Privilegium maius (1358/1359) als Erweiterung des Privilegium minus, 1156 September 17

Privilegium maius (1358/1359) als Erweiterung des Privilegium minus, 1156 September 17

In: Ostarrîchi - Österreich 996-1996. Menschen, Mythen, Meilensteine. Katalog der Österreichischen Länderausstellung in Neuhofen an der Ybbs und St. Pölten. Herausgegeben von Ernst Bruckmüller und Peter Urbanitsch. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 388. – Horn: Berger 1996. XXIV, 736. 4°. Objekt-Nr.: 17.02, S. 650.

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Leihgeber: Haus-, Hof- und Staatsarchiv (Wien), AUR (1358/59)
Privilegium maius (1358/1359) als Erweiterung des Privilegium minus, 1156 September 17

© Fotostudio Otto, Wien


Fälschung, Pergament, 71,5 x 59 cm
Echte Goldbulle an roten Seidenfäden, Durchmesser 6 cm

Innerhalb der Fälschungen der sogenannten "Österreichischen Freiheitsbriefe" nimmt das Privilegium maius als eine Steigerung des "kleineren" Privilegs, mit dem die Mark Österreich zum Herzogtum aufstieg, wohl die zentrale Stelle ein. Eines der geschicktesten des an Falsifikaten so reichen Mittelalters hat die Wissenschaft jahrhundertelang beschäftigt und wirft auch heute noch Fragen auf. Das Problem seiner Gültigkeit war allerdings schon 1453 mit der Bestätigung Kaiser Friedrich III. (siehe 17.14) reichsrechtlich gelöst: Alle Vorrechte, die Herzog Rudolf IV. für sich und sein Haus beansprucht hatte, waren knapp 100 Jahre später Realität.
Zweifellos fühlte der bei Antritt seiner Herrschaft noch nicht 19jährige Herzog, mit einer Tochter Kaiser Karls IV. verheiratet, seine Familie vom Schwiegervater übergangen. Die Goldene Bulle von 1356, die die kurfürstliche Stellung und deren Privilegierung festlegte, hatte die zu den bedeutendsten Fürsten zählenden Habsburger nicht berücksichtigt. Der ehrgeizige, hochbegabte Rudolf sah offenbar in einer nach allen Regeln der Kunst fabrizierten Fälschung die Chance, verlorenes Terrain aufzuholen.
Die insgesamt fünf gefälschten Urkunden entstanden im Winter 1358/59 und wurden Karl IV. wahrscheinlich schon im April 1359 zur Bestätigung unterbreitet. Abgesehen davon, daß das Gutachten, das der Kaiser bei Petrarca einholte, die inserierten angeblichen Urkunden Julius Caesars und Neros als Werk eines Esels abqualifizierte, wurde nicht von Fälschungen gesprochen, den Text des Maius, der entscheidenden Urkunde, hingegen betrachtete Karl IV. als eine Liste von Forderungen, die er verweigern oder abändern konnte, – eine Konfirmation durch das Reichsoberhaupt hatte dies nicht zur Folge. Die "Originale" hütete Rudolf wie einen kostbaren Schatz: Grundlage für seine Verhandlungen war eine durch den Bischof von Vicenza beglaubigte Abschrift, die neben den Fälschungen auch die Texte echter Diplome enthielt, also eine raffinierte Mischung von echt und falsch darstellte. Wohlgemerkt: Das Maius sprach nicht von einer Erhebung der Markgrafschaft zum Erzherzogtum, dies wäre ein zu plumpes Vorgehen gewesen. Die Termini blieben "ducatus" und "dux", doch wurde jeder Artikel des Minus mit erweiternden Formulierungen zu in der Gesamtzahl imponierenden Vorrechten des Herzogs bzw. seines Landes gesteigert, die auf die Gleichstellung mit den Kurfürsten abzielten. Die rechtlichen Vorteile – wie z.B. das Herabsetzen der Kriegsdienstleistung für das Reich oder die Funktion des Herzogs als oberster Gerichtsherr, der nicht vor ein fremdes, d.h. auch nicht kaiserliches Gericht zitiert werden konnte – bezweckten die Reduzierung reichsfürstlicher Pflichten gegenüber dem Reich auf ein absolutes Minimum. Anderes wie die Unteilbarkeit des Landes und die Erbfolge der Primogenitur richtete sich an der kurfürstlichen Stellung aus. Unangefochtene weibliche Nachfolge, sollte der jeweilige Herzog ohne Sohn sterben, und unangefochtene Befähigung jedes erbenlosen Herzogs, sein Land wem auch immer zu übergeben, leugneten die Lehensabhängigkeit vom Reich, drängten dessen Befugnisse zurück und schufen ein vom Reich fast unabhängiges Herzogtum. Auch eine der Lieblingsideen Rudolfs, die Regierungsausübung durch den Senior des Geschlechts, die die mit der Gesamthandbelehnung gleichberechtigten Brüder in den Hintergrund schob, wird eingefügt. Daneben werden zeremonielle Auszeichnungen als Ausdruck der bevorrechteten Stellung nicht vergessen. Beginnend mit der ehrenvollen Bezeichnung Österreichs als "Herz und Schild des Heiligen Römischen Reiches" über den Lehensempfang zu Pferd – nicht knieend! – reicht der exzeptionelle Vorrang über das feierliche Auftreten bei dem Lehensakt mit dem Herzogshut in Form der Zinkenkrone bis zur Sitzordnung bei Hoftagen zur Rechten des Kaisers unmittelbar nach den Kurfürsten. In diesem Zusammenhang fällt zum einzigen Mal das Wort "archidux", denn Rudolf will als einer der "palatini archiduces" angesehen werden, da er mit dem Herzogtum Kärnten das Erzjägermeisteramt des Reiches bekleidet.
Die Forschung über die Fälschung vom Inhaltlichen her kann als abgeschlossen gelten. Offen bleibt weiterhin die Frage nach der überlegenen, mit juristischen und historischen Kenntnissen ausgestatteten Persönlichkeit, die im Auftrag Rudolfs Konzept und Formulierung ausarbeitete, wenn man sich nicht mit der Vermutung des herzoglichen Kanzlers als des hochintelligenten Kopfes der Aktion begnügt. Rätselhaft ist außerdem, wie es gelang, einen derart hochstehenden Schreibkünstler zu finden, dessen Imitation der echten Minusurkunde so ausgezeichnet ist, daß sein Schriftprodukt die Schreiber des verlorenen Fridericianums von 1156 identifizieren läßt. Als raffinierter Höhepunkt wird die echte Goldbulle Kaiser Friedrichs I. Barbarossa vom Minus abgelöst und an das Maius gehängt: Wer sollte die Echtheit der erweiterten Urkunde bezweifeln, wenn das echte Siegel Rechtskraft verbürgte?


Christiane Thomas


Literatur: Abbildung: 1100 Jahre österreichische und europäische Geschichte in Urkunden und Dokumenten des Haus-, Hof- und Staatsarchiv, hg. Leo Santifaller (Wien 1949) Tafel 20b; Druck und Lit.: Monumenta Germaniae Historica, Die Urkunden der deutschen Könige und Kaiser 10, 4. Teil, bearb. v. Heinrich Appelt (Hannover 1990) n. 1040; Heinrich Appelt, Kaisertum, Königtum, Landesherrschaft (Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Ergänzungsband 28, 1988) 180-205.