Besitzschenkungen König Heinrichs II. an Markgraf Heinrich (von Österreich), 1002 November 1

Besitzschenkungen König Heinrichs II. an Markgraf Heinrich (von Österreich), 1002 November 1

In: Ostarrîchi - Österreich 996-1996. Menschen, Mythen, Meilensteine. Katalog der Österreichischen Länderausstellung in Neuhofen an der Ybbs und St. Pölten. Herausgegeben von Ernst Bruckmüller und Peter Urbanitsch. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 388. – Horn: Berger 1996. XXIV, 736. 4°. Objekt-Nr.: 17.01, S. 648.

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Leihgeber: Haus-, Hof- und Staatsarchiv (Wien), AUR 1002 XI 1
Besitzschenkungen König Heinrichs II. an Markgraf Heinrich (von Österreich), 1002 November 1

© Fotostudio Otto, Wien


Original, Pergament, 43 x 41,5 cm
Majestätssiegel aus naturfarbenem Wachs, Durchmesser 8,5 cm

Der Sieg Ottos I. 955 über die bis zum Lechfeld bei Augsburg vorgedrungenen Magyaren ermöglichte in den folgenden Jahrzehnten die Rückeroberung ehemaligen Reichsgebietes, dessen militärische Sicherung dem 976 zum ersten Mal genannten Markgrafen Leopold anvertraut wurde. Aber erst 26 Jahre danach – und nicht zu vergessen: Sechs Jahre nach dem ersten Vorkommen des volkssprachlichen Namens "ostarrichi" – wird von einer materiellen Basis für den Markgrafen gesprochen, die zur Bewältigung seiner Aufgaben notwendig war. Den Grund für diese Verzögerung sieht die Forschung in dem Faktum, daß von den Magyaren rückgewonnenes Land an dessen Besitzer vor der Invasion vergeben wurde und erst ein weiteres Vorstoßen nach Osten dem König neue Güter einbrachte, die er dem Markgrafen überlassen konnte: Beide durch Flußläufe begrenzte Gebiete werden deutlich als "sub regia potestate" bezeichnet.
Die Formulierung dieser königlichen Schenkung ist von erstaunlicher Kürze. Auf jede sonst oft weitausholende Begründung unter Anführung einer Befürwortung durch hochstehende Persönlichkeiten wird verzichtet, auch Hinweise auf den realen Zweck oder eventuelle Verdienste des Beschenkten fehlen, nicht einmal der Name jener Mark ist angeführt, für die "ein gewisser" (oder auch "ein bestimmter") Markgraf Heinrich verantwortlich ist. Man geht also davon aus, daß allen – den "gegenwärtig und zukünftig" (Lebenden) –, an die die Urkunde gerichtet ist, zumindest aber allen, die als dem Babenberger benachbarte Grundherren unterrichtet sein mußten, die zum Verständnis des Textes notwendigen Kenntnisse vertraut sind.
Grund und Boden werden dem Markgrafen von König Heinrich II. als freies Eigen überlassen, mit dem er nach Belieben schalten und walten kann: Er ist niemandem für seine Vorgangsweise mit diesem seinem Eigentum verantwortlich, das er (selbst) besitzen, aber auch vererben, vertauschen, verkaufen oder der Kirche überlassen kann.
Wie läßt sich nun die markgräfliche Ausstattung eingrenzen? Das Auffallendste ist zunächst, daß sie in zwei Anteile südlich und nördlich der Donau zerfällt. Im Süden ist die Bestimmung mit "zwischen Dürrer Liesing und Triesting" relativ klar zu treffen. Beide annähernd parallel von West nach Ost führenden Flüsse münden in die Schwechat, die damit ein Stück der Ostgrenze bildet. Den westlichen Abschluß müßte man wohl an den Quellen von Dürrer Liesing und Triesting suchen. Nördlich der Donau sind solche Eingrenzungen nicht möglich, denn dem Markgrafen wird nicht ein festumrissenes Eigen zugewiesen. Er kann zwischen Kamp und March 20 Königshuben auswählen, also persönlich seinen eigenen Überlegungen folgend die seiner Meinung nach günstigsten Gründe suchen.
Abgesehen vom konkreten Inhalt des Textes versteckt sich darin eine Aussage über die Reichsgrenze im nördlichen Osten. Bis zur March, die bis – heute Grenze wechselnder staatlicher Gebilde geblieben ist, kann der König über die Vergabe von Ländereien verfügen.


Christiane Thomas


Literatur: Druck und Abbildung: 1100 Jahre Österreichische und europäische Geschichte in Urkunden des Haus-, Hof- und Staatsarchivs, hg. Leo Santifaller (Wien 1949) 5f., Tafel 3. Druck und Lit.: Urkundenbuch zur Geschichte der Babenberger in Österreich, 4. Bd., 1. Halbbd., bearb. Heinrich Fichtenau (Wien 1968) 7f., n. 556; Helmut Feigl, Bedeutung und Umfang der Königsschenkungen von 1002 und 1035 an die Babenberger. In: Siedlung, Macht und Wirtschaft: Festschrift Fritz Posch zum 70. Geburtstag, hg. Gerhard Pferschy (Graz 1981) 51-54; Erwin Kupfer, Frühe Königsschenkungen im babenbergischen Osten und ihre siedlungsgeschichtliche Bedeutung. In: Unsere Heimat 66/2 (1995) 68-70.