Flügelaltar

Flügelaltar

In: Gotik in der Steiermark. Katalog der Steirischen Landesausstellung im Stift St. Lambrecht vom 28. Mai bis 8. Oktober 1978. Veranstaltet vom Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung. Redigiert von Elisabeth Langer. – Graz: Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung 1978. 344, 112. 8°. Objekt-Nr.: 128, S. 144.

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Leihgeber: Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum (Graz, Steiermark), Alte Galerie, 341
Flügelaltar

© Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum, Graz


Monogrammist AA.; 1518.
Tempera auf Fichtenholz; sehr guter Erhaltungszustand (restauriert 1957). Gesamtmaße bei geöffnetem Zustand: 178 x 149,5 cm; bewegliche Flügel: 139 x 37 cm, Standflügel: 113 x 27,5 cm, Predella: 27 x 71 cm. Aus der Filialkirche St. Nikolaus in Großreifling stammend, von dort 1886 für das Joanneum erworben.

Entsprechend der plastischen Kreuzigungsgruppe im Schrein sind auf den Flügeln Szenen der Passion Christi dargestellt: auf den Standflügeln links Abendmahl und Geißelung, rechts Gefangennahme und Handwaschung des Pilatus; auf den Werktagsseiten der Flügel links Fußwaschung und Dornenkrönung, rechts Ölberg und Ecce homo; auf den Sonntagsseiten links Kreuztragung und Grablegung, rechts Kreuzabnahme und Auferstehung. Die Predella zeigt den Abschied Christi von den Frauen mit Stifterfiguren, und zwar nach den Hauszeichen links die Gewerkenfamilie Schmied, rechts vermutlich Martin Gall am Gaflenzbach mit Familie. Die Ecce-homo-Darstellung ist datiert und signiert ,"1518. A. A.". Sämtliche Flügelbilder sind nach Dürers Blättern der Kleinen Holzschnittpassion und der Kupferstichpassion angelegt, die Predellaszene greift hingegen ein Motiv aus dem Marienleben auf (H.P. 24, H.P. 33, H.P. 25, K. S. 9, H.P. 37, K. S. 15, K. S. 4, K. S. 10, K. S. 14, H.P. 45, H. P. 27, H. P. 36, M. L. 92).
Die Leistung des Malers besteht darin, daß er Dürers großartige dichte Bilderfindungen in einem volkstümlichen, allgemein verständlichen Erzählton vortrug und durch sein prächtiges Kolorit und die stärkere Einbindung der dramatischen Vorgänge in Raum und Landschaft im Sinne der Donauschule interpretierte. Er war in Wels (Oberösterreich) ansässig, und von seiner Hand stammen auch das Totenbild Kaiser Maximilians I. in der Alten Galerie (Inv.- Nr. 392) sowie einige Tafeln im Stift Kremsmünster.
Kreuzigungsgruppe (Text: Eva Maria Tironiek)
Im Schrein des Großreiflinger Altares ist eine Kreuzigungsgruppe untergebracht. Zu sehen ist die übliche Darstellungsform: Christus am Kreuz, von Maria und Johannes Ev. flankiert, und eine in verkleinertem Maßstab wiedergegebene Maria Magdalena, die zu Füßen Christi kniet. Das Kreuz und die beiden assistierenden Engel sind wegen des herabgezogenen Schleierbrettes nicht deutlich zu erkennen. Dadurch wirkt diese Gruppe gleichsam wie in den Schrein hineingezwängt. Kreuzigungsgruppen dieser Art sind als Schreinbewohner selten, sie finden sich innerhalb eines Altarverbandes meist im Gesprenge oder sie sind in der Kirche isoliert aufgestellt. Es liegt die Vermutung nahe, daß es sich somit nicht um die ursprüngliche Aufstellung handelt. Eine eindeutige Klärung dieses Sachverhaltes ist jedoch nicht mehr möglich.
Neben dieser rein formalen Problematik dieser Gruppe ist auch ihre stilistische Einordnung innerhalb der steiermärkischen Plastik der Spätgotik nicht möglich. Sie wurde wiederholt mit Lienhart Astl in Zusammenhang gebracht (siehe Eva Maria TIRONIEK, Werke der Astl-Werkstatt in der Steiermark. In: Gotik in der Steiermark. Katalog der Landesausstellung. Stift St. Lambrecht 28. Mai bis 8. Oktober 1978. Veranstaltet vom Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung (Graz 1978) , S. 273ff.). Doch muß diese Zuschreibung als falsch angesehen werden. Zur Werkstatt Lienhart Astls lassen sich trotz großer Unterschiede in Stil und Qualität innerhalb dieser Werkstatt zu den Großreiflinger Figuren keinerlei Beziehungen aufzeigen. Vor allem ist die Figurenauffassung eine gänzlich andere: Viel schlanker und geschwungener zeigen sie sich dem Betrachter. Hier wird wohl ein anderer Kunstkreis geltend gemacht werden müssen. Diese Gruppe stammt von einem anonymen Künstler, der sonst in der Steiermark mit keiner vergleichbaren Arbeit vertreten ist. Sie läßt sich stilistisch mit Arbeiten Gregor Erharts und seiner Werkstatt in Zusammenhang bringen. Die Werkstatt Gregor Erharts war in Oberösterreich und im Alpenvorland tätig und war aufgrund ihrer Bedeutung vorbildlich für viele Künstler. Die für die Malerei gültige Datierung, von 1518, ist auch ein Anhaltspunkt für die zeitliche Einordnung unserer Gruppe.


Peter Krenn


Literatur: Wilhelm SUIDA, Die Landesbildergalerie und Skulpturensammlung in Graz (Wien 1923), S. 24f., Nr. 57. – Georg KODOLITSCH, Die gotischen Schnitzaltäre in Steiermark (ungedr. Diss., Graz 1951), S. 85ff. – Kurt HOLTER, Oberösterreich, in: Katalog zur Ausstellung "Die Kunst der Donauschule 1490-1540" (St. Florian/Linz 1965), S. 157.