Meßkelch, sogenannter "Tassilo-Kelch"

Meßkelch, sogenannter "Tassilo-Kelch"

In: Ostarrîchi - Österreich 996-1996. Menschen, Mythen, Meilensteine. Katalog der Österreichischen Länderausstellung in Neuhofen an der Ybbs und St. Pölten. Herausgegeben von Ernst Bruckmüller und Peter Urbanitsch. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 388. – Horn: Berger 1996. XXIV, 736. 4°. Objekt-Nr.: 10.1.03, S. 250.

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Leihgeber: Benediktinerstift Kremsmünster (Oberösterreich), Schatzkammer
Meßkelch, sogenannter

© Benediktinerstift Kremsmünster (Kunstverlag Hofstetter, Ried im Innkreis)


Herzogtum Bayern (Regensburg oder Salzburg ?), 777 (?)
Höhe 25,5, Durchmesser der Cuppaöffnung 15,6 cm – Kupfer, gegossen und getrieben, vergoldet und versilbert, Silber, Niello, Glasflüsse.
Kopie, 1996 durch Mag. Hannelore Karl und Mag. Martin Klobassa (Wien) hergestellt.

Der originale Kelch war ein Geschenk des Baiernherzogs Tassilo III. (um 742-794, Herzog von 748-788) aus dem Geschlecht der Agilolfinger und seiner Gemahlin, der Langobardenprinzessin Liutpirc, an das von Tassilo im Jahre 777 gestiftete Kloster Kremsmünster. Der Stifter und seine Gattin sind in der Inschrift auf dem Fuß des Kelches genannt:
TASSILO DVX FORTIS LIVTPIRC VIRGA REGAUS (Tassilo, starker Fürst, Liutpirc, königlicher Sproß)
Der Baiernherzog war bestrebt, seine Autonomie König Karl (dem Großen) gegenüber zu wahren, d. h. sich der Integration seines Herzogtums in das Karolingische Reich zu widersetzen. Durch seine Heirat mit Liutpirc, der Tochter des Langobardenkönigs Desiderius, versuchte Tassilo III. seine Position auszubauen. Auch die Gründung von Klöstern wie jenes an der Krems ist Teil seiner politischen Bestrebungen. Auf derselben Linie liegt Tassilos Selbstdefinition als "starker Fürst" und der Hinweis, daß seine Gattin der Sproß einer Königsfamilie ist (vgl. die Stifterinschrift). Das Kloster an der Krems hat Tassilo mit Land und Personal reich beschenkt. Wahrscheinlich gehörte auch der Kelch zur Grundausstattung des Stiftes. Er dürfte als calix ministerialis (Spendekelch) der klösterlichen Gemeinschaft gedient haben. Aufgrund des historischen Kontextes ist eine Entstehung des Kelches um 777 anzunehmen. Einen sicheren terminus post quem bildet die Hochzeit von Tassilo III. und Liutpirc im Jahre 768/769, einen sicheren terminus ante quem das Jahr 788, in welchem Tassilo durch König Karl abgesetzt und zum Tode verurteilt worden ist; das Urteil wurde dann auf lebenslange Klosterhaft revidiert.
Der Kelch läßt sich mit Vorsicht mit jenem goldenen Kelch identifizieren, der im Schatzinventar des Kremsmünsterer Abtes Sigmar von Niederaltaich, der 1013 anläßlich seines Amtsantrittes als Abt von Kremsmünster die dort befindlichen Schatzstücke (im Codex millenarius minor [Kremsmünster, Stiftsbibliothek, Cim. 2], folio 70 v) aufzeichnen ließ, genannt ist. Dort ist neben vier silbernen Kelchen mit Patenen auch ein calix aureus cum patena (ein goldener Kelch mit Patene) erwähnt. Die zum Tassilo-Kelch gehörige Hostienschüssel dürfte demnach im beginnenden 11. Jahrhundert noch existiert haben.
