Votivtafel

Votivtafel

In: Gotik in der Steiermark. Katalog der Steirischen Landesausstellung im Stift St. Lambrecht vom 28. Mai bis 8. Oktober 1978. Veranstaltet vom Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung. Redigiert von Elisabeth Langer. – Graz: Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung 1978. 344, 112. 8°. Objekt-Nr.: 95, S. 123.

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Leihgeber: Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum (Graz, Steiermark), Alte Galerie, L 12
Votivtafel

© Foto Fürböck, Graz


Leihgabe des Stiftes St. Lambrecht.
"Meister der Votivtafel von St. Lambrecht"; um 1430
Tempera auf Holz; Originalrahmen, in sehr gutem Zustand; 79 x 167 cm. Aus St. Lambrecht.

Die Tafel befand sich nach Weixlers Chronik bis etwa 1640 in der Peterskirche von St. Lambrecht, und es ist wohl sicher, daß sie schon ursprünglich für St. Lambrecht bestimmt war. Ikonographisch und stilistisch ist das Werk gleichermaßen von Interesse. Dargestellt finden wir eine Reiterschlacht, die nach einer historischen Nachricht von König Ludwig I. von Ungarn im Jahre 1377 gegen ein östliches (türkisches ?) Reiterheer geführt worden sein soll. Gewissermaßen als Vermittlerin zwischen den kämpfenden Parteien rechts und der Schutzmantelmadonna links ist Hedwig, die Tochter Ludwigs, wiedergegeben. Beide, Ludwig wie Hedwig, standen in persönlicher Beziehung zu Mariazell, das schon seit dem Mittelalter Besitz des Stiftes St. Lambrecht ist. Ludwig selbst hatte in Mariazell nicht nur eine Kapelle gestiftet, sondern der Kirche auch das sogenannte "Schatzkammerbild" gewidmet. Stritrig war bisher immer die stilistische Ein- und Zuordnung der "Votivtafel". Während sie von einigen Autoren dem in Wiener Neustadt urkundlich nachweisbaren Meister "Hans" (von Tübingen) zugewiesen wurde, dessen Tätigkeit sich bis in die sechziger Jahre des 15. Jahrhunderts erstreckte, plädierten andere für "Hans von Judenburg", von dem wir aber nur Werke der Plastik kennen. Weder das eine noch das andere ist beweisbar, und man sollte sich auf den Notnamen "Meister der St. Lambrechter Votivtafel" einigen. Das Oeuvre umfaßt mehrere Tafelwerke; es ist anzunehmen, daß der Meister eine größere Werkstatt besaß. Indirekt mit ihm in Verbindung zu bringen sind weiters das Tympanonrelief des Hauptportals in Mariazell (und ein zwar genanntes, aber nicht mehr erhaltenes Mirakelbüchlein von etwa 430).
Für Suida bildete die Votivtafel den Mittelpunkt einer "steirischen Bildergruppe" aus dei Zeit Herzog Ernsts des Eisernen. Der Autor wollte den königlichen Reiter auf Grund einer Miniatur in der Nationalbibliothek Wien mit Herzog Ernst von der Steiermark identifizieren. Benesch benannte den Maler "Meister der Linzer Kreuzigung". Im Gegensatz zu Suida, der ihn als Steirer ansprach, bezeichnete Pächt ihn als führenden Wiener Künstler. Garzarolli trat dann für die Identifikation des " Votivtafelmeisters" mit "Hans von Judenburg" ein. Baldass wies auf die stilistische Verbindung mit der italienischen Kunst einerseits (Simone Martini), mit der Wiener Malerei andererseits hin. Oettinger rollte die recht komplizierte Meisterfrage neuerlich auf und lokalisierte den Künstler in das damals zur Steiermark gehörende Wiener Neustadt. Vieles an der These Oettingers ist problematisch, so z. B. erscheint der Name zwar sicher, aber es läßt sich dieser (erst 1462 verstorbene!) Maler keineswegs mit irgendeinem bestimmten Bild verknüpfen. Rasmo betonte den Einfluß des "Votivtafelmeisters" auf die italienische Kunst des "internationalen Stils". Stange wiederum gliederte ihn in die Nachfolge des "Meisters der Wiener Anbetung" ein und verankerte den Künstler fester im Wiener Kunstkreis. Neuerdings schloß sich Kreuzer-Eccel wieder der Meinung Garzarollis an, daß der "Votivtafelmeister" mit "Hans von Judenburg" identisch sei und sowohl Maler wie Bildhauer war. Über die "außergewöhnlichen" Formate des steirischen Künstlers machte Koller wertvolle Angaben.


