Marsch der Juden 1670 aus Wien und anderen Orten

Marsch der Juden 1670 aus Wien und anderen Orten

In: Ostarrîchi - Österreich 996-1996. Menschen, Mythen, Meilensteine. Katalog der Österreichischen Länderausstellung in Neuhofen an der Ybbs und St. Pölten. Herausgegeben von Ernst Bruckmüller und Peter Urbanitsch. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 388. – Horn: Berger 1996. XXIV, 736. 4°. Objekt-Nr.: 14.2.02, S. 423.

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Leihgeber: Kunstsammlungen der Veste Coburg (Deutschland)
Marsch der Juden 1670 aus Wien und anderen Orten

© Kunstsammlungen der Veste Coburg


Reproduktion einer Radierung

Trotz des ghettoartigen Lebens im Unteren Werd sah sich die Wiener jüdische Gemeinschaft im 17. Jahrhundert Anfeindungen ausgesetzt. Die Predigten des Abraham a Sancta Clara (1644-1709), die Interventionen des Wiener Neustädter Bischofs Leopold Graf Kollonitsch (1631-1707) sowie mysteriöse Vorfälle bei Hof führten zur Aufhebung der Wiener Judenstadt. Als im Jahr 1668 der drei Monate alte Kronprinz starb und ein Brand den größten Teil der Wiener Hofburg verwüstete, gelangten weite Kreise zu der Überzeugung, daß derartige Katastrophen die Strafe Gottes für die Zulassung der Juden in Wien seien. Im Jahr 1669 empfahl die Inquisitionshofkommission Kaiser Leopold I. (1640-1705, Kaiser ab 1658) die Ausweisung in einer sehr ausführlichen Stellungnahme. Die Ausweisung der Juden wurde am 27. Februar 1670 im Ministerrat beschlossen, wobei als Frist zum Verlassen der Stadt der Fronleichnamstag desselben Jahres gesetzt worden war. Diese Entscheidung des Kaisers wurde durch "öffentlichen Ruf in der Stadt" verkündet. Die abziehenden Juden erhielten Paßbriefe, viele wanderten in andere habsburgische Länder wie Böhmen, Mähren und Ungarn aus, andere nach Bayern, nach Berlin, aber auch nach Polen. Anstelle der Hauptsynagoge der Judenstadt wurde eine Kirche gebaut, welche auf den Namen des heiligen Leopold, des Namenspatrons des Kaisers, geweiht wurde. Von nun an hieß das Gebiet der ehemaligen Judenstadt im Unteren Werd "Leopoldstadt".


Renate Zedinger


Literatur: 1000 Jahre Österreichisches Judentum, ed. Klaus Lohrmann (= Studia Judaica Austriaca IX, Eisenstadt 1982); David Kaufmann, Die letzte Vertreibung der Juden aus Wien und Niederösterreich, ihre Vorgeschichte (1625-1670) und ihre Opfer (Wien 1889).