Der Kelch besteht aus einem steilen, konisch geschwungenen Fuß, der fließend in einen breitgedrückten Knauf übergeht. Auf diesem ruht, durch einen separat gegossenen Perlkranz getrennt, die steile, hohe Cuppa. Die Cuppa wird ursprünglich einen Einsatz aus Metall besessen haben. Die Stiftungsinschrift verläuft oberhalb des Fußrandes. Den Cupparand begleitet ein breites Ornamentband. Im übrigen ist die Außenwand der Cuppa durch fünf hochovale Clipei gegliedert, die Darstellungen Christi und der vier Evangelisten umschließen. Vier kleinere Clipei auf dem Kelchfuß rahmen Heilige, die aufgrund der Monogramme als Theodor Martyr (Monogramm "TM"), Johannes der Täufer ("IB"), Maria ("MT") und Theodolinde ("PT") identifizierbar sind. Die Darstellung Christi auf der Cuppa könnte im Hinblick auf das Patrozinium des Klosters an der Krems gewählt worden sein; es ist dem Weltheiland geweiht.
Die Oberfläche des Cupparandes und der Rahmungen der Clipei, der Zwickel zwischen ihnen und die Oberfläche des Nodus ist in Kerbschnitt ausgeführt, der Knauf zusätzlich mit Glasflüssen besetzt. Das motivische Repertoire reicht von Flechtbändern über Tiere (bandförmige Vierfüßler, teils mit Nackenzotteln) und Pflanzen zur Zirkelschlagornamentik. Technisch und motivisch verweist die Kerbschnittornamentik auf englische Werke des 7. und 8. Jahrhunderts; vergleichbar sind aber auch noch Werke des 9. Jahrhunderts wie ein irischer Beschlag aus Valle (Aust-Agder, Norwegen [Oslo, Universitets Oldsakamling, Inv. Nr. Co 30540]). Die figuralen Medaillons bestehen aus aufgesetzten Silberplatten, die durch Nielloeinlagen und Vergoldungen strukturiert sind. Ikonographisch verweisen diese Teile auf Einfluß aus Italien: Beispielsweise findet sich das sehr spezifische ikonographische Motiv, daß der Evangelist seinen Kopf mit seinem auf dem Stuhl aufgestützten Arm abstützt, auch im – etwas jüngeren – Cuthbercht-Evangeliar (Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Codex lat. 1224, folio 17v), dessen Schreiber und Illuminator, Cuthbercht, aus dem insularen Bereich stammte, aber auch mediterrane Einflüsse rezipiert hat. Später taucht dasselbe Motiv auch im Codex millenarius maior (Kremsmünster, Stiftsbibliothek, Cim. 1, folio 17v) auf.
Motivische und stilistische Relation bestehen auch zum sogenannten Montpellier-Psalter (Montpellier, Bibliothèque de la Faculté de Médicine, Ms. 409), der in Mondsee für ein Mitglied der Agilolfingerfamilie hergestellt worden sein dürfte; die Figur Christi auf dem Kelch und jene im Psalter (folio 2v) sind direkt vergleichbar.
Das läßt den Schluß zu, daß der Kelch nicht im insularen Bereich selbst, sondern in einer insular beeinflußten Werkstatt auf dem Kontinent, konkret im Herzogtum Baiern entstanden ist. Die Relation zu dem – nach Salzburg lokalisierbaren – Cuthbercht- Codex lassen an Salzburg als Entstehungsort des Kelches denken; in Frage kommt aber auch die Residenzstadt Tassilos: Regensburg.


Martina Pippal


Literatur: G. Haseloff; Der Tassilokelch (Münchener Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte, Bd. 1, München 1951); Österreichische Kunsttopographie Bd. XLIII. Die Kunstdenkmäler des Benediktinerstiftes Kremsmünster bearb. v. E. Doberer, P. W. Neumüller u.a., Bd. I (Wien 1977) 497ff.; H. Fillitz-M. Pippal, Schatzkunst. Die Goldschmiede- und Elfenbeinarbeiten aus Österreichischen Schatzkammern des Hochmittelalters (Salzburg-Wien 1987) 58ff., Abb. 2.1 -2.9; N. Wibiral, Bemerkungen zum neuen Werk über früh- und hochmittelalterliche Schatzkunst aus Österreichischen Kirchen und Klöstern. In: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege XLI (1987), 140-142; E. Wamers, Exkurs: Zur Ikonographie des Tassilokelch-Stils. In: Pyxides imaginatae. Zur Ikonographie und Funktion karolingischer Silberbecher. In: Germania 69 (1991, 1. Halbband), 124-128; W. Telesko, Lemma "Tassilokelch". In: Lexikon der Kunst, Bd. VIII (Leipzig 1994) 217f.