Statuenprogramm" gewirkt haben. Es ist offensichtlich, daß wir ein solches Programm als späten Reflex einer kathedralen Idee aufzufassen und als Hinweis auf deren langanhaltende und bis in die entlegenen Alpentäler reichende Strahlungskraft anzusehen haben.
Zehn Scheiben sind von dieser Ausstattung noch in situ erhalten, fünf weitere im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, alles in allem etwa ein Drittel des ursprünglichen Bestandes.
Die strahlende Farbigkeit der Walpurgisscheiben basiert auf ausgewogenen Farbkompositionen auf der Grundlage von mehrfach miteinander verschränkten Komplementärkontrastpaaren, die ursprünglich jeweils zwei nebeneinanderstehende Scheiben (mit verschiedenen Hintergrundsfarben) zu einer größeren Einheit zusammenfaßten.
Ein üppiger dekorativer Aufwand und der Einsatz aller technischen Mittel – siehe z. B. das rückseitig aufgetragene Brokatmuster am Mantel Agathens – tragen das Ihre zum kostbaren Gesamteindruck dieser Malereien bei.
Die vornehm gekleidete jungfräuliche Märtyrerin mit Palmzweig und Diadem ist ohne individuelle Attribute, nur durch die Inschrift am Randstreifen als heilige Agatha ausgewiesen, die Kluge Jungfrau durch die brennende Öllampe in ihrer Rechten als solche gekennzeichnet. Zur Datierung der Walpurgisscheiben sind historische Anhaltspunkte gegeben. Die kleine Filialkirche geht in ihrer heutigen Gestalt auf einen Neubau des späten 13. Jahrhunderts zurück. Abt Heinrich von Admont (1275-1297), ein wahrscheinlich auf dem nahegelegenen Hof geborener Bauernsohn, der später als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten innerhalb des hohen Klerus seiner Zeit und als mächtiger Mann unmittelbaren Anteil am politischen Geschehen hatte, ist der Stifter des Umbaues und auch der Glasgemälde. Die Fertigstellung des Baues 1295 und der Tod des Stifters 1297 (er wurde von politischen Gegnern ermordet) schränken die Entstehungszeit auf wenige Jahre ein.
Stilistisch markieren die Scheiben von St. Walpurgis den Obergang vom spätromanische Zackenstil zum "dolce stil nuovo" der frühen Gotik. Ähnlich wie in den Wandmalereien der benachbarten Bischofskapelle in Göß löst sich aus dem knittrigen Faltenrelief mehr und mehr die in großen Zusammenhängen gesehene Figur, Körperkern und Gewand werden differenziert, Figur und Hintergrund gegeneinander abgehoben. Eine gewisse Uneinheitlichkeit im stilistischen Habitus besagt wohl nichts anderes, als daß die Walpurgisscheiben aus einer größeren Werkstatt stammen, die auch für die Minoritenkirche in Bruck an der Mur und für die Pfarrkirche von Spital am Semmering (Restscheiben im Joanneum) tätig war.


Ernst Bacher


Literatur: Franz KIESLINGER, Gotische Glasmalerei in Österreich bis 1450 (Wien 1928), S. 13, 42, 68, 70, 72, Taf. 6, 7. – Otto SCHWARZ, Mittelalterliche Glasmalerei in Steiermark, Bericht über eine Sonderausstellung im Landesmuseum Joanneum, in: Mitt. der Ges. f. vergleichende Kunstforschung in Wien, 1. Jg., 1948, S. 11. – Gertrude TRIPP, Die österreichische Glasmalerei des 13. Jahrhunderts, in: Mitt. der Ges. für vergleichende Kunstforschung in Wien, I. Jg., 1949, S. 16. – Hans WENTZEL, Meisterwerke der Glasmalerei (Berlin 1954), S. 91, Tafel 92, 93. – Walther FRODL, Ein Glasgemäldefund in Bruck und seine Zuordnung, in: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege VII (1953), S. 11ff., Abb. 13-16. – Roswitha KROEMER, Die Entstehung und Bedeutung des Zackenstils in der steirischen Kunst des 13. Jahrhunderts (phil. Diss., Graz 1954), S. 30ff. – Erika ALBENSBERG, Glasmalerei in Steiermark 1250-1400 (phil. Diss., Graz 1957), S. 4ff., Kat. S. 5ff. (mit weiterer älterer Literatur). – Kurt WOISETSCHLÄGER/Peter KRENN, Alte steirische Herrlichkeiten (Graz 1968), S. 18f., Abb. 13. – Eva FRODL-KRAFT, Bemerkungen zu Verwitterungsformen und Konservierungsmaßnahmen an mittelalterlichen Glasgemälden, in: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege XXVIII (1974), S. 200ff. – Ernst BACHER, Frühe Glasmalerei in der Steiermark, Ausstellungskatalog, Alte Galerie am Landesmuseum Joanneum (Graz 1975), S. 15ff., Abb. 1-9, Farbtafel.