Heiliger Martin

Heiliger Martin

In: Gotik in der Steiermark. Katalog der Steirischen Landesausstellung im Stift St. Lambrecht vom 28. Mai bis 8. Oktober 1978. Veranstaltet vom Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung. Redigiert von Elisabeth Langer. – Graz: Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung 1978. 344, 112. 8°. Objekt-Nr.: 127, S. 144.

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Leihgeber: Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum (Graz, Steiermark), Alte Galerie, L 19
Heiliger Martin

© Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum, Graz


Leihgabe der Stadtgemeinde Bruck an der Mur.
Meister der Brucker Martinstafel; 1518
Tempera auf Eichenholz; guter Erhaltungszustand (letzte Restaurierung 1951). Maße (ohne Rahmen): 211 x 158 cm. Aus der Bürgerspitalskirche von Bruck an der Mur stammend.

Die spitzbogige Tafel zeigt den heiligen Martin als Reitersoldat im römischen Heer bei der bekannten Mantelspende vor dem Stadttor von Amiens. Der Heilige auf seinem steifbeinigen Gaul (nach Dürers großem Pferdestich, Hollstein 93) nimmt die Bildmitte ein und wird von einem verkrüppelten sowie einem aussätzigen Bettler und einem finster blickenden Bauern flankiert. Ganz im Vordergrund in den unteren Bildecken kniet das Stifterehepaar Leisser. Zwischen beiden in arabischen Ziffern die Jahreszahl "1518". Sie wiederholt sich in römischer Schreibung im Kriegertondo, welches den Zwickel der triumphbogenartigen Stadttorarchitektur ziert. In der reich gestuften alpinen Gebirgslandschaft des Hintergrundes, zu deren Füßen sich eine weitläufige Stadtanlage erstreckt, sind noch zwei Begebenheiten aus dem Leben des Heiligen eingestreut: Unterhalb der Burg in der linken Bildhälfte ereignet sich ein räuberischer Überfall auf Martin; rechts, durch das Stadttor sichtbar, sein Leichenbegängnis. Den oberen Abschluß der Tafel bildet eine Wolkenzone mit Gottvater in der Engelsglorie. Notnamengebendes Werk eines aus Augsburg zugewanderten, Leonhard Beck und Jörg Breu nahestehenden Meisters, der auf seiner Wanderschaft durch die Donaulande (Frühwerke in Weißenbach an der Thaya und Klosterneuburg von 1516) die stimmungsvolle Landschaftsmalerei und volkstümlich-unmittelbare Erzählweise der Donauschule annahm. Dabei waren für ihn vor allem Albrecht Altdorfer sowie auch Michael Pacher und Lukas Cranach von Einfluß. Diese Verschmelzung von Augsburg und Donauschule, die den Stil des Malers charakterisiert, findet sich erstmals auf dieser Tafel.


Peter Krenn


Literatur: Otto BENESCH, Die Tafelmalerei des 1. Drittels des 16. Jahrhunderts in Österreich, in: Die bildende Kunst in Österreich, Gotische Zeit, hg. von Karl Ginhart (Baden 1938), S. 147. – Karl GARZAROLLI, Die Holzschnitte der Mariazeller Wunder, in: "Phaidros", Zeitschrift für die Freunde des Buches und der schönen Künste 1947, S. 181ff. – Peter KRENN, Der große Mariazeller Wunderaltar von 1519 und sein Meister, in: Jahrbuch des Kunsthistorischen Institutes der Universität Graz, Bd. 2 (Graz 1966/67), S. 32ff. – Otto BENESCH/Erwin AUER, Die Historia Friderici et Maximiliani (Wien 1957), S. 105f. – Kurt WOISETSCHLÄGER/Peter KRENN, Alte steirische Herrlichkeiten (Graz 1968), S. 47f.