Gottfried Biedermann


Literatur: Heinrich ZIMMERMANN, Ein Salzburger Kreuzigungsbild, in: Jahrbuch für Kunstsammler 1921, S. II. – Walter HUGELSHOFER, Eine Malerschule in Wien zu Anfang des 15. Jahrhunderts, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Kunst, hg. von E. Buchner, I (Augsburg 1924), S. 21ff. – Ludwig BALDASS, Die Neuerwerbungen der Wiener Gemäldegalerie 1920-1923, Katalog der Ausstellung (Wien 1924). – Wilhelm SUIDA, Österreichs Malerei in der Zeit Erzherzog Ernst des Eisernen und König Albrechts II. (Wien 1926), S. 9ff. – Ludwig BALDASS, Gemälde, in: Gotik in Österreich, Katalog der Ausstellung (Wien 1926) , S. 18f., Kat.-Nr. 14. – Eduard ANDORFER, Das Mariazeller Tympanonrelief, in: Zeitschrift des historischen Vereins für Steiermark 1927, S. 80ff. – Otto BENESCH, Zur altösterreichischen Tafelmalerei. Der Meister der Linzer Kreuzigung, in: Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen 1928, S. 63ff., und in: Collected Writings, Bd. III (London 1972), S. 16ff. – Otto PÄCHT, Österreichische Tafelmalerei der Gotik (Augsburg 1929), S. 1Off., 69. – Ludwig BALDASS, Die Wiener Tafelmalerei von 1410-1460, in: Der Cicerone 1929, Heft 3, 5, S. 65ff., 127ff. – Derselbe, Der Meister des Grazer Dombildes und seine kunstgeschichtliche Stellung, in: Jabrhuch der kunsthistorischen Sammlungen 1930, S. 194. – Karl GARZAROLLI-THURNLACKH, Zur Identität des Votivtafelmeisters von St. Lambrecht mit Hans von Judenburg, in: Festschrift E. W. Braun (Augsburg 1930), S. 47ff. – Karl OETTINGER, Hans von Tübingen, Kirchenkunst 1933, S. 5ff. – Ludwig BALDASS, Zur Chronologie, Werkstattführung und Stilableitung des Meisters der St. Lambrechter Votivtafel, in: Kirchenkunst 1934, S. 102ff. – Karl OETTINGER, Hans von Tübingen, Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen 1934, S. 29ff. – Karl GARZAROLLI-THURNLACKH, Zur Stilbildung und Filiation der obersteirischen Malerschule, im besonderen des Meisters der Votivtafel von St. Lambrecht, in: Jubiläums-Festschrift des Steiermärkischen Kunstvereins (Graz 1935), S. 1ff. – Derselbe, Malerei und Skulptur aus Steiermark bis 1400, Katalog der Ausstellung (Wien 1936), S. 26, Kat.-Nr. 47. – Otto BENESCH, Österreichische Handzeichnungen des XV. und XVI. Jahrhunderts (Freiburg 1936). – Othmar WONISCH, Archivalische Beiträge zu den St. Lambrechter Tafelbilder- und Plastikbeständen (Graz 1938), S. 13ff. – Karl OETTINGER, Hans von Tübingen und seine Schule (Berlin 1938). – Derselbe, Altdeutsche Maler der Ostmark (Wien 1942), S. 13f. – Karl GARZAROLLI-THURNLACKH, Die steirischen Malerschulen bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts, in: Das Joanneum 1943, S. 201ff. – Otto DEMUS, Hans von Tübingen, Votivtafel, Meisterwerke der österreichischen Tafelmalerei (Klagenfurt/Wien 1947). – "L'art du moyen age en Autriche" (Genf 1950), S. 47, Kat.-Nr. 90. – Othmar WONISCH, Die Kunstdenkmäler des Benediktinerstiftes St. Lambrecht (= Österreichische Kunsttopographie XXXI, Wien 1951), S. 112f. – Otto SCHWARZ, Kunst des Mittelalters, Katalog des Landesmuseums Joanneum (Graz 1955), S. 46. – Nicolo RASMO, Sulla posizione dell'arte austriaca nel ambiente veneziano die primi decenni del Quattrocento, in: Venezia e Europa, Atti del XVIII congresso internazionale di storia dell’arte, settembre 1955 (Venezia 1956), S. 181ff. – Othmar WONISCH, Die vorbarocke Kunstentwicklung der Mariazeller Gnadenkirche (Graz 1960). – Alfred STANGE, Deutsche Malerei der Gotik, Bd. XI (München/Berlin 1961), S. 11ff. – Walther BUCHOWIECKI, Die Wand-, Buch- und Tafelmalerei, in: L. Baldass - W. Buchowiecki – R. Feuchtmüller – W. Mrazek, Gotik in Österreich (Wien 1961), S. 55. – Charles STERLING, Die Malerei in Europa um 1400, in: Europäische Kunst um 1400 Katalog der Ausstellung (Wien 1962), S. 126f., Kat.-Nr. 60. – Alfred STANGE, Deutsche gotische Malerei 1300-1430 (Königstein um Taunus 1964). – Gerhard SCHMIDT, Die österreichische Kreuzigungstafel in der Huntington Library, in: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege 1966, S. 1ff. – Kurt WOISETSCHLÄGER - Peter KRENN, Alte steirische Herrlichkeiten (Graz 1968), S. 30f. – Elfriede BAUM, Katalog des Museums mittelalterlicher österreichischer Kunst (Wien/München 1977), S. 30ff. – Manfred KOLLER, Der Albrechtsmeister und Conrad Laib, in: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege 1972, S. 143ff. – Eva KREUZER-ECCEL, Hans von Judenburg und die Plastik des weichen Stils in Südtirol (Bozen 1976), S. 85ff. – Gottfried BIEDERMANN, Kunst des Mittelalters, Katalog des Landesmuseums Joanneum (Graz 1976), S. 44. – Theodor MÜLLER, Gotische Skulptur in Tirol (Bozen/Innsbruck/Wien 1976), S. 22. – Gottfried BIEDERMANN, Zur Problematik steirischer Tafelmalerei um 1400, in: Alte und moderne Kunst 1977, S. 1ff.