Thomas Bernhard, die Feierlichkeiten zu Kreiskys 70. Geburtstag störend

Thomas Bernhard, die Feierlichkeiten zu Kreiskys 70. Geburtstag störend

In: Ostarrîchi - Österreich 996-1996. Menschen, Mythen, Meilensteine. Katalog der Österreichischen Länderausstellung in Neuhofen an der Ybbs und St. Pölten. Herausgegeben von Ernst Bruckmüller und Peter Urbanitsch. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 388. – Horn: Berger 1996. XXIV, 736. 4°. Objekt-Nr.: 14.5.35, S. 543.

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Leihgeber: Privatbesitz
Thomas Bernhard, die Feierlichkeiten zu Kreiskys 70. Geburtstag störend

© Privatbesitz, Wien


Manfred Deix (geboren 1949), 1981
Karikatur, 63,5 x 74 cm

Im Heft 4/1981 der Zeitschrift "Profil" publizierte Thomas Bernhard unter dem Titel "Der pensionierte Salonsozialist" einen Gastkommentar über Bruno Kreisky (1911-1990) und ein den Bundeskanzler aus Anlaß des 70. Geburtstages feierndes Buch von Gerhard Roth und Peter Turrini. Dieser Artikel löste empörte Reaktionen aus. Vor allem die Politikerkaste reagierte überaus gekränkt. Etwa schrieb Michael Häupl in einem Leserbrief: "Was – so frage ich mich – kann einen Mann wie Thomas Bernhard dazu bewegen, einen derart unsachlichen, haßerfüllten, sich im Randbereich des Psychopathologischen bewegenden Beitrag zu schreiben? Das Bild von einem mir sehr wichtig, interessant und notwendig erscheinenden Literaten in der ohnehin sehr dünnen Kulturszene Österreichs wurde zerstört." Der Text von Bernhard war zumindest als Indikator für mangelnde Liberalität hervorragend geeignet. Daß es eine – nicht die einzige – Funktion von Kunst ist, durch Provokationen Tabus und Mythen anzugreifen und aufzubrechen, hat dann ein Profil-Cartoon (Profil 6/1981) von Manfred Deix erkennbar gemacht. Die vier SPÖ-Kronprinzen Fischer, Blecha, Sinowatz und Gratz tragen priesterlich gewandet einen Baldachin und eine Kreisky-Figur. Turrini und Roth gehen als Ministranten voraus und tragen ein Kreisky-Banner mit der Aufschrift "Unser Landesvater". Vor dem Kreisky-Bildstock, zu dem die ganze Prozession hinpilgert, steht jedoch schon Thomas Bernhard – und pinkelt das Heiligtum an.
Der einzige, der angesichts der hysterischen Reaktionen gelassen und gewohnt überheblich reagierte, war der Bundeskanzler selbst. "Wanns ihm g'sundheitlich nützt", soll er über Bernhard damals gesagt haben, "dann soll er halt..."


Peter Melichar


Literatur: Das Profil 4/1981-8/1981.